100.000 Demonstranten

Größte Demo unter Putin - Russland bäumt sich auf

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Julia Smirnova

Bei den größten Demonstrationen in Russland seit mehr als einem Jahrzehnt haben Zehntausende Menschen gegen Machtmissbrauch und Wahlfälschung demonstriert. Und damit vor allem ihren Ärger über Putins Partei Geeintes Russland zum Ausdruck gebracht.

Zehntausende Menschen in Moskau besiegen ihre Angst vor der russischen Staatsmacht und gehen für freie und faire Wahlen auf die Straße. Solche politischen Massenproteste, die Rede ist von bis zu 100.000 Demonstranten, hat die Hauptstadt seit dem Machtantritt von Wladimir Putin vor knapp zwölf Jahren nie gesehen. Vor allem der Ärger über die Wahlfälschungen durch Putins Partei Geeintes Russland treibt die Menschen auf die Straße.

„Wir warten auf Veränderungen“ – mit diesem Lied von Wiktor Zoi aus der Zeit von Perestroika und Glasnost werden die Menschen auf dem Bolotnaja-Platz empfangen. Vor den Sicherheitsschranken mit den Metalldetektoren bilden sich Menschenschlangen. Alle Taschen werden geprüft, Polizisten öffnen Flaschen und Thermoskannen, riechen daran, ob Alkohol geschmuggelt wird. Doch niemand ist verärgert, die Menschen lachen. Wie auf einem Festival treffen sich Bekannte und klopfen einander auf die Schulter.

Doch dies ist kein Rock-Konzert, sondern Protest gegen die Machtrochade in Moskau, gegen Willkür und Korruption. Es sollen 20000 sein, sagen die Behörden. Von mehr als 100.000 sprechen die Veranstalter. Allein in Moskau. Weit über 150.000 Russen, von Wladiwostok bis St. Petersburg, dürften es landesweit gewesen sein, die Frust und Zorn auf die Straßen getrieben hat.

Auch die Staatsmacht hat aufgefahren: Die vielen Hundertschaften der Polizei und die schweren Gefängniswagen beeindrucken. Über dem Platz schwebt ein Polizeihubschrauber, auf der Moskwa kreisen Polizeiboote. Insgesamt sind 52.000 Sicherheitskräfte im Einsatz. „Eine unfassbare Drohkulisse, die es erst seit Putin gibt“, sagt die Demonstrantin Sinaida.

Eine junge Frau hält weiße Chrysanthemen in der Hand: „Ich bin zu einer friedlichen Demonstration gekommen. So kann es nicht weiter gehen. Wir wollen zeigen, dass wir Menschen sind und kein Vieh. Wir wollen nicht so dreist betrogen werden.“ Sie arbeitet beim staatlichen Fernsehsender „Rossija“ und hofft, dass auch ihr Sender endlich über die Demonstrationen berichtet. „Klar hatte ich Angst hierherzukommen. Aber es reicht! Wir lassen uns nicht mehr erniedrigen. Wir sind keine Hammelherde, die stumm und dumm hinter allem hertrottet, was die Machthaber hier tun“, sagt die 24-jährige Ina Finotschka.

Auf den Platz kommen Menschen mit Blumen, Luftballons und Plakaten. Orangene Fahnen der Bewegung Solidarnost wehen neben den Flaggen der Kommunisten und der linksliberalen Partei Jabloko. „In meiner Kindheit wurde man gezwungen, zur Kundgebung zu gehen. Und jetzt kommen alle freiwillig“, sagt die 28-jährige Natalia. „Für mich ist es wichtig zu zeigen, dass uns nicht alles egal ist und dass wir zu mehr fähig sind als zu Sympathiebekundungen bei Facebook.“

Die Band Rabfack spielt. Textzeile: „Unser Irrenhaus stimmt für Putin ab.“ Der Politiker Wladimir Ryschkow und der Abgeordnete der Partei Gerechtes Russland Ilja Ponomarew kommen auf die Bühne. Jeder springt auf den Protestzug auf, aber einig ist die Opposition nicht. „Ich wünschte mir, die meisten Organisatoren würden schweigen. Ich drücke meinen bürgerlichen Protest aus, indem ich hier bin“, sagt die 22-jährige Katja. „Die einzigen, die Respekt verdient haben, sind die Gründer der Facebook-Gruppe, die nichts mit den offiziellen Organisatoren zu tun haben. Sie haben Tag und Nacht gearbeitet. Nur deshalb sind so viele Menschen hier.“

Es kommen auch Männer in Anzug und Krawatte auf den Platz. Einer von ihnen ist der Manager Wiktor. „Ich habe genug Geld zum Leben, ich habe hier viel erreicht und jetzt müssen wir entscheiden, ob wir hier etwas ändern können oder auswandern müssen.“ Wiktor sagt, er habe mehrere Jahre in Italien gelebt und ist nur deshalb zurückgekommen, weil er sich in Russland wohler fühle. Ein Freund von ihm war Wahlbeobachter der kommunistischen Partei am vergangenen Sonntag und habe ihm von den Fälschungen in seinem Wahllokal erzählt.

„Schande! Schande!“ skandiert die Menge. Vorne vor der Bühne sammeln sich viele Kommunisten, weiter hinten stehen Anarchisten, daneben Aktivisten mit Regenbogenfahnen und Plakaten „Schwule gegen Putin“. Eine Kolonne der Nationalisten mit schwarz-gelben Flaggen marschiert herein und wird ausgebuht. „Gauner und Diebe“ wird Richtung Kreml gerufen. Die Demonstranten werden mutig und rufen sogar „Putin ist eine Laus“, einige von ihnen halten ein Banner, auf dem das Wappen von Geeintes Russland karikiert ist: „Die Ratten müssen gehen.“ Doch wer die Regierungspartei ersetzen soll, weiß niemand. Ein Mann hält das Plakat „Ich habe nicht für diese Schweinhunde gestimmt, ich habe für die anderen Schweinehunde gestimmt.“

Nach drei Stunden bei Minus zwei Grad beginnt sich die Demonstration aufzulösen. Die Abschlusserklärung fordert Neuwahlen, den Rücktritt des Wahlkommissionvorsitzenden Wladimir Tschurow und Freiheit für alle politischen Gefangenen. Aber den meisten, die zum Bolotnaja-Platz gekommen sind, ist die emotionale Erfahrung wichtiger. „Eine Stimmung wie auf einer Feier. Noch nie so viele positive Menschen gesehen“, erzählt eine Frau.