Zehn Jahre Militäreinsatz

General erklärt Afghanistan-Krieg für gescheitert

"Wenn wir aus Afghanistan sind, übernehmen die Taliban wieder die Macht", sagt Ex-General Kujat. Zum zehnten Jahrestag hagelt es von allen Seiten Kritik.

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Zehn Jahre nach dem Beginn des internationalen Militäreinsatzes in Afghanistan hält der frühere Generalinspekteur der Bundeswehr, Harald Kujat, diesen für gescheitert. Der Einsatz habe zwar "den politischen Zweck, Solidarität mit den Vereinigten Staaten zu üben, erfüllt", sagte er der "Mitteldeutschen Zeitung".

"Wenn man aber das Ziel zum Maßstab nimmt, ein Land und eine Region zu stabilisieren, dann ist dieser Einsatz gescheitert", fügte er hinzu.

"Wenn wir rausgehen, werden die Taliban die Macht übernehmen"

"Wir haben zu lange gebraucht, um zu akzeptieren, dass es sich hier um einen Einsatz handelt, bei dem der Gegner militärisch kämpft und wir militärisch kämpfen müssen", sagte Kujat der Zeitung.

Die Argumentation, dass es um einen Stabilisierungseinsatz gehe, sei zu lange durchgehalten worden, "auch mit Blick auf die innenpolitischen Befindlichkeiten".

"Wenn wir 2014 aus Afghanistan rausgegangen sind, dann werden die Taliban die Macht in wenigen Monaten wieder übernehmen", sagte Kujat.

Auch der ehemalige Nato-General Egon Ramms kritisierte gegenüber Morgenpost Online das Vorgehen der westlichen Staaten beim Aufbau Afghanistans. "Ich finde es unerträglich, dass es im Prinzip keinen politischen Gesamtplan für Afghanistan gibt, der all diese Werkzeuge, die man in Afghanistan einsetzen kann und einsetzen muss, entsprechend koordiniert", sagte Ramms.

Ramms trug als Befehlshaber des Nato-Hauptquartiers im niederländischen Brunssum drei Jahre lang die oberste Verantwortung für den Militäreinsatz in Afghanistan. Seit Oktober 2010 ist er im Ruhestand.

Ramms bemängelte vor allem die mangelnde Koordination zwischen den beiden vom UN-Sicherheitsrat eingesetzten Organisationen, der Unterstützungsmission Unama und der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe Isaf unter Nato-Regie.

"Nach meiner Auffassung müssten die Unama oder die Staatengemeinschaft einen zivilmilitärischen Plan herausbringen, der alle Leistungen bündelt, die in Afghanistan erbracht werden, von internationalen Organisationen, von Nichtregierungsorganisationen, von Soldaten, von der Weltbank, von UN-Einrichtungen", sagte er weiter.

Kritik am Vorgehen der Bundesrepublik

Der General kritisierte auch das Vorgehen der Bundesrepublik in Afghanistan. "Wir Deutsche reden immer von der vernetzten Sicherheit", sagte er – "ob wir die tatsächlich praktizieren, auch in dem Umfang, wie es andere Länder tun, dahinter mache ich persönlich ein großes Fragezeichen."

Aus dem Grund habe es ihn auch überrascht, dass die nächste internationale Afghanistan-Konferenz Anfang Dezember in Bonn offenbar ein reines Außenminister-Treffen werden soll. "Dieses Treffen sollte nicht nur beschränkt bleiben auf die Ressorts, die sich heute an diesem Prozess in Afghanistan beteiligen", forderte er.

Zum Beispiel könne sich auch das Landwirtschaftsministerium in Afghanistan engagieren. "Wenn ich sehe, dass die Amerikaner, die Kanadier, die Briten sogar Agrar- und Wasserbauingenieure als Berater mitnehmen, dann unterscheidet sich das schon deutlich von dem, was Deutschland macht."

Unterdessen bekräftigte die deutsche Bundesregierung den Plan, auf jeden Fall bis Ende 2014 alle Bundeswehr-Kampftruppen aus Afghanistan abziehen: "Der Abzug wird bis Ende 2014 abgeschlossen sein", sagte der deutsche Afghanistan-Beauftragte Michael Steiner.

Auf einen genauen Termin, wann die ersten von derzeit noch 5000 Bundeswehr-Soldaten Afghanistan verlassen, legte sich Steiner weiterhin nicht fest. Der Diplomat versprach jedoch, dass es bis zum Ende dieses Jahres "Klarheit" geben werde. Eigentlich hat sich die Regierung zum Ziel gesetzt, dass der Abzug noch 2011 beginnt - allerdings nur mit dem Zusatz "soweit es die Lage erlaubt".

Obama will nicht auf den Jahrestag eingehen

Das Weiße Haus plant keine Zeremonien zum zehnten Jahrestag des Kriegsbeginns. US-Präsident Barack Obama wollte nicht öffentlich auf den Jahrestag eingehen. Der Krieg in Afghanistan ist der längste der USA seit Vietnam. Obama sprach sogar vom "längsten Krieg in der amerikanischen Geschichte".

Der Krieg begann am 7. Oktober 2001, als die USA und Großbritannien die afghanische Hauptstadt Kabul aus der Luft angriffen. Die USA erklärten damals, die Al-Qaida in Afghanistan sei für die Terroranschläge vom 11. September 2001 verantwortlich.

Zehn Jahre nach dem Beginn des Kriegs ist jedoch kein Frieden in Sicht : Die Regierung ist für einen Truppenabzug noch nicht bereit – und die Angst vor einem Bürgerkrieg wächst.