Bundeskanzlerin

Angela Merkel ist die Not-Ikone der Italienerinnen

Italiens Medien wettern gegen die Bundeskanzlerin – im Volk aber genießt Angela Merkel großes Ansehen, insbesondere bei den Frauen.

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An der Anti-Deutschland-Stimmung in Europa ist nicht allein Griechenland schuld. Auch die italienische Presse hat ihren Teil dazu beigetragen. Alle Gazetten nahmen an der teutonischen Disziplinversessenheit Anstoß. Einzelne Blätter aber schlugen über die Stränge, wie der Berlusconi-treue „Libero“. Die Tageszeitung bildete Angela Merkel im August mit Schnurrbart auf der Titelseite ab.

Hört man sich allerdings auf der Straße, in den Cafés oder auf dem Wochenmarkt um, ist von dieser deutschfeindlichen Stimmung nichts zu spüren. Schnell wird klar, dass Medien und Bevölkerung in dieser Frage nicht unbedingt übereinstimmen.

Insbesondere die Frauen scheren aus. Auch wenn längst nicht alle Italienerinnen mit Merkels Führungsstil einverstanden sind, halten die meisten sie immerhin für eine fähige Politikerin. Diese Einschätzung sei kaum verwunderlich, sagt die Historikerin Michela De Giorgio.

„Italien hat in seiner ganzen Geschichte noch nie so eine mächtige Politikerin gehabt“, erklärt sie. Noch immer scheint ein vergleichbarer Aufstieg in die oberen Ränge der Macht für italienische Politikerinnen unerreichbar. Und genau diese Leistung, nämlich es in einer Männerdomäne bis an die Spitze gebracht zu haben, verlangt den Italienerinnen Respekt für die Bundeskanzlerin ab. Ihr Regierungsstil und nicht zuletzt die Art und Weise, wie Merkel ihre Privatsphäre schützt, wird als typisch deutsch empfunden – und gleichzeitig nicht als eisern ausgelegt, wie es beispielsweise bei Margaret Thatcher der Fall war.

"So eine Staatschefin hätte ich sofort gewählt"

„Von wegen ein Hitler in weiblichem Gewand“, sagt Tina Tolu (55), Heilpraktikerin aus Sardinien. „So eine Staatschefin hätte ich sofort gewählt, da wäre uns die Bunga-Bunga-Casino-Regierung erspart geblieben – und die jetzige auch.“ Die sei zwar seriöser, „aber das, was sie uns zumutet, finde ich ehrlich gesagt diktatorisch“.

Paola (35), die im Marketing eines Mailänder Unternehmens arbeitet, hat ihren vierjährigen Sohn gerade in einem Montessori-Kindergarten angemeldet. „Weil sie da etwas strenger sind“, sagt sie. Sie sei sehr für Strenge, auch in der Politik. Aber so jemand wie Merkel könne man Italien dann doch nicht zumuten. Paola jedenfalls ist zufrieden mit dem aktuellen Ministerpräsidenten Mario Monti. „Der hat auch irgendwie deutsche Züge, ist aber flexibler.“

Bestellt man sich heute in Italien einen Kaffee oder einen Cappuccino, muss man nicht länger um den Kassenbeleg bitten, sondern bekommt ihn automatisch ausgehändigt. Ist das schon ein Indiz für die schleichende Germanisierung? Zeigt das „deutsche Diktat“, wie einige Zeitungen den Hausaufgabenkatalog der Kanzlerin nennen, schon Wirkung?

"Mich stört, dass sie ein ganzes Volk an den Pranger stellt"

„Das mit der Bevormundung ist Quatsch. Die aktuelle Misere verdanken wir ausschließlich unseren Politikern – und zwar nicht nur Berlusconis Leuten“, sagt Giovanna Kaltenhauser (55), Südtirolerin, die mit ihrem Mann seit 35 Jahren eine kleine Bäckerei in Mailand führt.

Sie findet, Merkel mache ihre Sache ganz ordentlich. „Was mich allerdings stört, ist, dass sie ein ganzes Volk an den Pranger stellt, wo doch in erster Linie unsere Politiker an dem Debakel Schuld haben.“

Allein in diesem Jahr müsse sie 20.000 Euro Steuern bezahlen, im nächsten werden es noch mehr sein. Dafür verantwortlich ist das soeben beschlossene Dekret „Salva Italia“ zur Rettung Italiens. Kaltenhauser unterstützt den Sparkurs, aber weil das Geschäft in ihrer Bäckerei schlechter läuft, weiß sie nicht, wovon sie die Steuern bezahlen soll.

Der Stil im Parlament hat sich auch optisch geändert

Sparen ist auf einmal ein Thema geworden in Italien. In einem Internetforum geht es um Merkel – diskutiert wird aber nicht ihre Politik, sondern die Tatsache, dass sie zu offiziellen Anlässen wie den Salzburger Festspielen schon zum vierten Mal dasselbe Kleid trägt.

Ein User namens „Paolo“ springt der Kanzlerin bei: „Ist doch egal, was sie trägt! Ich kann nur ,Bravo Merkel‘ sagen. Du bist der einzige ausländische Regierungschef, der uns das versprochene Geld zum Wiederaufbau der Erdbebengebiete auch wirklich gegeben hat.“

Der Stil im italienischen Parlament hat sich mit dem Einzug Mario Montis am 16. November nicht nur inhaltlich gewandelt. Das geschmackssichere Land erfuhr auch eine optische Ernüchterung: Statt junger, attraktiver Frauen in hautengen Kostümen und Stilettos betraten da drei eher altmodisch gekleidete Frauen mittleren Alters den Saal. Monti hat seiner Heimat Bescheidenheit verordnet.

Nach den turbulenten, ausschweifenden Berlusconi-Jahren muss Italien nun Strafarbeiten machen, die nicht zuletzt die Kanzlerin angemahnt hat.

Merkel zeigt, was Frauen in der Politik bewirken können

Ob dahinter allerdings eine größere Vision steht, daran haben so einige Italiener ihre Zweifel. „Jemand wie Helmut Kohl war getrieben von einer großen Idee“, sagt Regisseurin Cristina Comencini. Davon könne sie bei Angela Merkel nichts erkennen. Und trotzdem gilt die Kanzlerin ihr als ein Paradebeispiel dafür, was Frauen in der Politik bewirken können.

Die Regisseurin ist Mitbegründerin einer Bewegung namens „Se non ora quando“ (Wenn nicht jetzt, wann dann), die am 13. Februar dieses Jahres für eine der größten Massendemonstrationen gegen das System Berlusconi gesorgt hatte.

Eine Million Menschen, darunter vornehmlich Frauen, protestierten damals landesweit gegen Berlusconis Haremsgelüste sowie gegen seinen allgemeinen Umgang mit Frauen. Allein auf den Straßen Roms kamen 200.000 Italienerinnen zusammen.

Der Massenauflauf scheint so etwas wie eine Initialzündung für die Durchsetzung der Gleichberechtigung in Italien gewesen zu sein. In der Zwischenzeit kam es zu weiteren Protesten. Monti selbst erklärte in seiner ersten Rede im Parlament, eines der vorrangigen Ziele seiner Regierung werde sein, den Zugang von Frauen und Jugendlichen zum Arbeitsmarkt zu verbessern – „die zwei großen Ressourcen, die unser Land bis jetzt vernachlässigt hat“.

Projektionsfläche für den privaten und beruflichen Lebenslauf

Und Angela Merkel ist so etwas wie eine „Not-Ikone“ für viele Italienerinnen geworden. „Frauen mit einer tragenden Rolle in der Politik sind schließlich nicht nur in Italien noch immer eine Seltenheit“, sagt Regisseurin Comencini. Unter anderem diesem Alleinstellungsmerkmal dürfte es geschuldet sein, dass Merkel sich zur Projektionsfläche für den privaten wie den beruflichen Lebenslauf eignet.

Guendalina Armenti (45) aus der apulischen Stadt Brindisi hält Merkel für eine vorbildliche Mutter, deren entschiedenes Nein maßgeblich zum Reifeprozess beitragen könne. „Dieses Land ist nämlich vollkommen aus den Fugen geraten. Wir brauchen wieder ein Wertesystem, angefangen beim Arbeitsmarkt. Flexibilität kann nicht nur Ausbeutung bedeuten“, sagt Armenti.

Wie es ist, sich ständig anpassen zu müssen, davon kann die Frau ein Lied singen. Armentis Hochschuldiplom hat sie nicht davor bewahrt, immer wieder umsatteln zu müssen. „Mittlerweile arbeite ich als Berufsberaterin für Frauen, das sogenannte schwache Glied der Gesellschaft. Ich habe zwei Kinder, fünf und sechs Jahre alt, und mein Mann ist in einer Firma, die ab Januar 300 Mitarbeiter nach Hause schicken will. Es stehen uns schwierige Zeiten bevor, doch sie bieten auch Chancen, und ich hoffe sehr, dass Merkel Strategien ausarbeitet, die auch anderen Regierungen zum Aufschwung verhelfen.“

"Wir sind jahrelang an der Nase herumgeführt worden"

Etwas weniger überzeugt von Merkels Fähigkeiten ist Marcella Lucci (58), Krankenschwester in den Abruzzen. Sie hat mit 18 zu arbeiten begonnen, dann geheiratet, drei Kinder großgezogen, und ist vor Kurzem zum zweiten Mal Großmutter geworden.

Ihr Ehemann Mario war im selben Krankenhaus OP-Pfleger, aber vor zwei Jahren ging er in Rente. Als die Kinder noch klein waren, haben sie sich ein Haus etwas außerhalb der Stadt gebaut. Auch Marcella hätte bald in Rente gehen sollen, sie und ihr Mann freuten sich schon auf die Reisen mit Marios Honda kreuz und quer durch Europa.

Aber die Euro-Krise hat den beiden einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. „Natürlich bin ich traurig. Was mich aber besonders ärgert, sind nicht die zwei Jahre, die ich länger arbeiten muss, sondern dass wir jahrelang an der Nase herumgeführt worden sind.“

Erst jetzt verstehen viele, wie gut Merkel ihren Job macht

Bis vor Kurzem noch habe es geheißen, Italien bliebe von der Krise verschont. Jetzt sei es alles anders gekommen, und daran sei auch Merkel schuld. Langsam aber dämmert es Lucci, dass für ihre Fehleinschätzung der Lage weniger die deutsche Bundeskanzlerin und mehr die eigenen Medien in Italien verantwortlich sind.

„Wenn dort von Merkel die Rede war, dann ging es eher um Berlusconis geschmacklose Scherze über sie und weniger um ihre Warnungen bezüglich der wirtschaftlichen Lage“, so Lucci. Jetzt, da Italien am Abgrund stehe, begriffen viele erst, welch guten Job die Kanzlerin mache, wie entschieden sie die deutschen Interessen vertrete.

„Ob die sich allerdings mit den europäischen decken, daran habe ich so meine Zweifel.“ Mit den unbequemen Wahrheiten sei es noch lange nicht vorbei, davon ist die Krankenschwester überzeugt.