Der Fahrer zieht auf die entgegengesetzte Spur der Schnellstraße und schert sich wenig um die hupenden Fahrzeuge, die panisch ausweichen. Nach 300 Metern biegt er links ab und fährt vorsichtig über einen holprigen Feldweg durch einen Olivenhain. Dann muss alles plötzlich schnell gehen. „Raus!“, ruft der Fahrer und reißt die Türen auf. „Ich muss sofort wieder weg hier.“ Bei 40 Grad im Schatten geht es im Laufschritt über einen ausgetretenen Pfad, der durch abgeerntete Getreidefelder führt. „Schneller, schneller“, treibt ein Schmuggler an, der für die Passage verantwortlich ist und vorausläuft. Nach 30 Minuten kommt der zwei Meter hohe Grenzzaun in Sicht, der sich kilometerlang durch die Landschaft zieht.

„Los, los!“, schreien Jassir und Mohammed, Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA), auf der anderen Seite der Grenze nervös. Die Helme einer Patrouille türkischer Soldaten sind zu sehen, die das Sonnenlicht reflektieren. Unter dem Stacheldraht durch und man ist in Syrien. Allerdings in einem Gebiet des Landes, in dem Präsident Baschar al-Assad nichts zu sagen hat: Die Rebellen kontrollieren einen bis zu 60 Kilometer breiten Streifen im Norden entlang der Grenze zum Nachbarland Türkei.

Regierung bittet Russland um Geld

Jassir fährt mit durchdrehenden Reifen los. Vor uns liegt eine gute Stunde Fahrtzeit nach Aleppo, der mit 2,5 Millionen Einwohnern größten Stadt Syriens. Dort liefern sich FSA und Regimetruppen seit dem 20. Juli blutige Gefechte. Beide Seiten glauben, sie führen in der Industriemetropole die „Mutter aller Schlachten“, mit der sich der seit 17 Monaten andauernde Konflikt entscheidet. Das Assad-Regime denkt, mit einem Sieg über die FSA die Rebellion komplett niederzuschlagen, und die Rebellen hoffen, von einem „befreiten Aleppo“ aus den Marsch auf die Hauptstadt Damaskus zu starten.

Doch die Lage bleibt unklar. Am Samstag greifen Rebellen das Gebäude des Staatsfernsehens an, die Regierung setzt offenbar Kampfflugzeuge und schwere Artillerie ein. Die Aufständischen hätten rings um das Haus Sprengsätze angebracht, seien dann aber bei dem Versuch, das Gebäude zu stürmen, von der syrischen Luftwaffe beschossen worden, berichtet die im Ausland ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Daraufhin hätten sich die Rebellen, die nach eigenen Angaben die Hälfte der Millionenstadt kontrollieren, zurückgezogen. Und der syrische Vizeregierungschef Kadri Dschamil bittet derweil in Russland um Finanzhilfe, um die Auswirkungen der westlichen Sanktionen abzumildern. Zeitgleich gehen in Berlin rund 100 Menschen aus Protest gegen Assad auf die Straße.

Die Spuren des Bürgerkriegs sind in Aleppo überall sichtbar. Eingestürzte Häuserdächer, ausgebrannte Autos, Einschusslöcher in den Wänden. Einige Kinder geben der trostlosen Szenerie eine friedliche Note. Sie klettern über zerschossene Panzer, reiten auf den langen Rohren. Ihr vergnügtes Lachen ist von Weitem zu hören. Am frühen Vormittag sind die Straßen noch leer. Die meisten der verbliebenen Einwohner sind zu Hause. Es ist Ramadan, die einmonatige Fastenzeit der Muslime, in der von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nichts gegessen wird. In dieser Periode wird die Nacht gern zum Tag gemacht.

Im Zentrum der Stadt bewegt sich mehr Leben. Taxis und Minibusse sind unterwegs. Auf dem Markt in al-Wanuieh haben Verkäufer Stände mit Gemüse und Obst aufgebaut. Einige Frauen sind bereits am Einkaufen. Unter ihnen ist Iman, die etwas Obst für ihre sechsjährige Tochter sucht. Zuerst gibt sich die 27-jährige Frau, deren Mann seit sechs Jahren im Gefängnis sitzt, gelassen. Aber plötzlich bricht es aus ihr heraus. „Alles ist zu teuer, es gibt kein Gas zum Kochen, kein Benzin, kaum Brot, und das Telefonnetz funktioniert nicht.“ Ob sie mit der Revolution der FSA zufrieden ist? Ohne die Frage zu beantworten, geht sie wortlos davon. Nicht alle in Aleppo sind glücklich über den Einmarsch der FSA, der den Krieg und die damit verbundenen Probleme brachte. Vor den Bäckereien stehen Hunderte von Menschen an. Benzin ist nur auf dem Schwarzmarkt erhältlich. Lebensmittelpreise sind um das Fünffache gestiegen.

Die FSA als islamistische Gruppe

„Eine Ende der Kämpfe ist noch lange nicht in Sicht“, gibt Major Mohammed Hamadi im Rebellenhauptquartier zu. „Die Armee des Regimes hat die besseren Waffen“, erklärt der Mittvierziger, „aber keine Strategie.“ Der Sieg der FSA sei jedoch nur eine Frage der Zeit. „Wir haben das größere Herz, und das entscheidet letztendlich.“ Auf dem Dach der Kommandostelle der FSA weht eine schwarze Fahne, auf der steht: „Es gibt keinen Gott außer Gott.“ Es ist keine Fahne von al-Qaida, aber sie zeigt, dass man sich als islamistische Organisation versteht. Wie ernst man es hier mit der Religion meint, zeigt sich, als eine französische Journalistin aufgefordert wird, ein Kopftuch anzulegen – etwas, das in Syrien bisher nie eine Verpflichtung war. Am Spätnachmittag werden vier Frauen gebracht, die man verhaftete, weil sie als Prostituierte gearbeitet haben sollen. „Nein, nein, radikale Gruppen gibt es unter uns nicht“, beteuert Rebellenkommandeur Hamadi. „Schon gar nicht al-Qaida und Kämpfer, die aus dem Ausland stammen.“ Das sei alles Propaganda des Assad-Regimes. „Bei den Rebellen kämpfen nur Syrier.“

Leider hat der Major nicht ganz recht. Der von den Rebellen eingenommene Grenzposten Bab al-Hauwa an der Grenze zur Türkei wird von Dschihadisten kontrolliert. Das Banner von al-Qaida wurde dort gesichtet. In einem nicht weit vom Übergang entfernt gelegenen Lager wurden niederländische Journalisten mit verbundenen Augen eine Woche lang festgehalten. Bei einem Fluchversuch hat man sie angeschossen. Jassir und Mohammed wollen davon nichts hören. „Nur Propaganda“, behaupten beide und wirken aufgebracht. Unliebsame Themen, die der Revolution abträglich sein könnten, sind tabu. Darunter fällt das Schicksal der christlichen Bevölkerung, die die Rebellen in manchen Städten zu Tausenden gewaltsam aus ihren Häusern vertrieben haben.