EU-Gipfel

Die Kanzler-Flüsterer und Strippenzieher Europas

Sie sind die Maschinisten der Macht, die Berater von Merkel, Sarkozy & Co. Ohne sie kämen die Staatenlenker beim Lösen der EU-Krise wohl kaum vom Fleck.

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Angela Merkels scheidender Sherpa

Ursprünglich wollte Jörg Asmussen jetzt in Brüssel schon nicht mehr dabei sein. Wolfgang Schäubles Finanzstaatssekretär wechselt Anfang kommenden Jahres zur Europäischen Zentralbank (EZB). Urlaub hat er in den Krisenjahren seit 2008 reichlich angespart. Doch weil der Flensburger zudem auch G-20-Sherpa der Bundeskanzlerin ist und sie in den Krisenfragen berät, fährt der Mittvierziger nun auch zum Treffen nach Brüssel. Es ist wohl sein letzter Krisengipfel in dieser Position, ganz sicher aber kann er sich nicht sein, da die Gipfelmarathons in der Euro-Zone in immer kürzeren Abständen folgen.

Asmussen hat bei Merkel im Wesentlichen jene Funktion eingenommen, die der heutige Bundesbankpräsident Jens Weidmann früher hatte. Er führt für sie die Vorverhandlungen in Cannes, Brüssel oder wo immer gerade um den Euro und die Welt-Finanzverfassung gerungen wird. Wie kein anderer Beamter in der Bundesregierung ist der Mann mit dem SPD-Parteibuch international vernetzt. Zu US-Finanzminister Timothy Geithner sagt man ihm ein fast freundschaftliches Verhältnis nach. Mario Draghi, den EZB-Chef, kennt er persönlich. Vermutlich bedauert Merkel jetzt schon heimlich, dass sie ihn ziehen lassen muss.

"Schattenmann" der EU-Bürokratie

In Brüssel nennen sie Baron Frans van Daele (64) gerne „prince of darkness“:

Der in Holland geborene Belgier ist für die Öffentlichkeit nahezu unsichtbar, aber er ist immer mitten im Geschehen. Der Chefstratege von EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy spielt auch bei diesem Gipfel im Hintergrund eine zentrale Rolle.

Er steht in ständigem Kontakt mit den Chefberatern der 27 Staats- und Regierungschefs, er lotet Kompromisse aus, besänftigt die Streithähne und schreibt am Ende zusammen mit einem kleinen Kreis von Topbeamten jene Verhandlungspapiere, die als Tischvorlage auf dem EU-Gipfel landen. Die Beschlüsse der Staats- und Regierungschefs wiederum werden von van Daeles Leuten zusammengefasst, aber er kontrolliert den Prozess. Anders als der Generalsekretär des Rates, Uwe Corsepius (bislang Angela Merkels wichtigster Mann in Brüssel), genießt van Daele im Brüsseler Apparat und in fast allen Hauptstädten der Europäischen Union großen Respekt.

Er ruht in sich, gilt als guter Analytiker und gewiefter Verhandler mit einem trockenen Humor. Der studierte Philosoph war viele Jahre belgischer Botschafter bei Nato und EU. Sein Credo: „Bisher hat jede Krise zu mehr Europa geführt, nicht zu weniger.“

Sarkozys diskreter Studienfreund

Ende Juni brauchte Nicolas Sarkozy einen neuen Finanzminister. Es gab zwei Bewerber: François Baroin und Bruno Le Maire. „Eigentlich egal“, soll der Präsident zu einem seiner Berater gesagt haben, „es geht ja nur darum, einen Sprecher für Xavier auszusuchen.“

Xavier ist Xavier Musca. Generalsekretär des Elysée ist er erst seit Februar, Frankreichs Finanzpolitik bestimmt der 51-jährige Absolvent der Elitehochschulen Sciences Po und ENA jedoch seit 20 Jahren entscheidend mit. Der diskrete Musca ist ein Studienfreund Sarkozys, er stammt aus demselben korsischen Dorf wie dessen erste Ehefrau und ist einer der wenigen im Elysée, die den Präsidenten duzen.

Als junger Mitarbeiter des damaligen Direktors der Banque de France, Jean-Claude Trichet, wirkte er an den Maastricht-Verträgen mit. Unter dem Finanzminister Sarkozy war er Kabinettsdirektor. „Den korsischen Trichet“ nennt man den Vater zweier Töchter – wegen einer Vorliebe für Haushaltsdisziplin. Es war Musca, der Sarkozy einflüsterte, sich am „deutschen Modell“ zu orientieren. Er gilt als gewiefter Verhandler – und als Pragmatiker. Der Präsident schätzt ihn auch noch aus einem anderen Grund: „Seine Gegenwart beruhigt Angela Merkel.“

Camerons Einflüsterer

Er ist gar nicht so unscheinbar, wie es Sherpas zu sein pflegten, diese grauen Eminenzen der europäischen Politik, die für ihren jeweiligen Regierungschef die Agenda der Gipfelkonferenzen vorbereiteten. Der Schotte Danny Alexander (39) würde den Titel „Sherpa“ von Premier David Cameron auch ablehnen, den die Briten im Übrigen gar nicht mehr verwenden. Das wäre für ihn eine Nummer zu klein angesichts der Rolle, die er in der Regierungskoalition spielt – die des Chefsekretärs im Schatzamt, im Finanzministerium, nach dem Minister der wichtigste Mann.

In diesem Amt löste er den zunächst ernannten David Laws ab, der schnell wegen Spesenunregelmäßigkeiten zurücktreten musste. Alexander, Oxford-Absolvent, gehörte schon zur Gruppe der Liberaldemokraten, die mit den Tories das Koalitionspapier aushandelten. Seit 2008 Chef des Büros seines Parteivorsitzenden Nick Clegg, war er vertraut mit den Interna der LibDems. Er berät Cameron nicht nur, er achtet auch auf die Koalitionsbalance. Großbritannien will größere Freiheiten für britische Banker fordern, wenn man den Plänen von Sarkozy und Merkel zustimmt. Vor allem ist man auf der Insel gegen die geplante Einführung einer Transaktionssteuer.

Zentrale Figur der Südländer

Vittorio Grillis Name fiel in den vergangenen Monaten für fast alle neu zu besetzenden Posten im Staatsapparat wie in der Wirtschaft. Der Ökonom, 54 Jahre alt, war als Chef der italienischen Großbank Intesa Sanpaolo im Gespräch und ebenso als Nachfolger Mario Draghis an der Spitze der Banca d’Italia.

Dass er sich am Ende für das Angebot des Premier- und Finanzministers Mario Monti entschied, sein politischer Statthalter zu werden, verwundert kaum einen, der ihn kennt: Vittorio Grilli fühlt sich im Schatzministerium fast zu Hause und Monti verbunden. Er diente lange Jahre als Abteilungsleiter, kehrte 2005 nach Stationen bei internationalen Banken als Generaldirektor zurück. Dass er häufig im Gespräch war, zeigt auch: Der Mann ist wendig. Als Generaldirektor hatte er eine komfortable Amnestie für Steuerflüchtlinge ausgeklügelt.

Jetzt, als Vizeminister, verlangt er von denen, die ihr Geld zurück nach Italien bringen, eine Sonderabgabe von 1,5 Prozent der Summe. Begründung: „Von jetzt an ist es ein Verbrechen, den Fiskus zu belügen.“ Grilli könnte auf dem Gipfel zur zentralen Figur der Südländer werden. Deutsche und Franzosen müssen sich vorsehen: Er gibt ungern etwas ohne Gegenleistung.

Berlins Spezialist fürs Kleingedruckte

Wenn es um das Kleingedruckte in den Europäischen Verträgen geht, kann sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf einen ausgewiesenen Fachmann verlassen.

Nikolaus Meyer-Landrut, Leiter der Abteilung fünf „Europapolitik“ im Kanzleramt, hat sich fast seine gesamte Karriere mit EU-Themen beschäftigt.

Der promovierte Historiker begann seine Laufbahn im Auswärtigen Amt. In Wien führte Meyer-Landrut Abrüstungsverhandlungen. Später zog es ihn nach Brüssel, als Leiter der Ständigen Vertretung Deutschlands. Im Jahr 2002 wurde er Sprecher von Valéry Giscard d’Estaing, als dieser den europäischen Verfassungskonvent leitete. An dem EU-Reformabkommen von Lissabon, das Merkel mit den Regierungschefs 2007 unterzeichnete, hatte Meyer-Landrut maßgeblich mitgearbeitet.

Der Onkel von Grand-Prix-Siegerin Lena ist nicht nur in Brüssel gut vernetzt. Auch in Paris wird der Mann geschätzt, der mit einer Französin verheiratet ist. Bereits 2006 hatte Merkel den Parteilosen ins Kanzleramt geholt. Als ihr europapolitischer Berater befasst er sich nun wieder mit dem EU-Recht. Der deutsch-französische Vorschlag für eine Vertragsänderung trägt seine Handschrift.

Barrosos engste Vertraute

Ihr Arbeitstag dauert in der Regel von morgens um 7 (dann kocht sie Kaffee für die Mitarbeiter) bis 22 Uhr: Darum nennen viele die mächtigste Beamtin Europas, Catherine Day, scherzhaft „Catherine Night and Day“. Als Generalsekretärin der Europäischen Kommission und Chefin von 35.000 EU-Beamten gehört sie zu den engsten Vertrauten von Kommissionschef José Manuel Barroso.

Sie berät ihn, sie sagt, was die Kommission als Hüterin der EU-Verträge bei diesem Gipfel akzeptieren kann und was nicht. Auch bei der Konzeption des Euro-Rettungsschirms, der heute weitgehend so aussieht, wie sich die Kommissionsbehörde das von Anfang an vorgestellt hatte, spricht die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin ein wichtiges Wort mit. In den multilateralen Verhandlungen zur Vorbereitung der Gipfeltreffen taucht sie nicht auf – sie führt vielmehr die Verhandlungsteams der Kommission aus der Ferne.

Das Detailwissen der liberalen Irin ist gefürchtet, sie gilt als äußerst „tough“, aber fair. Der verdruckste Habitus und das hierarchische Gehabe vieler Berliner Beamter sind ihr fremd. Ihr Leben ist die Arbeit. Nur einmal im Jahr, im August, erholt sich die Katholikin für drei Wochen in ihrem Haus in der Provence.