USA

Zahl der Toten bei Anschlägen von Boston steigt auf drei

Der Terror kehrt in die USA zurück: Beim Boston-Marathon sind zwei Bomben explodiert. Drei Menschen starben, mehr als 130 wurden verletzt.

Der Terror kehrt in die USA zurück: Bei Bombenanschlägen sind während des Boston Marathons mindestens drei Menschen getötet und mehr als 130 verletzt worden. Zwei verheerende Explosionen erschütterten am Montag den 117. Boston-Marathon. Der Polizei zufolge handelte es sich um zwei Bomben.

Die Explosionen ereigneten sich gegen 14.45 Uhr Ortszeit (20.45 Uhr MESZ) im Abstand von etwa 15 Sekunden nahe der Ziellinie. Die Orte der Explosionen lagen rund 170 Meter auseinander. Zahlreiche Läufer liefen gerade in das Ziel ein, viele stürzten zu Boden, einigen wurden Füße und Beine abgerissen.

Auf Fernsehbildern war zu sehen, wie Rettungskräfte in der Stadt im Bundesstaat Massachusetts verwundete Menschen versorgten.

Laut der Polizei kamen drei Menschen bei den Explosionen ums Leben. Laut dem Fernsehsender CNN soll auch ein achtjähriger Junge unter den Toten sein. Es gebe mindestens 141 Verletzte. Mindestens 18 Menschen seien schwer verletzt worden, darunter seien auch acht Kinder, so der Sender weiter. Mindestens 10 Menschen sollen Beine oder Arme verloren haben, was darauf hindeuten könnte, dass die Bomben dicht über dem Boden angebracht wurden.

23.000 Teilnehmer beim Marathon

Bei dem Marathon waren nach Angaben der Organisatoren 23.326 Läufer an den Start. Davon seien 17.584 vor den Explosionen im Ziel gewesen. Der Wettkampf wurde abgebrochen. Der Marathon ist einer der wichtigsten Laufveranstaltungen weltweit. Rund 500.000 Zuschauer waren bei dem traditionsreichen Ereignis dabei.

Ein Sportler sagte, er habe mindestens zwölf Menschen mit schweren Verletzungen gesehen. Ein anderer berichtete, er habe mindestens 30 Menschen gesehen, denen Körperteile fehlten. Rettungskräfte trugen blutende und verstümmelte Menschen zu einem medizinischen Versorgungszelt. Sportler und Helfer flohen vor dem Chaos. Rauch stieg am Ort der Explosionen auf. Filmaufnahmen von einem Helikopter zeigten Blutlachen auf der Straße.

„Ich hörte zwei sehr laute Explosionen“, berichtete ein Augenzeuge. “Ich sah auch sehr, sehr schwere Verletzungen“, fügte er im TV hinzu. Die Nachrichtenagenturen sendeten Fotos von Menschen, denen die Beine abgerissen worden waren.

CNN berichtete unter Berufung auf FBI-Beamte, die US-Bundespolizei gehe von einem Terroranschlag in Boston aus. Damit würde es sich um den ersten tödlichen Terrorangriff in den USA seit den Anschlägen vom 11. September 2001 handeln. Die Hintergründe der Anschläge blieben unklar. Es hatte keine Terrordrohung gegeben.

Die Behörden suchten nach einem dunkelhäutigen oder schwarzen Mann mit einem schwarzen Rucksack und einem schwarzen Sweatshirt. Der Mann soll unmittelbar vor der ersten Explosion versucht haben, Zugang zu einem gesperrten Bereich zu erlangen. Die Polizei befragte nach eigenen Angaben viele Zeugen, hatte allerdings zunächst niemanden festgenommen.

Die Polizei leitete die Nachzügler des Rennens gemäß eines Notfallplans um. Ein nahe gelegenes Hochhaus mit einem Einkaufszentrum wurde laut Medienberichten aus Sicherheitsgründen evakuiert. Über dem Ort der Explosionen wurde im Umkreis von 5,6 Kilometern eine Flugverbotszone eingerichtet. Das Handynetz wurde vorübergehend abgeschaltet, um Fernzündungen möglicher weiterer Bomben zu verhindern.

Verwirrung um dritte Explosion

Bei einer Pressekonferenz im Westin Hotel sprach der Polizeichef von Boston, Ed Davis, kurz nach den Detonationen von einer „Vielzahl von Opfern“. Es seien inzwischen alle Verletzten in umliegende Krankenhäuser gebracht worden. Seinen offiziellen Angaben zufolge ereigneten sich die Explosionen in einem Abstand von 200 Metern. FBI-Agenten seien im Einsatz. Auch die Nationalgarde war im Einsatz.

Bei einer zweiten Pressekonferenz gegen 3 Uhr (MESZ) korrigierte er die Zahl der Toten von zwei auf drei.

Die Polizei in Boston berichtete zunächst von einer dritten Explosion in der John-F.-Kennedy-Bibliothek, relativierte ihre Angaben aber später. Der Vorfall scheine in Zusammenhang mit einem Feuer zu stehen, teilte die Polizei der Ostküstenmetropole über den Kurznachrichtendienst Twitter mit. Auch die Bibliothek selbst twitterte, es habe sich um ein Feuer gehandelt. Jegliche Verbindung zu den Explosionen beim Marathon seien reine Spekulation.

Polizeichef dementiert Verhaftung

Der Polizeichef rief die Menschen in Boston dazu auf, in ihre Hotels zurückzukehren. Die Situation sei ernst. Eine Hotline für Opfer und Angehörige und eine für Zeugen wurden eingerichtet. Man arbeite auch mit der Nationalgarde zusammen. „Nach diesem Vorfall gab es sicher eine Menge Menschen, die vom Tatort geflüchtet sind. Viele haben sicher auch Taschen hinterlassen. Jede dieser Taschen wird als möglicher Behälter für eine Bombe betrachtet“, sagte Polizeichef Ed Davis weiter. Die Bomben hätten eine starke Sprengkraft gehabt. Es gebe viele Berichte, von verdächtigen Taschen und Päckhen. Diese würden alle untersucht.

Polizeichef Ed Davis lehnte detaillierte Angaben zu den laufenden Untersuchungen ab. Er wies aber Berichte zurück, nach denen ein Tatverdächtiger gefasst sei. Es würden mehrere Menschen vernommen, bestätigte Davis lediglich. Der Polizeichef und Vertreter der Bundespolizei FBI wollten sich auch nicht zu Berichten äußern, nach denen möglicherweise bis zu fünf weitere Sprengsätze gelegt wurden, aber nicht explodierten.

Richard DesLauriers vom FBI sprach von „strafrechtlichen Ermittlungen, die in Terrorismus-Ermittlungen münden könnten“. Die Behörden baten auch um Verständnis, dass sie keine weiteren Informationen herausgeben könnten. Die Ermittlungen seien noch in einer sehr frühen Phase.

Die Polizei von Boston bei Twitter

Obama ordnet höhere Sicherheitsmaßnahmen an

In einem kurzen Pressestatement sagte US-Präsident Barack Obama: „Wir beobachten die Situation wie sie sich entwickelt. Wir werden weiter untersuchen, was geschehen ist. Wir werden heute beten für Boston. Michelle und ich machen uns Sorgen wegen der Menschen, die hier gestorben sind. Wir wissen, dass Menschen verwundet worden sind. Es gibt heute keine Republikaner und Demokraten, sondern wir sind vereinigte Amerikaner, die in Sorge sind. Alle Amerikaner stehen an der Seite der Bürger von Boston. Wir grüßen alle diejenigen, die jetzt so schnell geholfen haben.“

Obama weiter: „Wir wissen immer noch nicht , wer das getan hat. Aber wir werden herausfinden, wer das getan hat und warum das geschehen ist. Jedes verantwortliche Mitglied dieser Gruppe werden wir zur Verantwortung ziehen.“ Obama wies zudem die Bundesbehörden an, die Sicherheitsmaßnahmen in den USA – wo erforderlich – zu erhöhen.

Explosionen in der Nähe der Ziellinie

Die Explosionen ereigneten sich in der Nähe des Copley Square.

Obama wies führende Bundesbeamte an, jegliche notwendige Hilfe zur Verfügung zu stellen. Er war gegen 15 Uhr Ortszeit von der Explosion in Kenntnis gesetzt worden. Obama wurde nach den Explosionen in Boston vom Direktor der Bundespolizei FBI, Robert Mueller, und von Heimatschutzministerin Janet Napolitano über die Ermittlungen unterrichtet. Das teilte das Weiße Haus mit. Obama habe auch mit dem Bostoner Bürgermeister Tom Menino und dem Gouverneur von Massachusetts Deval Patrick über die Lage beraten.

Der Präsident vermied es von Terrorismus zu sprechen. Wie aber aus dem Weißen Haus verlautete, geht man von einem terroristischen Hintergrund aus.

Google stellt „Person Finder“ online

Google stellte eine Suche für vermisste Personen online. Beim „Person Finder“ kann jedermann Informationen zu Teilnehmern oder Besuchern des Laufs eingeben wie den Gesundheitszustand oder den Aufenthaltsort. Mit einer einfachen Suchmaske lassen sich diese Daten dann von besorgten Freunden oder Familienmitgliedern abrufen.

Der „Person Finder“ beruht somit auf der Mithilfe möglichst vieler Internetnutzer. Zwei Stunden nach den Explosionen am Montag gab es bereits rund 1800 Einträge. Der „Person Finder“ wurde für Naturkatastrophen entwickelt und kam unter anderem beim Erdbeben und Tsunami in Japan im März 2011 zum Einsatz.

UN-Generalsekretär verurteilt Anschläge

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat die Bombenanschläge auf den Boston-Marathon scharf verurteilt. „Diese sinnlose Gewalt ist umso schrecklicher, weil sie bei einem Ereignis stattgefunden hat, das dafür bekannt ist, Menschen aus aller Welt in Fairness und Harmonie zusammenzubringen“, sagte Ban am Montag (Ortszeit) in New York. Seine Gedanken seien bei den Angehörigen der Opfer und bei allen Menschen in Boston. „Den Verwundeten wünsche ich eine rasche Genesung.“ Sobald mehr Details bekannt seien, wolle er sich ausgiebiger äußern.

Auch Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen reagierte entsetzt. „Ich bin tief schockiert von den Explosionen beim Boston-Marathon“, erklärte Rasmussen in der Nacht zum Dienstag in Brüssel. Er sprach den Familien und Freunden der Todesopfer sein Mitgefühl aus und wünschte den Verletzten eine vollständige Genesung. „Meine Gedanken sind bei den Menschen in Boston und in den gesamten USA“, erklärte der Nato-Generalsekretär weiter.

Der Führer der jordanischen Salafisten begrüßte dagegen die Anschläge. Er sei „glücklich, den Schrecken in Amerika zu sehen“, erklärte Mohammad Al-Chalabi. Amerikanisches Blut sei nicht wertvoller als muslimisches Blut. „Lass die Amerikaner den Schmerz fühlen, den wir durch ihre Soldaten im Irak und in Afghanistan erleiden, die diese Länder besetzen und unsere Leute dort töten.“

Sicherheitsvorkehrungen in New York verstärkt

In Washington und New York wurden Einsatzkräfte in Alarmbereitschaft versetzt. US-Präsident Obama stand in Kontakt mit dem Bundesstaat Massachusetts und den lokalen Behörden, teilte das Weiße Haus mit. „Wir sind mit unseren Gebeten bei den Menschen in Boston“, sagte Vizepräsident Joe Biden.

Nach den Explosionen beim Boston-Marathon verstärkte die Polizei die Sicherheitsvorkehrungen in der Millionenmetropole New York. Hotels und bekannte Gebäude würden bis auf weiteres strenger bewacht, berichteten US-Medien am Montag unter Berufung auf einen Polizeisprecher. Die verstärkte Polizeipräsenz würde mindestens so lange aufrechterhalten, bis Näheres über die Explosionen in Boston bekannt sei.

Auch die Polizeipräsenz in der U-Bahn werde verstärkt. Dazu würden unter anderem die gesamte, rund 1000 Mann umfassende Terrorabwehr-Truppe der New Yorker Polizei sowie Spezialfahrzeuge eingesetzt. „Einige dieser Maßnahmen können leicht bemerkbar sein, andere nicht“, sagte Bloomberg.

Er rief die Bewohner New Yorks zu Gebeten für die Opfer der Explosionen in Boston und für deren Angehörige auf.

Die US-Flaggen über dem Kongressgebäude in Washington wehten auf Halbmast. Das ordnete Parlamentspräsident John Boehner an. „Das ist ein schrecklicher Tag für alle Amerikaner“, schrieb er in einer Mitteilung.

Ein Anti-Terrorexperte aus Jordanien erklärte, die Anschläge von Boston trügen mit Blick auf Ziel, Koordination und Ausführung die Handschrift einer organisierten Terrorgruppe wie der Al-Kaida.

In mehreren großen TV-Sendern äußerten Experten dagegen die Vermutung, dass es sich eher um einen einheimischen Extremisten handeln könnte als um eine internationale Terroraktion. So sei der Angriff zwar anscheinend sorgfältig geplant gewesen, aber die Sprengsätze schienen nicht sehr ausgeklügelt gewesen zu sein – sonst hätte es weitaus mehr Todesopfer gegeben, so die einhellige Meinung der Fachleute.

Boston Marathon hatte viele deutsche Teilnehmer

Auch rund 250 Deutsche hatten am Marathon teilgenommen. Bei der Anmeldung für den Marathon am Montag in Boston haben 247 Läufer angegeben, die deutsche Staatsbürgerschaft zu besitzen. Das zeigt die offizielle Internetseite der Organisatoren.

Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 finden Marathonläufe und andere große Sportveranstaltungen in den USA unter strengsten Sicherheitsmaßnahmen statt. Der Boston Marathon gehört zu den populärsten Rennen an der amerikanischen Ostküste. Jedes Jahr nehmen daran Tausende Menschen teil.

Läuferin Sabrina Mockenhaupt ist völlig schockiert

Die ersten Läufer hatten das Rennen schon lange beendet. Als die Sprengsätze detonierten, saß auch Sabrina Mockenhaupt in ihrem Hotelzimmer. Ihr erster Marathon in den USA wird Deutschlands bester Langstreckenläuferin für immer in schrecklicher Erinnerung bleiben. Die Bomben explodierten drei Stunden, nachdem Mockenhaupt als Zehnte die Ziellinie des Boston Marathons überquert hatte.

„Ich bin nach dem Rennen in mein Hotelzimmer unter die Dusche gegangen. Als ich wieder zurück in die Hotellobby kam, war plötzlich alles anders“, sagte Mockenhaupt der „WAZ“. Sie habe „sehr viele Verletzte, Polizei und Helfer“ gesehen, das Hotel durfte vorerst niemand verlassen.

Die 32-Jährige war in Sicherheit, fassen konnte sie die Szenen unmittelbar vor ihrer Tür jedoch nicht. „Hier sitzen alle vor dem Fernseher, schauen die Bilder auf CNN. Draußen werden jetzt die Verletzten weggetragen. Sie wurden erst in das weiße Zelt gebracht, durch das ich vor wenigen Minuten nach meiner Zielankunft noch durchgelaufen bin. Unglaublich. Unfassbar. Ich bin total geschockt.“

Mockenhaupt gab zu, bereits vor der Veranstaltung „ein komisches Gefühl“ gehabt zu haben. „Es passieren ja so viele Dinge. Und der Boston-Marathon ist eine der größten Sportveranstaltungen in den USA. Schrecklich, was hier passiert ist“, sagte die Läuferin von der LG Sieg. Bei Twitter schreibt Mockenhaupt: „Ich bin okay. Und hoffe, dass es nicht zu viele Opfer und hoffentlich keine Toten gibt! Warum?“