Medizin-Diplomatie

Charité-Arzt behandelt Timoschenko in der Ukraine

| Lesedauer: 6 Minuten

Durchbruch in der Ukraine: Julia Timoschenko wird in ein Krankenhaus verlegt und von einem Arzt der Berliner Charité behandelt.

Deutsche Ärzte haben gemeinsam mit ukrainischen Medizinern am Freitag die inhaftierte Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko in der Ukraine gesprochen und untersucht.

Timoschenko hat zugestimmt, so Charité-Chef Karl Max Einhäupl gegenüber Morgenpost Online, am kommenden Dienstag in das Eisenbahner-Krankenhaus in Charkow verlegt zu werden. Dort wird die Politikerin, die die an den Folgen eines Bandscheibenvorfalls leidet, von einem Arzt der Berliner Charité und einem ukrainischen Kollegen behandelt werden.

Einhäupl bestätigte den Behandlungstermin. „Die deutschen und ukrainischen Ärzte haben sich heute mit Frau Timoschenko getroffen und mit ihr ausführlich gesprochen“, teilte er in Charkow rund 450 Kilometer östlich von Kiew mit. „Frau Timoschenko hat vorläufig zugestimmt, am Dienstag, dem 8. Mai, in die Zentrale Eisenbahnerklinik von Charkow verbracht zu werden.“

Dort werde ein Arzt der Charité mit Unterstützung einheimischer Kollegen sofort mit der Behandlung der Ex-Regierungschefin beginnen, sagte Einhäupl. „Das wird ein allgemeiner Schritt zur Lösung der Frage.“

Die Strafkolonie in Charkow bestätigte die Angaben des Charité-Chefs, der vom Unfallchirurgen und Orthopäden Professor Norbert Haas vom Centrum für Muskuloskeletale Chirurgie begleitet wurde. Dagegen wollte die Berliner Charité keine Auskunft geben. Es werde nicht einmal bestätigt, dass Einhäupl in der Ukraine sei, sagte eine Sprecherin.

Vor Ort sei allerdings nur eine vorläufige Hilfe möglich, sagte Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) in New York. Zugleich berieten deutsche Diplomaten mit der früheren Ministerpräsidentin darüber, wie der Konflikt um ihre Person auch jenseits medizinischer Fragen gelöst werden könne. Auch mit der ukrainischen Regierung sei das Auswärtige Amt im Gespräch.

Abschließend und umfassend werde die medizinische Behandlung Timoschenkos, die an den Folgen eines Bandscheibenvorfalls leidet, in der Ukraine sicher nicht möglich sein, sagte Westerwelle „Aber das, was jetzt in der Ukraine mit deutschen Ärzten und deutschen Diplomaten aus meinem Hause getan werden kann, das werden wir auch tun.“

Die Bundesregierung erwartet im Fall der erkrankten und inhaftierten früheren ukrainischen Regierungschefin Julia Timoschenko keine schnelle Lösung. Die 51-Jährige befindet sich inzwischen seit zwei Wochen im Hungerstreik.

Zustand ist "besorgniserregend"

Charité-Chef Einhäupl, war erneut in die Ukraine gereist, um sich ein Bild von Timoschenkos Gesundheitszustand zu machen. Begleitet wurde er von deutschen Diplomaten. Nach Angaben der deutschen Ärzte leidet die Ex-Ministerpräsidentin an einem Bandscheibenvorfall, aus dem sich chronische Schmerzen entwickelt haben.

Nach Angaben von Timoschenkos Tochter Jewgenija hat sich ihr Befinden in den vergangenen Tagen jedoch weiter verschlechtert. Das Auswärtige Amt (AA) nannte ihren Zustand „besorgniserregend“. „Hier Lösungen zu erreichen, ist kompliziert und wird auch sicherlich noch einige Zeit in Anspruch nehmen“, sagte AA-Sprecher Andreas Peschke.

Die ukrainische Justiz wies unterdessen Vorwürfe von Julia Timoschenko zurück, dass im Gefängnis in Charkow Gewalt gegen sie angewendet worden sei. Gerichtsmediziner seien zum Schluss gekommen, dass die Blutergüsse am Körper der Oppositionsführerin nicht am 20. April bei einem erzwungenen Transport in eine Klinik entstanden sein könnten. Das sagte Generalstaatsanwalt Viktor Pschonka nach Angaben örtlicher Medien in Kiew.

Er deutete an, dass sich die 51-Jährige die Verletzungen selbst beigebracht haben könnte. Die Politikerin hatte aus der Zelle heraus Fotos der Blutergüsse veröffentlichen lassen und die Behörden für die Verletzungen verantwortlich gemacht.

Unklar, ob Merkel zur EM reisen wird

Weiterhin offen ist, ob Kanzlerin Angela Merkel (CDU) oder andere Minister zur bevorstehenden Fußball-EM in die Ukraine reisen werden. Vize-Regierungssprecher Georg Streiter bekräftigte, dies werde „relativ kurzfristig“ entschieden. Die EU-Kommission hatte am Donnerstag entschieden, EM-Spielen in der Ukraine komplett fernzubleiben.

„Im Übrigen geht es der Bundeskanzlerin nicht um Frau Timoschenko allein“, sagte Streiter weiter. „Sondern die Bundesregierung hat den Eindruck, dass die Ukraine das Strafrecht missbraucht, um Oppositionelle kaltzustellen.“ Rechtsstaatlichkeit sei jedoch eine „Grundvoraussetzung“ für eine Annäherung der Ukraine an die EU.

Timoschenko, erbitterte Gegnerin des ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch, war im vergangenen Jahr in einem international umstrittenen Prozess wegen Amtsmissbrauchs zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Kritiker sprachen von Rachejustiz.

Wegen des Vorgehens gegen Oppositionelle hat die Europäische Union (EU) auch die geplante Unterzeichung des Assoziierungsabkommens mit der Ukraine auf Eis gelegt. Der Vizepräsident der Partei von Präsident Janukowitsch drohte Deutschland deshalb mit wirtschaftlichen Folgen. „Ohne Abkommen wird der deutsche Zugang zum ukrainischen Markt begrenzt sein“, sagte Leonid Koschara dem Internet-Portal „Spiegel Online“. „Deutsche Hersteller werden verlieren.“

Die Ukraine ist mit einem Volumen von 7,2 Milliarden Euro für die Bundesrepublik der wichtigste osteuropäische Handelspartner hinter Russland.

53 Prozent der Deutschen für Sanktionen

Rund drei Viertel der Deutschen plädieren einer Umfrage zufolge für einen politischen Boykott der Fußball-EM in der Ukraine. 74 Prozent halten ein Fernbleiben von Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihrer Minister für eine angemessene Reaktion auf die Inhaftierung der Ex-Regierungschefin, wie der Deutschlandtrend der ARD ergab. 23 Prozent teilten diese Auffassung nicht. Mit 53 Prozent gibt es auch eine Mehrheit für politische und wirtschaftliche Sanktionen gegen die ehemalige Sowjetrepublik.

Die Ukraine ist mit Polen Gastgeber der Fußball-Europameisterschaft im Juni und Juli. Die Gruppenspiele der deutschen Mannschaft finden in Charkow – nur wenige Kilometer von Timoschenkos Gefängnis entfernt – und in Lemberg statt. Die EU-Kommission hat am Donnerstag angekündigt, die Spiele in der Ukraine geschlossen zu boykottieren. Dazu gehört auch das Finale, das am 1. Juli in Kiew ausgetragen werden soll.

Timoschenko leidet an einem nicht behandelten Bandscheiben-Vorfall und hat aus Protest gegen Misshandlungen in der Haft vor zwei Wochen einen Hungerstreik begonnen. Deutsche Ärzte, die sie vor Wochen untersuchen konnten, bezeichneten ihren Zustand als besorgniserregend. Der ukrainische Generalstaatsanwalt Viktor Pschonka betonte am Freitag jedoch, die einheimischen Staatsanwälte hätten keine Beweise für eine Misshandlung Timoschenkos durch Gefängniswärter gefunden hätten. Daher werde auch kein Strafverfahren eingeleitet.

( dpa/Reuters/BMO )

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos