Afghanistan

Eine Frau als Chefin in der Heimat der Taliban

Selbst im schwer umkämpften Osten Afghanistans ist Wandel möglich. Die Fabrik gibt Frauen Jobs und lässt Männer umdenken – das zeigt die Geschichte von Marsia Sarmina.

Foto: Mohammad Yasir Sharifi

Es herrscht eine unwirkliche Atmosphäre in dem hellen, weiß gekachelten Raum. Die Frauen tragen perlweiße Gewänder und Kopftücher, die sie hinter die Schulter fallen lassen, wenn sie die Früchte in die Verkaufsschalen legen oder Gemüse verpacken.

Aber noch surrealer als der Anblick ist die Tatsache, dass in diesem Teil Afghanistans tatsächlich Frauen selbstständig und ungestört arbeiten. Und dass ihr Chef ebenfalls eine Frau ist. Denn eigentlich hätte dieser Ort in Schutt und Asche liegen können, so groß war die Ablehnung, die dem Unternehmen bei der Gründung vor fünf Jahren entgegenschlug.

Treibende Kraft hinter der Fabrik

„Als wir anfingen, haben einige Leute zur Zerstörung des Geländes aufgerufen. Sie behaupteten, Ausländer hätten hier ein Bordell eröffnet“, erinnert sich Marsia Sarmina. Sie ist die treibende Kraft hinter dieser Fabrik für Nahrungsmittelverarbeitung, zehn Kilometer südlich der Stadt Dschalalabad. Die Fabrik, die Sarmina hier aufgebaut hat, trägt einen idealistischen Namen: „Neue Idee“.

Gleich zu Beginn hatten die Leute gesagt, das Ganze sei ein außerordentlich mutiger, um nicht zu sagen, törichter Einfall. Hier im Osten des Landes sind die Menschen besonders konservativ, hier finden die meisten Kämpfe statt und hier ist noch immer das Kernland der Taliban. Auf Alkoholkonsum und Ehebruch stehen drakonische Strafen von Auspeitschungen bis zu jahrelanger Haft.

Frauen galten als Huren

Die Unterstützung der amerikanischen Entwicklungshilfeorganisation USAid hatte Sarmina von Anfang an, doch viel schwieriger war es, die feindselig gestimmten Dorfältesten umstimmen. „Als wir die Fabrik eröffneten, wollte keine einzige Frau bei uns anfangen – nicht einmal diejenigen, die völlig mittellos waren“, erinnert sich Sarmina.

Das Projekt erregte Proteste und Demonstrationen, die Frauen galten als Huren. Da beschloss Sarmina, bei den Stammesältesten um Verständnis zu werben. „Es hat zwei Monate gedauert, bis wir sie von unseren guten Absichten für die Frauen überzeugt hatten und sie verstanden, dass sie überwachen dürfen, was dort passiert.“

Als die Stammeshäupter auf ihrer Seite waren, machte sich Sarmina daran, die Ehemänner zu überreden. Auch heute noch ist die Entschlossenheit und Beredsamkeit zu spüren, mit der sie die Frauen der Dörfer Sultan Por und Nazar Abad bewegte, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen.

„Eine Zeit lang wollten die Ehemänner sie nicht arbeiten gehen lassen. Als wir deren Zustimmung hatten, zögerten wieder die Frauen. Aber ich kannte ihre Lage und habe gesagt: ,Ihr solltet euch schämen, betteln zu gehen und eure Kinder hungern zu lassen!‘“ Kurz darauf meldeten sich die ersten drei Frauen für die Neue Idee. Die Belegschaft wuchs schnell um 15 weitere an, sie verdienen neun Dollar für acht Stunden Arbeit. Das ist viel für die Gegend.

„Mein Ehemann hat bei einem Unfall vor sechs Jahren beide Hände verloren, und kann nicht mehr arbeiten“, sagt Bano, die fünf Kinder zu Hause hat. Die Arbeit in der Fabrik sei ein Glück für sie. Das Obst und Gemüse muss drei- bis viermal gewaschen werden, bevor es von Hand verpackt und in die Kühlräume gebracht wird. Die Hygienestandards sind hoch. Täglich werden hier bis zu sechs Tonnen Nahrungsmittel verarbeitet, die bis nach Indien, Dubai und Deutschland exportiert werden.

Ein persönlicher Aufbruch

Aber das eigentliche Wunder, das hier stattgefunden hat, ist der Wandel der Einstellungen. Heute sind die Menschen hier nicht mehr misstrauisch, sondern stolz, sagt Hajatullah, das Oberhaupt des Dorfes Sultan Por. „Am Anfang waren wir sehr gegen diese Anlage. Aber dann haben wir gesehen, dass sie den Frauen ein Auskommen ermöglicht und dass sie dabei auch die Bauern hier unterstützten. Jetzt freuen wir uns, dass die Sache läuft.“

Für Sarmina war der Weg zu ihrem eigenen Unternehmen auch ein persönlicher Aufbruch. Anders als die meisten Mädchen aus der Gegend konnte sie eine Schule besuchen, bis sie elf Jahre alt war. Dann wurde sie Stickerin und verzierte Frauenkleider.

"Sie ist eine sehr kluge und fleißige Frau"

Aber je älter sie wurde, desto mehr interessierte sie sich für ihren Platz in der Gesellschaft und für das Schicksal anderer Frauen: „Ich habe dann zwei Jahre lang für eine Hilfsorganisation gearbeitet. Wir haben Kurse in den Dörfern veranstaltet, zur Vorbeugung von Gewalt gegen Frauen. Das war mir wichtig. Ich will meinen Landsleuten helfen. Wir sind doch gefangen in dieser Armut.“

Vor einem Jahr hat Sarmina geheiratet, und ihr Mann steht hinter ihr. „Sie ist eine sehr kluge und fleißige Frau“, sagt ihr Gatte Haschmatullah, ein großer Mann mit einem entsprechend großen Vollbart. „Und sie arbeitet ständig daran, andere zu motivieren“, fügt er hinzu.

Derzeit leistet Sarmina zu Hause Überzeugungsarbeit: Ihr Mann will sie nicht zu einer Fortbildung in die USA lassen. Und sie will einen Führerschein machen. Für eine Frau in diesem Teil Afghanistans ist das unerhört. Auch Haschmatullah lehnt die Idee ab. Sarmina leitet zwar ein erfolgreiches Unternehmen. Aber bis ihr Mann sie ans Steuer lässt, muss sich noch viel ändern im Osten Afghanistans.

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