Rote-Khmer-Tribunal

"Viele haben Angst, sich dem Schmerz zu stellen"

Kambodscha stellt sich in einem zweiten Verfahren seiner mörderischen Vergangenheit. Zwischen Opfern und Tätern gibt es keine klaren Trennlinien.

Der Andrang zum Beginn des zweiten Verfahrens vor dem Rote-Khmer-Tribunal ist bescheiden. Dass die gut zweitausend Sitzplätze im Gerichtssaal alle besetzt sind, ist der großen Schar von Journalisten, Diplomaten, Repräsentanten der Vereinten Nationen und Mitarbeitern von Hilfsorganisationen zu verdanken. Kambodschaner sind nur wenige zu dem historischen Prozess gegen vier ehemalige Regierungsmitglieder der Roten Khmer gekommen.

Einer der Besucher ist Key Sam, ein Cham-Muslim. Etwas verloren sitzt er zusammen mit ein paar anderen kambodschanischen Muslimen während einer Gerichtspause an einem der Tische der Kantine unter freiem Himmel, von einem Zeltdach vor der heißen Sonne geschützt. „Ich weiß nicht viel über das Tribunal. Ich habe unter den Roten Khmer gelitten und möchte nun wissen, warum das alles passiert ist“, sagt der 66 Jahre alte Mann aus einem Dorf in der Nähe der Hafenstadt Sihanoukville.

Die anderen Cham am Tisch nicken zustimmend. Auch sie wollen wissen, warum vor mehr als 30 Jahren die Schergen von Rote-Khmer-Tyrann Pol Pot einen Völkermord an der kleinen Minderheit der Cham-Muslime verübt haben.

3800 Nebenklägerinnen

75 Prozent der Kambodschaner haben zwar schon einmal von dem Tribunal gehört und ebenso viele sind der Ansicht, das Tribunal habe einen positiven Effekt für die Opfer der Roten Khmer und ihre Familien. Das hat die Anfang Juni in Phnom Penh vorgestellte Umfrage „Nach dem ersten Verfahren“ der kalifornischen Berkeley Universität ergeben. 81 Prozent gar zeigten sich überzeugt, dass das Gericht „zur Förderung der nationalen Versöhnung beiträgt“. Gleichzeitig fühlten sich jedoch 77 Prozent der Befragten nicht ausreichend über die Arbeit des Tribunals informiert.

Im "Fall001" war der ehemalige Chef des Foltergefängnisses S-21, Kaing Guek Eav alias Duch, im Juli 2010 zu 35 Jahren Haft verurteilt worden. Wegen Anrechnung der Untersuchungshaft wurden sie auf 19 Jahre reduziert.

Keth Sokhan ist eine der 3800 Nebenklägerinnen vor Gericht. Zur Eröffnung des Prozesses im „Fall002“ mit vier Angeklagten ist sie nicht aus ihrem Dorf Koh Tromoung in der Provinz Kampot nach Phnom Penh gereist. Sie fühlt sich gut von ihrer Anwältin Silke Studzinsky vertreten, während sie sich ihrer Arbeit widmen kann. Keth Sokhan verdient ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Desserts. Dann sind da noch der kleine Hof, das Reisfeld, die Hühner, Enten und Schweine, um die sich die Mutter von drei Kindern zusammen mit ihrem Mann Iv Sem kümmert.

Ihren Gatten hat sich Keth Sokhan nicht selbst ausgesucht. Sie und Iv Sem wurden von den Roten Khmer zwangsverheiratet und mussten unter den scharfen Augen der kommunistischen Kader die Ehe vollziehen. „Wer sich weigerte, wurde umgebracht“, erinnert sich Ket Sokkhan. Laut Studzinsky, die im Auftrag des deutschen Zivilen Friedensdienst Betroffene vor dem Tribunal vertritt, wurden damals mehr als 200.000 Kambodschaner zwangsverheiratet.

Keine klaren Trennlinien zwischen Opfern und Tätern

Keth Sokhan hat den Mut, über das, was sie erleben und erleiden musste, zu reden. „Wir haben mit unseren Kindern darüber gesprochen.“ Das ist nicht selbstverständlich in Kambodscha, wie Judith Strasser weiß. Die Psychologin betreut als Expertin der deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit bei der kambodschanischen Transcultural Psychosocial Organization Zeugen und Nebenkläger. „Erinnern tut weh. Erinnern ist aber auch ein Heilungsprozess. Der Schmerz ist die Ausgangssituation. Viele aber haben Angst, sich dem Schmerz zu stellen“, sagt Strasser. Angst, weil sie nicht wissen, wohin diese Erinnerungsreise führt, Angst aber auch vor Repressionen.

Mehr noch: Es gibt keine klaren Trennlinien zwischen Opfern und Tätern. Ein kommunistischer Kader konnte in den Säuberungswellen der Roten Khmer schnell zum Opfer werden. Täter und Opfer sind in jeder Familie, in jedem Dorf zu finden.

Im Jahr 1979 war zwar Schluss mit Killing Fields, Folter und Zwangsarbeit. Wirklicher Frieden als Vorraussetzung für den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Wiederaufbau herrscht jedoch erst seit der Kapitulation der letzten Einheiten der Roten Khmer Ende 1998.

Mehr als die Hälfte der Kambodschaner jünger als 15 Jahre

Aber Kambodschas langer Weg in die Normalität wird zunehmend durch Korruption und die Unterdrückung politisch Andersdenkender blockiert. „Das ist die Erfahrungswelt der meisten Kambodschaner bis heute: Es wird ihnen dauernd etwas angetan“, sagt Strasser. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte wird zudem durch kulturelle Faktoren erschwert: „Sich zu reflektieren und als Subjekt zu definieren hat in der kambodschanisch-asiatischen Kultur, die sich über Beziehung zu Ahnen, Clan und Dorf sowie der Karmalehre des Buddhismus definiert, keine Tradition.“

Mehr als die Hälfte der 13 Millionen Kambodschaner sind jünger als 15 Jahre. Sie wurden weit nach Ende der Schreckensherrschaft der Roten Khmer geboren. Selbst an die Kämpfe zwischen den Bürgerkriegsgruppen in den 90er-Jahren haben sie keine Erinnerung. Die jungen Leute chatten auf Facebook, sie wollen eine gute Ausbildung, ein besseres Leben, Handys, Laptops, Urlaubsreisen.

Sie wissen alles über Lady Gaga, aber so gut wie nichts über Ieng Thirit, die sich als ehemalige Sozialministerin der Roten Khmer zusammen mit ihrem Gatten Ieng Sary, der dem Terror-Regime als Außenminister diente, vor dem Tribunal wegen Kriegsverbrechen, Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten muss.

Sokhon hat einen guten Job in einer angesagten Bar in Phnom Penh. Gekonnt mixt der 21-Jährige einen Mojito, während er über das Ziel der Roten Khmer sinniert, Kambodscha in einen Agrarstaat zu verwandeln. „Es ist doch keine schlechte Idee, vom Reisanbau zu leben und das Geld damit zu verdienen, was man hat“, sagt Sokhon. „Das ist besser, als von den Milliarden der Chinesen abhängig zu sein“, fügt er unter Anspielung auf die acht Milliarden Dollar hinzu, die China allein in diesem Jahr in die wirtschaftlich boomenden Zentren Kambodschas wie Phnom Penh oder Sihanoukville pumpt.

Nur dass die Ideologie der Steinzeitkommunisten von Pol Pot zwei Millionen Menschen das Leben gekostet hat, findet der junge Mann nicht gut.

"Alles was sie wollen, ist eine Art Rache“

Argwöhnisch stehen die vielen Tausend Kambodschaner, die sich noch immer zu den Roten Khmer zählen, dem Tribunal gegenüber. Sie leben vornehmlich in Pailin im Westen Kambodschas an der Grenze zu Thailand, das seit der Vertreibung der Roten Khmer aus Phnom Penh durch die vietnamesische Armee im Jahr 1979 ihre Hochburg ist.

Ly Kimseng, die Gattin des Angeklagten „Bruder Nr.2“ Nuon Chea, gab zu Beginn des Verfahrens gegen ihren Mann und die anderen drei Angeklagten gegenüber kambodschanischen Medien zu Protokoll, was sie von dem Tribunal hält: „Alles was sie wollen, ist eine Art Rache.“ Die Verurteilung ihres Mannes sei doch schon vor Beginn des Verfahrens beschlossene Sache gewesen.

Andere ehemalige Rote Khmer befürchten, selbst angeklagt zu werden. Eine Angst, die sich in der mit großer Vehemenz geführten Debatte um „Fall003“ und „Fall004“ widerspiegelt. Dabei handelt es sich um geplante Prozesse gegen mindestens fünf offiziell nicht genannte Angeklagte, die in zwei Verfahren unterteilt wurden.

Laut Abkommen zwischen den Vereinten Nationen und der Regierung Kambodschas dürfen nur die obersten Verantwortlichen des Regimes angeklagt werden – eine Bestimmung, die das Tribunal kurz vor Beginn des Verfahrens im "Fall002" an den Rand des Kollapses gebracht hat. Opferverbände und Teile des Tribunals fordern Ermittlungen und Anklagen gegen ehemalige Kommandanten der Roten Khmer, die direkt für Morde und Säuberungsaktionen verantwortlich waren.

Kambodschas Premier Hun Sen aber lehnt die Eröffnung der Fälle "003" und "004" rundweg ab. Opfervertreter sind empört. Diese „politische Einflussnahme“ sabotiere „Gerechtigkeit, die Wahrheitsfindung und die Versöhnung als die Hauptziele des Tribunals“, klagt Theary Seng, Präsidentin der „Vereinigung von Rote-Khmer-Opfer in Kambodscha“. „Die Probleme mit den Fällen "003" und "004" beeinträchtigen die Glaubwürdigkeit des gesamten Tribunals.“

"Wir sind damals nicht gefragt worden"

Hun Sen, vor seiner Flucht nach Vietnam selbst ein Kämpfer der Roten Khmer, sieht durch weitere Verfahren die politische Stabilität in Gefahr. Nur mühsam wurden die verschiedenen Bürgerkriegsfraktionen in den vergangenen Jahren integriert. Die Wunden sind noch nicht verheilt, könnten wieder aufbrechen, zu neuen Unruhen, vielleicht sogar zu einem Wiederaufleben der Gewalt führen. Denn ehemalige Rote Khmer sind noch immer in einflussreichen Positionen, als Dorfbürgermeister, Provinzgouverneure, in der Armee, in der Wirtschaft.

Andererseits hätte das Tribunal ohne die Zustimmung Hun Sens niemals stattfinden können, wie selbst Kritiker zugeben. Die kambodschanische Gesellschaft ist eine der Brüche und Widersprüche. Eine, die schmerzhaft nach ihrer Identität und Würde sucht.

Ket Sokhan ist sich bewusst, dass der Verteidiger der Angeklagten ihr vorhalten werden: „Ihr seid ja immer noch zusammen. Das mit der Zwangsverheiratung kann ja so schlimm nicht gewesen sein.“ Ket Sokhan findet, dass es keine Rolle spielt, warum sie und Iv Sem noch immer verheiratet sind und drei Kinder haben. Für sie zählt nur eins: „Wir sind damals nicht gefragt worden. Wir wurden durch Zwang verheiratet. Das war falsch.“

Ket Sokhan zieht aber auch für all jene vor das Kriegsverbrechertribunal, die zum Schweigen gebracht wurden. Dabei kann sie auf die Unterstützung durch ihren Mann zählen, auch wenn der selbst kein Nebenkläger ist. Iv Sem sagt lächelnd: „Wenn sie gewinnt, dann ist das auch mein Sieg.“

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos

Beschreibung anzeigen