Die Furcht vieler Durchschnitts- und Besserverdiener vor einem Absturz in die Dauerarbeitslosigkeit ist nach einer Untersuchung des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) weitgehend unbegründet. Demnach erzielte nur einer von 1000 Hartz-IV-Empfängern vor dem Verlust des Arbeitsplatzes ein monatliches Bruttogehalt von mehr als 3500 Euro.

Der Anteil der Hartz-IV-Bezieher, die zuvor 1500 Euro brutto und mehr verdient hatten, lag den Angaben zufolge bei zehn Prozent. Knapp über 50 Prozent hatten bei ihrer letzten Beschäftigung nur bis zu 500 Euro brutto verdient. „Ehemalige Durchschnitts- und Besserverdiener sind bei Hartz IV nur ein Randphänomen“, sagte der Direktor Arbeitsmarktpolitik des Instituts, Hilmar Schneider. Die Zahlen basieren auf einer Stichprobe von 150.000 Arbeitslosen aus den Jahren 2000 bis 2007. Etwa 70.000 davon sind 2007 arbeitslos geworden, nur 6000 sind schon seit 2001 arbeitslos.

Vor dem Hintergrund der Studie bezeichnete Schneider die Arbeitsmarktpolitik der schwarz-gelben Bundesregierung und die der vergangenen großen Koalition als fragwürdig. So gebe es keine Hinweise darauf, dass heute mehr ehemals Besserverdienende als noch vor ein paar Jahren von Hartz IV leben müssten.

Weil sie den gesellschaftlichen Absturz der Mittelschicht fürchtete, hatte die große Koalition die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes auf bis zu 24 Monate verlängert, um zu verhindern, dass früher gut verdienende Vollzeitbeschäftigte schon nach zwölf Monaten auf Hartz IV herabgestuft werden. Die schwarz-gelbe Koalition erhöhte zudem im vergangenen Herbst das Schonvermögen für ALG-II-Empfänger.

Den meisten Langzeitarbeitslosen nützt das aber kaum, da sie praktisch kein zu schützendes Vermögen aufweisen. „Politisch waren die Entscheidungen falsche Signale und ein Rückfall in alte Zeiten“, sagte Schneider. Es würden Fehler gemacht wie vor Inkrafttreten der Hartz-IV-Reform. Damals wurden Arbeitslose bis zu 32 Monate finanziell unterstützt. Wer die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes verlängere, sorge dafür, dass der Anreiz, rasch wieder eine Beschäftigung aufzunehmen, geringer ausfalle, kritisierte Schneider. Allerdings sind in der IZA-Studie die Auswirkungen der Wirtschaftskrise nicht erfasst; sie basiert auf Daten, die bis 2007 erhoben wurden.

Zwar gibt es keine Belege dafür, dass sich an der Struktur der Hartz-IV-Empfänger etwas geändert hat, die steigende Arbeitslosigkeit unter traditionell gut verdienenden Akademikern ist dafür aber ein starkes Indiz. Laut aktuellen Berechnungen der Bundesagentur für Arbeit, die Morgenpost Online vorliegen, ist zwischen Januar 2009 und Januar 2010 die Zahl arbeitsloser Hochschulabsolventen um 22,8 Prozent gestiegen.

Das ist der stärkste Anstieg für diesen Zeitraum seit 1999. In absoluten Zahlen bedeutet dies ein Plus von 34000 hoch qualifizierten Arbeitslosen innerhalb eines Jahres. Sogar zu Krisenzeiten nach dem Zusammenbruch der New Economy war der Anstieg mit 22 Prozent zwischen Januar 2002 und Januar 2003 etwas geringer ausgefallen. Ähnlich gravierend ist der Anstieg bei den Hartz-IV-Empfängern mit Hochschulabschluss. Inzwischen gelten fast 64.000 Hochschulabsolventen als „arm“. Das sind 18 Prozent mehr als noch im Januar 2009.

Laut Statistik der Bundesagentur für Arbeit hat die Krise bei den Akademikern fast alle Branchen getroffen, am stärksten jedoch „Arbeits- und Berufsberater“ mit einem Plus von 19 Prozent. Auch Geisteswissenschaftler (plus 9,7 Prozent), Naturwissenschaftler (plus 8,5) und Ingenieure (plus 5,2) sind 2009 vermehrt arbeitslos geworden.