Aufstand in Russland

"Für andere, nicht für diese Schweinehunde gestimmt"

| Lesedauer: 9 Minuten
Julia Smirnova

Zehntausende protestieren in Moskau gegen Machtmissbrauch und Wahlfälschung – die Veranstalter sprechen sogar von 100.000. Die Menschen hoffen auf Neuwahlen.

Russland bäumt sich auf. In Moskau besiegen die Menschen ihre Angst vor der russischen Staatsmacht und gehen für freie und faire Wahlen auf die Straße. Solche politischen Massenproteste, die Rede ist von bis zu 100.000 Demonstranten, hat die Hauptstadt seit dem Machtantritt von Wladimir Putin vor knapp zwölf Jahren nie gesehen.

Vor allem der Ärger über die Wahlfälschungen durch Putins Partei Geeintes Russland treibt die Menschen auf die Straße.

„Wir warten auf Veränderungen“ – mit diesem Lied von Wiktor Zoi aus der Zeit von Perestroika und Glasnost werden die Menschen auf dem Bolotnaja-Platz empfangen. Vor den Sicherheitsschranken mit den Metalldetektoren bilden sich Menschenschlangen.

Alle Taschen werden geprüft, Polizisten öffnen Flaschen und Thermoskannen, riechen daran, ob Alkohol auf den Platz geschmuggelt wird. Doch niemand ist verärgert, die Menschen lachen. Wie auf einem Festival treffen sich Bekannte und klopfen einander auf die Schulter.

Protest gegen Willkür und Korruption

Doch dies ist kein Rockkonzert, sondern viel tausendfacher Protest gegen die Machtrochade in Moskau, gegen Willkür und Korruption. Es sollen 20.000 sein, sagen die Behörden. Von mehr als 100.000 sprechen die Veranstalter. Allein in Moskau. Weit über 150.000 Russen, von Wladiwostok bis St. Petersburg, dürften es landesweit gewesen sein, die Frust und Zorn auf die Straßen getrieben hat.

Auch die Staatsmacht hat aufgefahren: Die vielen Hundertschaften der Polizei und die schweren Gefängniswagen beeindrucken. Über dem Platz kreist ein Polizeihubschrauber, auf der Moskwa mehrere Polizeiboote. Insgesamt waren 52.000 Sicherheitskräfte in Moskau im Einsatz. „Eine unfassbare Drohkulisse, die es erst seit Putin gibt“, sagt die Demonstrantin Sinaida.

Eine junge Frau hält weiße Chrysanthemen in der Hand: „Ich bin zu einer friedlichen Demonstration gekommen. So kann es nicht weitergehen. Wir wollen zeigen, dass wir Menschen sind und kein Vieh. Wir wollen nicht so dreist betrogen werden.“

Demo mit Blumen, Luftballons und Plakaten

Sie arbeitet beim staatlichen Fernsehsender Rossija und hofft, dass auch ihr Sender endlich über die Demonstrationen berichtet. „Klar hatte ich Angst hierherzukommen. Aber es reicht! Wir lassen uns nicht mehr erniedrigen. Wir sind keine Hammelherde, die stumm und dumm hinter allem hertrottet, was die Machthaber hier tun“, sagt die 24-jährige Ina Finotschka.

Auf den Platz kommen Menschen mit Blumen, weißen und bunten Luftballons, weißen Bändern und Plakaten. Orangene Fahnen der Bewegung Solidarnost wehen neben den Flaggen der Kommunisten und der linksliberalen Partei Jabloko. „In meiner Kindheit wurde man gezwungen, zur Kundgebung zu gehen. Und jetzt kommen alle freiwillig“, sagt die 28-jährige Natalia, die auch weiße Blumen trägt. „Für mich ist es wichtig zu zeigen, dass uns nicht alles egal ist und dass wir zu mehr fähig sind als zu Sympathiebekundungen bei Facebook.“

„Unser Irrenhaus stimmt für Putin ab“

Die Band Rabfack spielt. Textzeile: „Unser Irrenhaus stimmt für Putin ab.“ Der Politiker Wladimir Ryschkow und der Abgeordnete der Partei Gerechtes Russland Ilja Ponomarew kommen auf die Bühne. Jeder springt auf den Protestzug auf, aber einig ist die Opposition nicht. „Ich wünschte mir, die meisten Organisatoren würden schweigen. Ich drücke meinen bürgerlichen Protest aus, indem ich hier bin“, sagt die 22-jährige Katja. „Die Einzigen, die Respekt verdient haben, sind die Gründer der Facebook-Gruppe, die nichts mit den offiziellen Organisatoren zu tun haben. Sie haben Tag und Nacht gearbeitet. Nur deshalb sind so viele Menschen hier.“

Bis zuletzt waren sich die Organisatoren nicht einig, wo die Demonstration stattfinden soll. Die Moskauer Behörden hatten eine Kundgebung mit 30.000 Teilnehmern auf dem Bolotnaja-Platz genehmigt, nicht aber auf dem Platz der Revolution, wo ursprünglich protestiert werden sollte.

Eduard Limonow rief seine Anhänger trotzdem zum Platz der Revolution und nannte Boris Nemtsow, der von den Behörden die Genehmigung eingeholt hatte, einen „politischen Schurken“, der die Welle des Protests gespalten habe.

Auf Facebook wurden Provokateure aktiv

Die Kundgebung am Bolotnaja sei „die Veranstaltung der Stadtregierung mit Feldküche und Orchestermusik“, ätzte Limonow. „Auf diese Demonstration kommen nicht nur passionierte Oppositionelle, sondern auch viele Moskauer, die noch nie auf einer Demonstration waren. Sie den Polizeiknüppeln zu überlassen wäre eine Gemeinheit, Provokation und Verbrechen. Das werde ich niemals zulassen“, parierte Nemtsow auf der Seite der Bewegung Solidarnost.

Auf der Website der Demonstration bei Facebook wurden Provokateure aktiv. Einer schrieb, der Bolotnaja-Platz sei „eine Falle, wo niemand verschont wird“, denn er liegt auf einer Insel im Moskwa-Fluss. Doch die Mehrheit kam direkt zum Bolotnaja-Platz,

„Neuwahlen!“ – ruft die Menschenmenge. Der Journalist Oleg Kaschin liest einen Brief des Blogger Aleksei Nawalni vor, den er aus dem Gefängnis schickte. Nawalni wurde am Montag bei einer Demonstration am Tschispoprudni-Boulevard festgenommen und zu 15 Tagen Haft verurteilt. „Die einzige, aber die stärkste Waffe, die wir jetzt brauchen, hat jeder von uns. Das ist die Menschenwürde … Wir sind kein Vieh und keine Sklaven. Wir haben eine Stimme und die Macht, sie zu verteidigen.“

Kampf nicht für Wohlstand, sondern für Würde

Nawalni hat in seinem Brief den Punkt getroffen. Die Menschen auf dem Platz kämpfen nicht für Wohlstand, sondern für ihre Würde, die durch die Fälschungen bei den Parlamentswahlen am vergangenen Sonntag verletzt wurde.

Es kommen auch Männer in Anzug und Krawatte auf den Platz. Einer von ihnen ist der Manager Wiktor. „Ich habe genug Geld zum Leben, ich habe hier viel erreicht und jetzt müssen wir entscheiden, ob wir hier etwas ändern können oder auswandern müssen.“ Wiktor sagt, er habe mehrere Jahre in Italien gelebt und ist nur deshalb zurückgekommen, weil er sich in Russland wohler fühle.

Ein Freund von ihm war Wahlbeobachter der kommunistischen Partei am vergangenen Sonntag und habe ihm von den Fälschungen in seinem Wahllokal erzählt. Wiktor hat später viele ähnliche Geschichten im Internet gefunden.

Vorne Kommunisten, hinten Anarchisten

„Schande! Schande!“ skandiert die Menge. Vorne vor der Bühne sammeln sich viele Kommunisten, weiter hinten stehen Anarchisten, daneben Aktivisten mit Regenbogenfahnen und Plakaten „Schwule gegen Putin“. Eine Kolonne der Nationalisten mit schwarz-gelben Flaggen marschiert herein und wird ausgebuht. „Gauner und Diebe“ wird Richtung Kreml gerufen.

Als „Partei der Gauner und Diebe“ hat Aleksei Nawalni Geeintes Russland bezeichnet, dieser Begriff ist zum Synonym der Macht in Russland geworden. Die Demonstranten werden mutig und rufen sogar „Putin ist eine Laus“, einige von ihnen halten ein Banner, auf dem das Wappen von Geeintes Russland karikiert ist: „Die Ratten müssen gehen.“

Doch wer die Regierungspartei ersetzen soll, weiß niemand. Ein Mann hält das Plakat „Ich habe nicht für diese Schweinhunde gestimmt, ich habe für die anderen Schweinehunde gestimmt.“ Es gibt keine überzeugenden Alternativen. „Eigentlich finde ich sie alle abscheulich“, sagt der junge Finanzberater Alexander, ein anderer Krawattenträger in der Menge. Das ganze System müsse geändert werden.

„Auf die Neuwahlen“

Nach drei Stunden bei minus zwei Grad beginnt sich die friedliche Demonstration aufzulösen. „Es war einfach schön, so viele nette Menschen auf einmal zu sehen. Wenn noch eine solche Aktion stattfindet, bin ich auf jeden Fall dabei“, sagt der Werber Alexander.

Die abschließende Resolution fordert Neuwahlen, den Rücktritt des Wahlkommissionsvorsitzenden Wladimir Tschurow und Freiheit für alle politischen Gefangenen. Aber für die meisten, die zum Bolotnaja-Platz gekommen sind, ist die emotionale Erfahrung viel wichtiger. „Die Stimmung war wie auf einer Feier. Noch nie so viele positive Menschen gesehen“, erzählt eine Frau begeistert am Telefon.

Eine Journalistin kommt zur Gruppe ihrer Kollegen: „Alle Nachbarkneipen sind voll“, lacht sie. Ab und zu ruft jemand „Auf die Neuwahlen“. Und alle stehen auf und trinken.