Prozess in Kambodscha

Täglich 70 bis 80 Tote im Rote-Khmer-Arbeitslager

Bei ihrem Eröffnungsplädoyer hat die Staatsanwältin im Prozess gegen die Rote Khmer-Anführer die Brutalität des Regimes in Kambodscha beschrieben.

Foto: AFP

Mehr als 30 Jahre nach der Herrschaft der Roten Khmer in Kambodscha müssen sich drei hochrangige Anführer des Regimes vor Gericht verantworten .

Mit Horror-Details aus der Zeit der Schreckensherrschaft der Roten Khmer hat die Staatsanwaltschaft beim Völkermord-Tribunal im Kambodscha die Hauptphase des Verfahrens eröffnet. Staatsanwältin Chea Leang zeichnete ein schreckliches Bild ihres Heimatlandes in den Jahren von 1975 bis 1979.

Im Eröffnungsplädoyer warf die Anklage den Roten Khmer vor, das Land in ein „riesiges Sklavenlager“ verwandelt zu haben. Vor dem von der UNO unterstützten Gericht stehen der einstige Chefideologe Nuon Chea, der frühere Staatschef Khieu Samphan und Ex-Außenminister Ieng Sary.

Die Roten Khmer hätten „eine ganze Nation in Gefangene eines brutalen Systems“ verwandelt, das „die Vorstellungskraft sprengt“, sagte die kambodschanische Ko-Anklägerin Leang. In einem Arbeitslager im Nordwesten des Landes seien täglich 70 bis 80 Menschen gestorben.

Die Klägerin wies auch auf den „unerbittlichen Charakter der Zwangsvertreibungen“, die „unerträglichen Bedingungen“ für Zwangsarbeiter sowie auf die Zwangsheiraten unter der Herrschaft der Roten Khmer zwischen 1975 und 1979 hin.

Die drei weisen alle Vorwürfe zurück

Die drei wichtigsten noch lebenden Anführer des maoistisch-nationalistischen Regimes sind wegen Völkermords, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen angeklagt. Sie weisen in dem Prozess, der Ende Juni mit der Klärung von Verfahrensfragen begann , alle Vorwürfe zurück.

Die Angeklagten, im Alter zwischen 80 und 86 Jahren, hörten ihre Ausführungen ohne größere Regung an. Auf der Anklagebank sitzen der ehemalige Stellvertreter von Regime-Chef Pol Pot, Nuon Chea, der ehemalige Staatschef Khieu Samphan und der ehemalige Außenminister Ieng Sary.

Die ebenfalls angeklagte Frau des ehemaligen Außenministers, Ieng Thirith, war vom Gericht aufgrund einer Demenzerkrankung für prozessunfähig erklärt worden. Das Gericht hatte ihre sofortige Freilassung angeordnet. Bis zu einer Entscheidung über einen Einspruch der Anklage bleibt sie jedoch in Haft. Die Eröffnungsplädoyers sollen vier Tage dauern.

Hunderte Kambodschaner, darunter Angehörige von Opfern der Roten Khmer, reisten zu den Eröffnungsplädoyers nach Phnom Penh. Teile des Verfahrens sollen im Fernsehen übertragen werden.

Der Sprecher des Gerichts, Lars Ole, bezeichnete es als großen Erfolg, dass der Prozess nach so vielen Jahren überhaupt begonnen habe. Viele Menschen hätten „nicht gedacht, dass das geschehen werde“, sagte er. Auch die UN-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay begrüßte das Verfahren. Zugleich warnte sie vor jeglicher Einmischung in die Arbeit des Gerichts, die dessen Glaubwürdigkeit schade.

Rund zwei Millionen Menschen kamen ums Leben

Während der Schreckensherrschaft der maoistischen Roten Khmer kamen in Kambodscha rund zwei Millionen Menschen durch Erschöpfung, Hunger, Krankheit, Folter und Hinrichtungen ums Leben. Das waren etwa ein Viertel der damaligen Bevölkerung. Die Roten Khmer wollten einen radikalen Bauernstaat errichten, sie entleerten die Städte, schafften Geld und Religion ab und sagten Intellektuellen den Kampf an.

Der Prozess ist der zweite gegen Verantwortliche der Roten Khmer, nachdem im vergangenen Jahr erstmals ein Urteil gegen ein führendes Regime-Mitglied gefällt wurde.

Nach einem Geständnis wurde der einstige Folterchef Kaing Guek Eav alias „Duch“ im Juli 2010 zu 30 Jahren Haft verurteilt. Unter seiner Aufsicht waren in der berüchtigten Haftanstalt Tuol Sleng in der Hauptstadt Phnom Penh bis zu 15.000 Menschen gefoltert und hingerichtet worden

Nach langen Verhandlungen zwischen der UNO und der Regierung in Phnom Penh war das Sondertribunal für Kambodscha 2003 ins Leben gerufen worden. Tausende Schergen werden jedoch niemals belangt werden können.

Nicht nur der Hauptverantwortliche, „Bruder Nr. 1“ Pol Pot, starb 1998 im Gefängnis. Acht Jahre nach ihm starb auch sein gefürchteter Militärbefehlshaber Ta Mok in der Haft. Er hatte in den 90er Jahren den Khmer-Anführer Pol Pot gestürzt.

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