Gefährliche Unruhen

"Nigeria stagniert, entwickelt sich sogar zurück"

| Lesedauer: 12 Minuten
Jens Wiegmann

Foto: M. Lengemann

George Ehusani, ehemaliger Generalsekretär der nigerianischen Bischofskonferenz, spricht über die instabile Lage im Land, die Verfolgung von Christen und die Sekte Boko Haram.

Morgenpost Online: Ist die Stadt Kano, wo kürzlich etwa 185 Menschen durch islamistischen Terror starben, gespalten?

George Ehusani: Kano war über 100 Jahre lang eine gemischte Stadt. Im Zentrum, nahe des Emir-Palastes, wohnen überwiegend Muslime. Aber ansonsten leben die Leute durcheinander – Christen, Muslime, Hindus. Schulen war bis vor gar nicht langer Zeit überwiegend Missionsschulen – anglikanisch, evangelikal, katholisch, aber offen für alle Religionen. Es kam vor, dass 75 oder 80 Prozent der Schüler Muslime sind. Erst so in den vergangenen 25 Jahren sind moderne staatliche oder private Schulen hinzugekommen.

Morgenpost Online: Und heute?

Ehusani: Vor etwa zehn Jahren haben Christen angefangen in Gegenden zu ziehen, wo bereits viele Christen leben, weil sie sich unsicher fühlten. Man sieht das zum Beispiel in Kaduna, in Jos, zum Teil in Kano. Das war früher nie der Fall. Weihnachten hat man all seine Nachbarn eingeladen, egal ob Christen oder Muslime. Umgekehrt an Eid al-Fitr (Fastenbrechen nach Ramadan, d.Red.): Dann wurden auch Christen eingeladen, wir haben zusammen gegessen. Wir haben uns gegenseitig dran erinnert, wenn es Zeit zum Beten war.

Morgenpost Online: Was hat sich verändert und warum?

Ehusani: Da ist einmal die Wirtschaft. Die Bevölkerung wächst, die Leute suchen Jobs. Aber es gibt nicht genug, Schulen haben nicht genügend Kapazitäten, das Gesundheitssystem funktioniert nicht. Die Welt hat sich weiterentwickelt, aber Nigeria stagniert, entwickelt sich sogar zurück. Und die Bevölkerung wächst immer weiter. Was wir nun haben, sind viele junge Leute ohne Bildung, ohne Job. Und wer eine gute Bildung hat, bekommt trotzdem oft keine Stelle und versucht deshalb, auszuwandern – Lehrer, Professoren, Ärzte, Ingenieure und so weiter. Jeder Sektor der Wirtschaft, der Gesellschaft ist betroffen. Das Resultat ist Verzweiflung.

Morgenpost Online: Welche Auswirkungen hat das?

Ehusani: Viele junge Muslime sind nach Pakistan gegangen, nach Saudi-Arabien, in den Jemen – irgendwohin, wo sie eine Ausbildung oder einen Job bekamen. Häufig erhielten sie Stipendien. Sie konnten nur begrenzte Zeit bleiben, aber als sie zurückkamen, waren sie oft radikalisiert.

Morgenpost Online: Wie radikal ist der Islam in Nigeria?

Ehusani: Es gibt nicht „den Islam“, er besteht aus vielen Sekten. Einige sind sehr radikal: Sie sind gegen Demokratie, sie akzeptieren keine Christen um sich herum, denn für sie ist die Region muslimisch, sie lehnen Bars und Alkohol ab, Kinos, moderne Fernsehsender.

Morgenpost Online: Wie konnten solche Splittergruppen so stark werden?

Ehusani: Sie haben es aufgrund der Wirtschaftslage einfach, neue Anhänger zu rekrutieren. Sie sagen, die Menschen in Nigeria sind nur deshalb arm, weil sie nicht streng nach den Vorschriften des Islams leben. Sie verweisen auf Saudi-Arabien und sagen „Seht ihr, wenn wir exakt der Scharia folgen, wird es uns auch so gut gehen!“ Gleichzeitig wird die Regierungsführung immer schlechter. Nigeria ist ein gescheiterter Staat – nicht kollabiert, aber gescheitert in Bezug auf seine ureigensten Aufgaben: Die Geheimdienste haben nicht die nötigen Kapazitäten und werden offenbar immer wieder von Entwicklungen überrascht; die Polizei ist korrupt und völlig ineffizient, Einwanderungsbehörden und Zoll ebenso. Es ist nur eine Frage der Bestechung, Lkw-Ladungen an Waffen und Munition ungehindert ins Land zu bekommen.

Morgenpost Online: Aber geht es nur um Sicherheitsaspekte?

Ehusani: Nein. Laut Verfassung sind wir alle Nigerianer, aber wir haben immer wieder Krisen – im ganzen Land –, weil Leute als Bürger zweiter Klasse behandelt werden, wenn sie nicht dort leben, wo ihre Eltern herkommen. Wissen Sie, in Nigeria kann man ganz leicht feststellen, woher die Vorfahren kommen – über unsere Namen. Bei mir wäre zum Beispiel auf einen Blick klar, dass meine Eltern nicht aus dem Bundesstaat Kano stammen. Früher war das kein Problem, aber da es den Leuten schlecht geht, schauen sie sich um und fragen: „Mmmh, wer gehört hier eigentlich gar nicht her?“

Morgenpost Online: Ist die ethnische oder religiöse Zusammensetzung von Armee oder Polizei ein Problem?

Ehusani: Traditionell ist die Armee gemischt, auch in mittleren und höheren Rängen. Aber Ineffizienz und mangelnde Disziplin haben bei Krisen wie in Jos manchmal dazu geführt, dass Soldaten eine Seite unterstützen. Ein Befehlshaber, der Hausa und Muslim ist, hat vielleicht Muslime, die er eigentlich festnehmen sollte, beschützt. Oder ein christlicher Kommandeur ist wütend darüber, wie seine Brüder und Schwestern behandelt werden und ergreift ihre Partei. Dasselbe sieht man bei der Polizei.

Morgenpost Online: Welche Rolle spielen Boko Haram? Wer sind sie?

Ehusani: Ich wünschte mir, ich wüsste es! Es ist ein großes Rätsel für uns alle. Was wir wissen ist, dass ein Mann namens Mohammed Yusuf die Gruppe (2002, d.Red.) in Maiduguri mit dem Ziel gegründet hat, den Islam zu reinigen. Ihre ersten Angriffe waren gegen Muslime. Aber die Gruppe trägt den Dschihad in ihrem vollen Namen. Sie will die Gesellschaft von dem verderbten westlichen Einfluss befreien. Yusufs Gruppe sorgte in in Maiduguri für einige Unruhe, töteten auch ein oder zwei Menschen. Es gibt Gerüchte, der damalige Gouverneur des Bundesstaates Borno habe sie unterstützt, sie sollen sogar einen Bunker und ein Ausbildungszentrum gehabt haben.

Morgenpost Online: Wie wurde daraus eine Terrororganisation?

Ehusani: Yusuf wurde mehrmals verhaftet und (in die Hauptstadt) Abuja gebracht. Aber jemand hat sich offenbar für ihn eingesetzt und er kam jedesmal wieder frei. Im Juli 2009 wurde er in Maiduguri erneut verhaftet, von der Armee, und an die Polizei übergeben. Nächsten Tag war er tot. Damit wurde Boko Haram terroristisch. Immer wieder erklären sie nach Anschlägen, das sei Rache für Yusuf.

Morgenpost Online: Wieso die Angriffe auf Christen?

Ehusani: Sie sagen, dass jeder getötete Muslim einen Angriff auf sie darstellt und sie damit ein Recht auf Rache haben. In einem Video nach den Weihnachtsanschlägen in Jos heißt es, das geschah, weil in Jos Muslime getötet worden seien. Und das gilt für alle „Angriffe“ auf Muslime, weltweit – sie verstehen das als Solidarität.

Morgenpost Online: In Kano waren die Anschläge gut geplant und koordiniert.

Ehusani: Ja, da ist Boko Haram erstmals wirklich sichtbar geworden. Es wurden nicht nur Bomben gezündet, durch Selbstmordattentäter, andere Täter haben ihnen mit Waffen Rückendeckung gegeben. Erstmals haben Leute die Boko-Haram-Terroristen in Aktion gesehen, sie trugen eine Art Uniform. Einer wurde sogar gefasst, konnte später angeblich fliehen – was ich angesichts der Bewachung durch Soldaten nicht glauben kann.

Morgenpost Online: Was heißt das?

Ehusani: Es könnte eine Duldung innerhalb der Sicherheitskräfte geben. Als Präsident Goodluck Jonathan vor einigen Wochen erklärte, es könnte Boko-Haram-Sympathisanten in seiner Regierung geben, haben sich alle gefragt, warum sagt er das öffentlich? Warum entfernt er diejenigen dann nicht aus dem Amt oder lässt sie festnehmen? Inzwischen fragen sich viele, wie die Terroristen diesen massiven Angriff in Kano unbehelligt vorbereiten und ausführen konnten.

Morgenpost Online: Heizt die Armee die Situation an, um mit einem Coup wieder an die Macht zu kommen?

Ehusani: Ich glaube, die Armee bräuchte dafür nicht Boko Haram. Vor zwei Wochen stand das Land wegen eines Generalstreiks kurz vor dem Kollaps – wenn das Militär die Macht ergreifen wollte, hätte sie da Grund genug gehabt. Viele Nigerianer würden sie willkommen heißen.

Morgenpost Online: Gibt es Bestrebungen, das Land zu teilen?

Ehusani: In einem Video von Boko Haram, kurz vor den Weihnachtsanschlägen, werden alle Christen im Norden aufgefordert, die Gegend zu verlassen und in den Süden zu ziehen. Die Leute sind dort geboren, im ganzen Norden gibt es große christliche Bevölkerungsanteile, in Bauchi zum Beispiel sind 60 Prozent der Einwohner Christen. Es stimmt eben nicht, dass der Norden überwiegend muslimisch und der Süden überwiegend christlich ist. Der Bundestaat Plateau, in dem Jos liegt, ist überwiegend christlich! Der Bundesstaat Bauchi, eine Hochburg der Islamisten, ist überwiegend christlich! Und umgekehrt im Süden: Im Bundesstaat Ojo leben 70 Prozent Muslime.

Morgenpost Online: Videos im Internet sollen einen Angriff auf Muslime in Jos Ende August 2011 zeigen: Leichen werden geschändet, abgetrennte Köpfe auf Pfähle gespießt. Wie kann angesischts eines solchen Hasses Versöhnung aussehen? Und wie kann eine Spirale der Rache verhindert werden, wenn Armee und Polizei nichts tun?

Ehusani: In Nigeria überschneiden sich ethnische und religiöse Konflikte. Oft ist bei einem Angriff nicht klar, ob er ethnische, politische oder religiöse Ursachen hat. In Zentralnigeria und im Norden gibt es eine historische, tief sitzende Abneigung gegen die Hausa-Fulani. In vielen Orten wie Jos oder Bauchi sind sie „Zugezogene“, keine „Einheimischen“. Sie kamen erst vor etwa 100 Jahren in die Gegend, aber sie hatten den aristokratischen Hintergrund, und als die britischen Kolonialherren vor Ort Leute brauchten, um ihren Machtapparat durchzusetzen, ernannten sie die Emire zu Führern.

Morgenpost Online: Welche Auswirkungen hatte das?

Ehusani: Nach dem Ende der Militärherrschaft (1999) verstärkte sich das noch, als nur Mitglieder der Machtelite in höhere Positionen und politische Ämter kamen. Und die ursprünglich „einheimischen“ Ethnien sind eben auch vorwiegend Christen oder Anhänger von Naturreligionen. Hausa und Fulani sind Muslime. Wenn es zu Gewalt kommt, geht es oft nicht um Jesus Christus oder Mohammed, sondern um Zugang zu Land, zu Arbeit, zu politischen Ämtern. Aber Unterstützung aus anderen Landesteilen bekommen sie nur wenn sie sagen, ich werde als Christ oder als Muslim unterdrückt. Das emotionale Element funktioniert landesweit nur bei Religion, nicht bei Ethnien.

Morgenpost Online: Wie versucht die Kirche, die Konflikte einzudämmen?

Ehusani: Die katholische Kirche hat immer am Dialog gearbeitet, die Bischofskonferenz hat eine Abteilung für interreligiösen Dialog. Zu jedem Treffen der Bischofskonferenz wird ein Vertreter des Obersten Islamischen Rats eingeladen, um bei der Eröffnungszeremonie eine Grußbotschaft zu überbringen.

Morgenpost Online: Und an der Basis?

Ehusani: Genauso, vor allem im Norden. Es kann für Christen eine Frage des Überlebens sein, gute Kontakte mit dem Imam nebenan zu haben. Das Problem: Die offiziellen religiösen Führer sind nicht unbedingt die ideologischen Führer. Ein Sultan oder Emir kann den Imamen nicht vorschreiben, was sie in ihren Moscheen predigen, es gibt im Islam keine entsprechende Hierarachie. Aber selbst ein Imam hat nicht unbedingt Einfluss darauf, was junge Radikale denken. Wenn wir also von einer Fortführung des Dialogs sprechen, ist die Frage, Dialog mit wem?

Morgenpost Online: Gibt es gar keinen Dialog mehr?

Ehusani: Wir versuchen es natürlich trotzdem. Ich kenne zum Beispiel den Sohn eines Scheichs gut, wir sprechen regelmäßig miteinander. Ich binde ihn in die Arbeit meiner Stiftung ein, ermuntere ihn, seinerseits mit Imamen über die Konflikte zu sprechen. Letzlich, denke ich, könnte nur das Gesetz den Terror stoppen. Aber über die ineffezienten und korrupten Sicherheitskräfte haben wir ja schon gesprochen…

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