Merkel-Reise

Kanzlerin fliegt für Mobiltelefone ans Ende der Welt

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Robin Alexander

Mitten in der Euro-Krise reist Bundeskanzlerin Merkel ans Ende der Welt: In Vietnam will sie den Handel ankurbeln, in der Mongolei umkämpfte Rohstoffe sichern.

Wenn sich die Qualität von Wirtschaftsförderung an der Länge und der Beschwernis der für sie notwendigen Anreise bemisst, müsste die deutsche Wirtschaft ab jetzt Blumensträuße und Dankestelegramme ins Kanzleramt schicken. Denn Angela Merkel hat sich zu einer wahrhaft beschwerlichen Reise aufgemacht – mitten in der Eurokrise bis ans Ende der Welt.

Anstrengender Nachtflug mit Stopp im Ural

Am Dienstagmorgen um 3.20 Uhr deutscher Zeit landete Angela Merkel in Hanoi, der Hauptstadt der Sozialistischen Republik Vietnam. Dorthin gelangte die Kanzlerin nach einem anstrengenden Nachtflug, der auch noch mitten im Ural unterbrochen wurde.

Im russischen Perm musste die Regierungsmaschine aufgetankt werden. Anders als zahlreiche deutsche Touristen jedes Jahr schaffte es die Kanzlerin nicht ohne Tankstopp nach Vietnam. Sie musste nämlich die mehrere Jahrzehnte alte „Konrad Adenauer“ benutzen, die eigentlich außer Dienst gestellt und durch moderne Flugzeuge ersetzt werden sollte.

Doch der neue Airbus 340 musste am Boden bleiben, weil sich Merkel für ihre Reise noch ein entferntes Ziel ausgesucht hat: die Mongolei. Der Flughafen von Ulan Bator aber hat nur eine so kurze Startbahn, dass nicht die große neue, sondern nur die kleinere alte Maschine dort abheben kann.

Also zwängte sich Merkel in das Museumsstück, das einst aus dem Erbe der DDR in Bundesbesitz überging , musste bei Besprechungen laut werden (weil das Mikrophon kaputt war) und konnte nicht verfolgen, wie viele der über 9000 Flugkilometer sie schon hinter sich hatte (weil die Airshow auch kaputt war).

Kombination von Reisezielen Zufällen geschuldet

Vietnam und Mongolei? Eine Kombination von Reisezielen, die nicht nur wie zufällig wirkt, sondern tatsächlich auch Zufällen geschuldet ist. Eigentlich wollte Merkel nämlich schon im Mai in Vietnam vorbeischauen, im Rahmen einer großen Asien-Tour, die sie unter anderem auch nach Indien und Singapur geführt hatte.

In dieser Reihe mit dem erwachenden wirtschaftlichen Giganten und dem Tigerstaat hätten sich die Führer von Vietnam wohl gerne gesehen. Doch Merkel musste damals absagen und ihre Reise verkürzen, weil sie zu Hause gefordert war, um ihre abrupte Energiewende durchs Parlament zu boxen.

Die enttäuschten Vietnamesen, die sie außerdem schon einmal versetzt hatte, tröstete sie mit der Ankündigung einer Visite noch in diesem Jahr – jetzt hält sie dieses Versprechen.

Vietnam ist immer noch sozialistisch geprägt

Die Beziehungen zum immer noch von einer kommunistischen Partei allein regierten Staat sind vor allem wirtschaftlich geprägt.

Vietnam hat mit 87 Millionen Einwohnern und 330.000 Quadratkilometern Fläche zwar ziemlich genau die Größe der Bundesrepublik, jedoch eine ganz andere Bevölkerungsstruktur: In dem jungen Land drängen jährlich 750.000 Heranwachsende auf den Arbeitsmarkt, das Bruttosozialprodukt hat sich im vergangenen Jahrzehnt verdoppelt, mittlerweile gehört Vietnam mit einem Bruttoinlandsprodukt von 1.000 Dollar pro Kopf schon zu den Ländern, die im internationalen Vergleich „mittlere Einkommen“ aufweisen.

Und das Wachstum ist noch lange nicht an seine Grenzen gekommen: Im Gegenteil, in der Delegation der Kanzlerin zieht man gerne den Vergleich mit China, dessen Entwicklung Vietnam lediglich ein paar Jahre hinterherhinke.

Wunsch nach Anerkennung als Marktwirtschaft

Die Führung in Hanoi hat auch ähnliche Wünsche wie die Genossen in Peking: Sie wollen von der EU endlich als Marktwirtschaft anerkannt werden. Dies konnte die Kanzlerin freilich bei ihrem morgendlichen Gespräch mit dem Ministerpräsidenten Nguyen Tan Dzung nicht versprechen.

Wie auch - ist doch Privatbesitz an Grund und Boden in der Sozialistischen Republik immer noch nicht möglich. Außerdem dominieren über 1.500 nicht sonderlich effiziente Staatsbetriebe das wirtschaftliche Leben. Die EU will allerdings mit Vietnam ein Freihandelsabkommen abschließen – also kommt Merkel nicht mit ganz leeren Händen.

Um ein anderes Zugeständnis wurde vor dem Staatsbesuch von den Beamten und Beratern bis kurz vor dem Start der Kanzlermaschine noch gerungen. Vietnam wünscht sich als „strategischer Partner“ von Deutschland anerkannt zu werden, womit eine Institutionalisierung und Intensivierung der Beziehungen verbunden sein soll.

Merkels Leute schlugen ein – nachdem Vietnam zugesagt hat, deutsche Restitutionsansprüche zu erfüllen. Ein Gebäude in Ho-Chi-Minh-Stadt, das einst enteignet wurde, wird nun von den zu Weltmarktplayern gewandelten Revolutionären an Deutschland zurückgegeben – künftig soll es ein Haus der Diplomatie und der wirtschaftlichen Zusammenarbeit werden.

Immer noch politische Gefangene und Todesstrafe

Bei bürgerlichen Freiheiten und Menschenrechten lehnt die Regierung Merkel solche Koppelgeschäfte mit Wirtschaftsinteressen freilich ab. Allerdings hat die Kanzlerin dem Vernehmen beim Ministerpräsidenten durchaus kritisch angesprochen, dass es in Vietnam nach wie vor politische Gefangene und die Todesstrafe gibt.

Am Donnerstag steht die Mongolei auf den Plan. Das riesige, fast menschenleere Reich zwischen China und Russland hat noch nie ein deutscher Kanzler beehrt. Dass sich dies jetzt ändern, hat auch wirtschaftliche Gründe: Es geht um Geschäfte – allerdings eher um die Geschäfte der Zukunft. Noch sind die Ausfuhren des vor allem von Viehzucht lebenden Nomadenvolkes nach Deutschland mit einem Umfang von nur neun Millionen verschwindend gering. Allerdings liegt unter der kalten Steppe etwas, das bald wichtig wird: Seltene Erden.

Unter diesem Begriff werden 17 Elemente gefasst, die heute schon in jedem Mobiltelefon und bald auch in jedem Auto mit Elektro- oder Hybridantrieb zu finden sein werden. Für die High Tech Industrie werden Seltene Erden bald unersetzbar, meinen Experten.

Löwenanteil der Stoffe bald nicht mehr auf dem Markt?

Schon jetzt explodieren die Preise. Das Problem liegt jedoch nicht darin: Denn der Löwenanteil der begehrten Stoffe könnte bald gar nicht mehr auf den Markt kommen. China, selbst ein Land mit reichen Vorkommen an Seltenen Erden, versucht auch Vorkommen in Afrika und anderen Weltgegenden zu monopolisieren – schon heute beherrscht China mit 95 Prozent an Förderung und Verarbeitung den Markt nahezu komplett.

Hier will Merkel dagegen halten und ausgerechnet mit dem China-Nachbarn Mongolei ein „Rahmenabkommen“ abschließen, dass der deutschen Industrie auch künftig Zugriff auf Seltene Erden sichert.

Die Mongolei fürchtet die Abhängigkeit von China freilich auch selbst und sucht deshalb die Nähe zum Westen: unter anderem durch militärisches Engagement. So schützt etwa ein mongolischer Infanteriezug das deutsche Feldlager Faisabad im Norden Afghanistans.

Anders als die westlichen Nationen will die Mongolei ihr Engagement sogar ausweiten und plant, die Zahl ihrer Soldaten am Hindukusch in diesem Jahr auf 400 zu erhöhen. Für ein Volk von wenig mehr als drei Millionen Einwohnern ein durchaus bemerkenswerter Beitrag. Diese Soldaten werden schon jetzt in der Mongolei von deutschen Ausbildern auf ihren Einsatz vorbereitet – einige von ihnen will die Kanzlerin persönlich besuchen.