„Den meisten Afghanen geht es nicht besser als 2001“, meint Thomas Ruttig, Co-Direktor des Afghanistan Analysts Network in Kabul, „sie können sich noch nicht einmal freier bewegen als unter den Taliban – wenn auch aus anderen Gründen als früher.“

Die „Operation Enduring Freedom“, deren erster Angriff sicham Freitag zum zehnten Mal jährt, sollte „dauerhaft Freiheit“ bringen. Afghanistan sollte unter dem Schutz und mit der Hilfe der internationalen Gemeinschaft zu einem modernen Musterstaat heranwachsen. Doch die Bilanz nach einer Dekade sieht traurig aus. Wenn in dreieinhalb Jahren die meisten ausländischen Soldaten, darunter auch die Bundeswehr, aus Afghanistan abziehen, werden sie ein Land hinter sich lassen, in dem viel versprochen, aber nur wenig erreicht wurde.

Dramatische Sicherheitslage

Auf dem Papier, meint Afghanistanexperte Ruttig, haben die Menschen am Hindukusch zwar heutzutage mehr Freiheiten, aber die werden durch die dramatische Sicherheitslage und die ethnische Polarisierung wieder aufgehoben. Beim Wiederaufbau, dem angekündigten „Nationbuilding“, sind höchstens Teilerfolge in einigen Sektoren zu beobachten. Anstatt sich auf den Aufbau von funktionierenden und nicht korrupten Institutionen zu konzentrieren, hatte alle Welt nur den militärischen Sektor Afghanistans im Blick.

„Man hat mit Geld nach den Problemen geworfen“, so der Analyst, „aber damit hat man nur dafür gesorgt, dass sich eine superreiche Oberschicht entwickelt hat.“ Riesige Summen sind nach Afghanistan geflossen: Seit 2001 waren es rund 57 Milliarden Dollar. Aus dem zerstörten Kabul, in dem der Strom nur unregelmäßig funktionierte und die Straßen und Gebäude von Einschusslöchern strotzten, erwuchs eine Großstadt mit Einkaufzentren und Hochhäusern. Doch die üppige Finanzhilfe, meint Thomas Ruttig, hat den Afghanen nicht wirklich geholfen: „Es ist eine soziale Kluft entstanden, an deren unterem Ende ein Großteil der Bevölkerung ums tägliche Überleben ringen muss.“ Als die USA und Großbritannien am 7.Oktober 2001 ihren ersten Luftangriff gegen die Taliban und al-Qaida starteten, hatten die meisten Afghanen euphorisch reagiert. Inzwischen aber sehen immer weniger Menschen die rund 140.000 ausländischen Soldaten als Befreier.

„Die Desillusionierung ist sehr tief“, erklärt Thomas Ruttig. Nach dem Kommunismus und dem Islam der Mudschaheddin und der Taliban sei jetzt auch die Demokratie in den Augen der Afghanen gescheitert. „Aber es ist eben eine Demokratie, die aus der B52 abgeworfen wurde und nicht durch kleinteilige Arbeit von unten aufgebaut worden ist.“

Aus militärischen Erwägungen habe der Westen mit den Warlords zusammengearbeitet, „die dann natürlich nicht an Demokratie interessiert waren“. Überhaupt, meint Afghanistankenner Ruttig, habe die Staatengemeinschaft hier vieles falsch gemacht. „Die Afghanen sind sehr freiheitsliebend und meinungsstark – und eigentlich auch autonom. Aber man hat ihnen nie eine Chance gegeben, wirklich in aller Breite ihre Meinung zu sagen.“ Das war schon bei der ersten Loja Dschirga, der großen Ratsversammlung, im Juni 2002, im Keim erstickt worden. „Und eine Demokratie, in der das Ausland bestimmt, wer der Präsident wird, und die Bevölkerung das dann nur noch in einer Wahl absegnen darf, damit kann sich natürlich niemand wirklich identifizieren.“

Hinzu kommt die katastrophale Sicherheitssituation im Land. Als die Taliban vor zehn Jahren gestürzt wurden, flohen sie geschwächt und geschlagen nach Pakistan. Damals hatte die Gewalt im Lande rapide abgenommen, und für ein paar Jahre blieb es vergleichsweise ruhig. Doch die Gotteskrieger leckten ihre Wunden, sammelten sich und wurden jenseits der Grenze wieder stark. Ihre Attacken nehmen seither stetig zu, und ihre Kontrolle über weite Teile Afghanistans wächst.

In diesem Jahr brach die Zahl der getöteten Zivilisten einen traurigen Rekord. Auch die UN warnen vor einer Steigerung der Gewalt: die Anzahl der Zusammenstöße und Selbstmordanschläge hatte bis August bereits um über ein Drittel im Vergleich zu 2010 zugenommen. Die neu aufgebaute afghanische Armee, da sind sich die Beobachter einig, wird ebenso wenig wie die von Deutschland mit ausgebildete lokale Polizei in der Lage sein, nach 2014 die Ordnung aufrechtzuerhalten.

Das größte Problem, die undurchsichtige Rolle Pakistans, hatte der Westen Ruttigs Meinung nach viel zu lange schleifen lassen. „Wir haben alles auf Karsai abgeschoben, was wir selbst falsch gemacht haben, und wir haben uns dem Problem Pakistan nicht von Anfang an gewidmet“.

Fortschritte brutal ausgebremst

Seit Kurzem liegt der Friedensprozess mit den Aufständischen im Koma. Der gewaltsame Tod von Verhandlungsführer Burhanuddin Rabbani hat die schleppenden Fortschritte brutal ausgebremst. Gerade zwei Wochen ist es her, seit der Ex-Präsident ermordet wurde, nun zeigt Afghanistan wieder sein altes Gesicht: Die Ethnien zanken und zerren um Macht und Einfluss. Und nach zehn Jahren sind nun genau die gleichen alten Fraktionen wieder aus der Versenkung aufgetaucht, die schon damals um die Pfründe stritten.

Afghanistan, erklärt Thomas Ruttig, ist seit eh und je zersplittert, aber in letzter Zeit wird die Ethnisierung schlimmer. Die Volksgruppen misstrauen sich gegenseitig, und ein nationales Gemeinschaftsgefühl fehlt. „Dabei läuft die Polarisierung nur auf der Führerebene“, so der Analyst. „Wenn sich die Menschen in Afghanistan einmal gegenseitig anguckten, dann würden sie sehen, dass es dem Bauern in der Provinz Kundus genauso schlecht geht wie dem aus Kandahar. Und beiden hätte es sicher geholfen, wenn der Westen dafür gesorgt hätte, dass eine nicht fraktionelle und nicht so ethnisierte afghanische Führung entstanden wäre. Es wäre doch darum gegangen, eine Regierung zu schaffen, in der es egal ist, ob derjenige, der von Hilfsprogrammen profitiert, ein Usbeke oder Paschtune ist.“

Nun aber sind die Aussichten für Afghanistan düster. Bis 2014, meint Thomas Ruttig, wird Afghanistan nicht stabilisiert sein. „Die Institutionen werden auch dann noch nicht funktionieren, und eine politische Lösung steht in den Sternen.