Grüne

Alternative sind auf dem Weg zur linken Volkspartei

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Jens Anker

Nirgendwo in Deutschland wird so grün gewählt wie in Berlin-Kreuzberg: Fast 30 Prozent für die Partei und fast die Hälfte für den Direktkandidaten Ströbele. Doch auch in bürgerlichen Gegenden legt die Grünen zu. Jetzt droht ein parteiinterner Flügelkampf zwischen Linken und Realos.

Dirk Behrendt fuhr Mittag mit dem Fahrrad durch Kreuzberg und klebte „Danke“-Banderolen auf die Wahlplakate der Grünen. Das Mitglied des Abgeordnetenhauses zeigte sich überaus zufrieden mit dem Ausgang der Wahl in seinem Bezirk. Friedrichshain-Kreuzberg, die Mutter aller Grünen-Hochburgen, hat am Sonntag wieder das stärkste Ergebnis bundesweit eingefahren. 29,2 Prozent der Zweitstimmen gingen an die Partei. Direktkandidat Hans-Christian Ströbele erreichte mit 46,8 Prozent ebenfalls ein Rekordergebnis – zum dritten Mal gewann Ströbele den Wahlkreis direkt. „Ich bin richtig stolz darauf“, sagte der 70-Jährige. „So viele Müslis gibt's hier ja gar nicht. Wir sind hier Volkspartei.“

Der Ex-Juso-Chef und Wowereit-Vertraute Björn Böhning (31) landete abgeschlagen auf dem dritten Platz, noch hinter der Linke-Kandidatin Halina Wawzyniak. Behrendt sieht daher den linken Flügel der Partei im Aufwind. „Das zeigt, dass die Grünen mit einem linken Profil erfolgreich sind und die Vorstellung, wir seien eine bürgerliche Partei, falsch ist.“

Dagegen spricht das Gesamt-Berliner Ergebnis. In den bürgerlichen Bezirken Charlottenburg-Wilmersdorf, Tempelhof-Schöneberg und auch in Pankow haben die Grünen die SPD bei den Zweitstimmen überholt. In Mitte liegen sie gleichauf mit den Sozialdemokraten. Im Abgeordnetenhaus-Wahlkreis 6 in Pankow wählten 36,6 Prozent der Wähler grün und überholten damit sogar die Friedrichshain-Kreuzberger. Grund genug für die Grünen, sich Gedanken über das künftige Auftreten zu machen.

Fraktionschef Volker Ratzmann spricht sich seit Längerem dafür aus, stärker in die Mitte zu drängen, ohne dabei die Stammwähler zu verlieren. Ein Spagat, der die Grünen auch intern beschäftigt. Der linke Behrendt und der Realo Ratzmann sind Widersacher in der Abgeordnetenhaus-Fraktion. Schon heute könnte der Flügelkampf zwischen beiden aufbrechen. Die Fraktion verständigt sich über die Kandidaten für die Vorstandswahl am 13.Oktober. Noch unklar ist, ob Behrendt direkt gegen Ratzmann antritt. Die Fraktion ringt um ihr sensibles Gleichgewicht. Als sicher gilt dagegen, dass die bisherige Fraktionschefin Franziska Eichstädt-Bohlig ihr Amt aufgibt und der 32 Jahre alten Haushaltsexpertin Ramona Pop weicht.

Unterdessen kehrte Ströbele in den Bundestag zurück. „Am Montag fängt die Arbeit an, wieder eine linke Mehrheit hinzubekommen.“ Darauf wartet Ströbele seit vier Jahren.


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