Griechenland

Wer den Revolver zieht, muss irgendwann schießen

Merkel und Sarkozy spielten in Cannes erfolgreich die Rolle der Sheriffs der Euro-Zone. Über Nacht brachen die Kanzlerin und der französische Präsident ein Tabu.

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Wenn Frankreich die Welt zu Gast hat, will es strahlen. Deshalb hatte Präsident Nicolas Sarkozy den legendären Badeort Cannes an der Cote d'Azur für den jährlichen G-20-Gipfel ausgewählt. Dort trafen sich die Staats- und Regierungschefs, die zusammen über zwei Drittel der Weltbevölkerung herrschen, im mondänen Palais de Festival.

Dort, wo in jedem Mai die „Goldene Palme“ für den besten Film und in jedem Juli die „Löwen“ für die besten Werber vergeben werden, waren extra abhörsichere Telefonleitungen eingebaut worden.

Doch der wichtigste Anruf, der wahrscheinlich die Euro-Zone vor dem Auseinanderbrechen und vielleicht die Welt vor der nächsten Rezession bewahrte, wurde nicht von Cannes aus getätigt, sondern von einem denkbar unglamourösen Ort: dem Zentralkrankenhaus Athens.

Dorthin hatte sich Evangelos Venizelos in der Nacht zum Dienstag fahren lassen, nachdem starke Schmerzen im Unterleib es dem griechischen Finanzminister unmöglich gemacht hatten, weiter an seinem Schreibtisch zu sitzen.

Venizelos und der entzündete Blinddarm

Die Ärzte diagnostizierten einen entzündeten Blinddarm – der stark übergewichtige 54-Jährige bat um Medikamente, damit er weiterarbeiten könne. Dann telefonierte er im Morgengrauen mit dem Politiker, der in Europa wohl am meisten Erfahrung damit hat, Schmerzen zu ertragen: Wolfgang Schäuble.

Der deutsche Finanzminister, seit einem Attentat vor über 20 Jahren an den Rollstuhl gefesselt, hatte im vergangenen Jahr wegen der Euro-Krise Operationen an den Spätfolgen aufgeschoben und, als es nicht mehr anders ging, die Euro-Rettung wochenlang vom Klinikbett aus mitorganisiert.

Schäuble weiß wie wohl kein anderer, dass Politik auf Schwäche, auch auf körperliche Schwäche, keine Rücksicht nimmt. Er konnte seinen leidenden griechischen Kollegen nicht schonen. Deshalb sagte Schäuble Venizelos, dass Griechenland kein Geld mehr von Europa bekäme.

Eine Selbstverständlichkeit war das nicht. Zwar hatte Venizelos’ Chef, der griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou, am Montagabend die komplette Euro-Zone brüskiert, als er eine Volksabstimmung über die Sparmaßnahmen und Reformen ankündigte, denen er bereits zugestimmt hatte.

Putschgerüchte machten in Athen die Runde

Aber ob Europa tatsächlich wagen würde, Griechenland den Hahn abzudrehen, war mehr als fraglich. Denn die acht Milliarden, um die es konkret ging, brauchten die Griechen angeblich, um den Zusammenbruch ihres Staates aufzuhalten. Sogar Putschgerüchte machten die Runde in Athen.

Tatsächlich hatte Papandreou am Vortag völlig überraschend hohe Generäle entlassen. Und der deutsche Bundestag, der in dieser Frage eigentlich das letzte Wort hat, hatte der Überweisung des deutschen Anteils an den Milliarden bereits zugestimmt. Tatsächlich wusste die Bundesregierung zu dem Zeitpunkt von Schäubles Telefonat in Wirklichkeit nicht einmal, ob das Geld überhaupt noch auf ihren Konten war.

Doch das war in diesem historischen Augenblick alles nebensächlich geworden. Wer sich nicht an europäische Vereinbarungen hält, kann nicht in der Euro-Zone bleiben. Dieser Drohung waren nach elf Jahren griechischen Lügens und Lavierens in diesem Telefonat zum ersten Mal Taten gefolgt. Deutschland hatte den Revolver gezogen.

Abdrücken musste es nicht. Denn Venizelos hatte verstanden. Und er sorgte – gemeinsam mit Angela Merkel – auch dafür, dass sein Chef Papandreou verstand. Der griechische Finanzminister, der sich frisch aus der Klinik entlassen in eine Regierungsmaschine Richtung Cannes setzte, sprach während des Fluges mit seinem in der gleichen Maschine reisenden Ministerpräsidenten kaum ein Wort.

Klarkalte Atmosphäre beim Abendessen in Cannes

Nach der Landung ging es ins Palais de Festival. Das war noch leer: Die Kanzlerin hatte ein Extra-Abendessen einen Tag vor dem Gipfel ansetzten lassen. Von den G-20-Führern war außer ihr nur der französische Präsident Nicolas Sarkozy dabei. „Ein Gespräch unter Freunden in einer die Freundschaft durchaus belastenden Situation“, beschrieb ein deutscher Offizieller diplomatisch aber klar die klarkalte Atmosphäre.

Anschließend, es ging schon gegen Mitternacht, machten die Kanzlerin und Sarkozy Schäubles Drohung vom frühen Morgen öffentlich: Griechenland müsse sich entscheiden, ob es in der Euro-Zone bleiben wolle.

Bisher hatte Merkel argumentiert: Bei einem Griechen-Austritt geriete der Euro ins Wanken. Ohne Euro scheitere Europa. Jetzt sagte sie stattdessen: „Wir sind gewappnet.“ Mit anderen Worten: Es geht notfalls auch ohne Griechenland.

Den Rest konnten die Staats- und Regierungschefs am nächsten Tag in Cannes im Fernsehen verfolgen. Irgendjemand hatte viele der TV-Geräte in den 26 Arbeitsräumen, in die sich die G-20-Führer zurückziehen konnten, auf den britischen Nachrichtensender BBC eingestellt: Während Merkel, Sarkozy, Barack Obama, der chinesische Staatspräsident Hu Jintao und die anderen Führer um die Neuordnung des Weltfinanzsystems rangen und einen Plan berieten, um die Schwankungen von Währungen zu begrenzen, liefen im Hintergrund Live-Berichte aus Athen: Venizelos distanziert sich von Papandreous Plan.

Wenn es nicht anders geht, ist die Kanzlerin Sheriff

Papandreou distanziert sich von Papandreous Plan. Papandreous Plan ist Geschichte. Es gibt keine Volksabstimmung. Dass es so schnell gehen würde, hatte Merkel überrascht. Deutschland konnte seinen Revolver wieder wegstecken.

Die Kanzlerin spielt den europäischen Sheriff nämlich nicht gern, sondern nur dann, wenn es gar nicht anders geht. Deshalb überließ sie den nächsten Outlaw auch ihrem Deputy, ihrem Hilfssheriff. Der französischen Staatspräsident und Gastgeber in Cannes, Nicolas Sarkozy, hatte sowieso schlechte Laune.

Ihm hatte die griechischen Kabale und ein für das Mittelmeer untypischer Nieselregen die für seinen Wahlkampfauftakt fest eingeplanten schönen Bilder verdorben. Umso leidenschaftlicher knüpfte er sich Silvio Berlusconi vor. Dessen „politische Glaubwürdigkeit“ sei völlig zerstört, schmiss ihm Sarkozy an den Kopf – und steckte das Zitat anschließend französischen Medien.

Tatsächlich kam Berlusconi, der das Palais de Festival mit wehendem Cape wie ein abgehalfterter Film-Mogul betreten hatte, mit leeren Händen: Den Beginn der politischen Vorbereitung seiner Reformen bis zum G-20-Gipfel hatte er den Europäern vor einer Woche versprochen – aber nicht ein einziges Gesetz ins Parlament eingebracht.

Berlusconi hatte nichts zu melden in Cannes

Pathetisch wollte er in Cannes als erster das Wort ergreifen – doch Sarkozy schlug es ihm ab. Der bissige Franzose und die nur im Ton mildere Kanzlerin machten Berlusconi auf mehreren Treffen in der an den eigentlichen Versammlungssaal grenzenden Vip-Lounge klar, dass sie ihm gar nichts mehr glauben.

Demütig musste der einst so stolze Mann anbieten, seine Reformen künftig nicht nur von der EU-Kommission, sondern auch noch vom Internationalen Währungsfond überwachen zu lassen. So etwas konnte man früher nur mit Dritte-Welt-Ländern machen. Kleinlaut habe Berlusconi alles akzeptiert, hieß es später aus unterschiedlichen Quellen.

Nur der ihn stets begleitenden Finanzminister Giulio Tremonti verteidigte Reste der Würde Italiens: Berlusconi hätte sogar einem „precautionary monitoring“ zugestimmt, also einer Vorab-Absegnung aller Maßnahmen durch den Währungsfond, hieß es, hätte Tremonti dazu nicht „No“ gesagt.

Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz beantwortete Tremonti die Frage, ob er wirklich meine, Berlusconi sei nicht länger der richtige Mann, um Italien zu führen, wie eine Zeitung geschrieben habe, ausweichend: Er lese keine Zeitungen.

Dem italienischen Premier war das Potenzgehabe vergangen

Berlusconi, der die deutsche Kanzlerin laut einem Abhörprotokoll vor einiger Zeit noch unsäglich sexistisch beleidigte, war das Potenzgehabe jedenfalls gründlich vergangen. Die Wirtschaftskraft Italiens sei doch in Ordnung und die Verschuldung sei doch schon Jahrzehnte hoch, so jammerte er erst den G-20-Führern und anschließend auch der Presse vor.

Diese Haltung brachte die italienische Zeitung „Il Foglio“ am nächsten Tag auf die ironische Schlagzeile: „Fondamental Buoni, Il Resto Merde“ – „Grundsätzlich in Ordnung, der Rest Scheiße.“ Berlusconis Tage als Premierminister sind mal wieder gezählt.

Der Sheriff hat seine Stadt also im Griff – dieses Bild sollte auch außerhalb für Vertrauen sorgen. Doch die G-20-Führer, denen Deutschland und Frankreich nicht drohen konnten, blieben skeptisch. Einen Crashkurs in Sachen Europapolitik habe er erlebt, scherzte Obama: Sie bestehe aus „vielen, sehr vielen Treffen“. Der chinesische Staatspräsident Hu Jintao soll gesagt haben, er verstehe die Europäer nicht, weil jeder etwas anderes erzähle.

Und Manmohan Sing, der wie immer im Turban auftretende Führer Indiens, kommentierte angeblich Griechenland mit dem Bonmot, es sei erstaunlich, wie viel ein Land, das kein Geld habe, ausgeben könne. Auf die mächtigen Schwellenländer ist Europa aber angewiesen, wenn der Plan aufgehen soll, den Rettungsfonds mit deren Geldern auf Billionengröße zu hebeln.

Griechen-Austritt ist wahrscheinlicher geworden

Bisher sieht es nicht danach aus: Anfang der Woche brach der Rettungsschirm einen Versuch, eine Anleihe zu platzieren, erfolglos ab. Auch deshalb musste Merkel in Cannes wieder Versuche abwehren, die Notenbanken doch noch in die Rettungsmaßnahmen zu ziehen.

Sogar die erfolgreiche Einschüchterung der Griechen hatte ihren Preis. Auch wenn sie diesmal noch pariert haben – ihr Austritt aus der Euro-Zone ist wieder ein Stück wahrscheinlicher geworden.

Denn zum ersten Mal haben Merkel und Sarkozy den Rauswurf der Griechen öffentlich zu einer denkbaren Option erklärt – wenn auch nur für eine Nacht.

In Cannes wollte man anschließend alles nicht so gemeint haben. Tatsächlich aber laufen hinter den Kulissen längst die Vorbereitungen – wenn auch noch im Status eines Plan B, den man lieber nie aus der Schublade ziehen müsste. Offiziell gibt es dafür keine Bestätigung.

Aber wer den Revolver zieht , kann irgendwann auch schießen müssen. Bei Evangelos Venizelos, dem Anrufer aus dem griechischen Krankenhaus, konnte sich Schäuble noch relativ sicher sein, nicht abdrücken zu müssen: Der griechische Finanzminister hatte seinem deutschen Kollegen schon kurz nach seinem Amtsantritt gesagt, er werde alles dafür tun, um sein Land im Euro zu halten. Aber sind alle Schuldner in Europa so berechenbar?

Noch freilich sind die Europäer guten Mutes: EU-Kommissar Olli Rehn gewann in Cannes sogar eine Flasche sehr guten Rotweins. Der Finne, der Deutsch ganz gut spricht und sehr gut versteht, hatte mit einem führenden deutschen Beamten gewettet.

Rehn hatte schon am Montagabend darauf gesetzt, dass die Griechen ihre Volksabstimmung am Ende doch nicht wagen würden – und Recht behalten. Noch gewinnt in Europa, wer auf den Sheriff setzt.