Libyen

Rund 100 Leichen in Gaddafi-Bastion gefunden

Die Wüstenstadt Bani Walid, eine der letzten Hochburgen des Gaddafi-Regimes, ist nach Angaben der libyschen Streitkräfte nahezu erobert. In einem Krankenhaus stießen die Soldaten auf Dutzende Tote. In Sirte gehen die Kämpfe unterdessen weiter.

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Truppen der libyschen Übergangsregierung feiern Fall der vorletzten Gaddafi-Hochburg

Video: Reuters
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Der libysche Übergangsrat hat am Montag die Wüstenstadt Bani Walid eingenommen, eine der letzten Hochburgen von Anhängern des gestürzten Machthabers Muammar el Gaddafi. Die Stadt sei „vollständig befreit“, erklärte Seif el Lassi, ein Kommandeur der neuen libyschen Führung. Unterdessen lief die deutsche Hilfe für libysche Kriegsopfer an, vorerst fünf Patienten werden in Hamburg behandelt.

Beim entscheidenden Sturm auf Bani Walid wurden nach Angaben des Übergangsrates zwei eigene Kämpfer getötet und 70 weitere verletzt. Mindestens 20 „Söldner“ seien festgenommen worden, erläuterte Kommandeur Lassi. Nach einem Bericht waren in Bani Walid Freudenschüsse und „Allah Akbar“-Rufe („Gott ist groß“) zu hören. Die Rebellen hissten auf den Dächern mehrerer Gebäude die Flagge des Nationalen Übergangsrats.

Bani Walid war am Montag von Norden und von Süden her angegriffen worden. Die Kämpfer des Übergangsrats brachten unter anderem den Flughafen und das Krankenhaus unter ihre Kontrolle. Das Internationale Rote Kreuz stattete die Klinik mit frischem medizinischen Material aus. Bani Walid liegt rund 170 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Tripolis. Am Sonntag hatten die Rebellen eine neue Offensive gegen die Wüstenoase begonnen, nachdem sie die Kämpfe eine Woche lang unterbrochen hatten. Zuletzt gingen die Rebellen davon aus, dass die Stadt noch von etwa 1500 Gaddafi-Anhängern kontrolliert werde.

Im Stadtzentrum von Bani Walid hissten Milizionäre die Flagge des Übergangsrates und feuerten Freudenschüsse ab, wie der arabische Nachrichtensender Al-Arabija berichtete. „Die Stadt Bani Walid ist vollständig befreit“, sagte ein Kämpfer dem Sender. Mitarbeitern des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) sei es am Montag erstmals wieder gelungen, Krankenhäuser in Bani Walid mit dringend benötigten Medikamenten zu versorgen.

In Sirte, der Geburtsstadt des inzwischen untergetauchten ehemaligen Machthabers, haben sich dessen Anhänger noch in einigen wenigen Wohnblöcken verschanzt. Den Großteil der Stadt am Mittelmeer hatten die Milizen des Übergangsrates bereits vor einer Woche unter ihre Kontrolle gebracht. Sie warfen den Gaddafi-Kämpfern vor, die Zivilbevölkerung als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen.

Die Truppen des libyschen Übergangsrates haben in einem Krankenhaus der von ihnen eroberten Widerstandshochburg Stadt Bani Walid angeblich rund 100 Leichen entdeckt. Bei den Getöteten handele es sich vermutlich um Kämpfer der Truppen des Übergangsrates, meldete die libysche Nachrichtenwebsite „Qurayna al-Jadida“. Die Zustände in dem Krankenhaus, in dem es seit Tagen keinen Strom mehr gibt, seien schrecklich.

Ein Militärsprecher hatte am Montagabend gemeldet, Bani Walid sei „zu 95 Prozent befreit“. Anhänger des verschwundenen Ex-Machthabers Muammar al-Gaddafi verschanzten sich nur noch in einzelnen Vierteln von Bani Walid und von Gaddafis Heimatstadt Sirte.

Der Chef der Übergangsregierung, Mahmud Dschibril, sagte in einem am Dienstag veröffentlichten Interview der Zeitung „Al-Sharq Al-Awsat“, Gaddafi, der seit der Eroberung von Tripolis durch die neuen Machthaber im August verschwunden ist, halte sich immer noch in Libyen auf. Er habe noch nicht aufgegeben. Sein Plan sei es, entweder einen „islamischen Staat“ im Süden Libyens auszurufen oder den neuen libyschen Staat zu destabilisieren, indem er Zwietracht unter den verschiedenen Stämmen und politischen Strömungen säe

Der syrische Pro-Gaddafi-Fernsehsender Al-Rai bestätigte mit mehrwöchiger Verspätung den Tod von Chamis al-Gaddafi, einem der Söhne Gaddafis. Wie der Sender am Montag berichtete, wurde er am 29. August in Tarhuna, 80 Kilometer südöstlich von Tripolis, bei Kämpfen mit den Milizen der Übergangsrates getötet. Er hatte eine Elite-Einheit kommandiert, die für ihre Grausamkeit berüchtigt war.

Es handelt sich um die erste Bestätigung des Todes von Chamis al-Gaddafi aus dem Gaddafi-Lager. Der Übergangsrat hatte dies schon Ende August gemeldet. Die ehemaligen Rebellen hatten allerdings den Gaddafi-Sohn schon vorher zweimal fälschlicherweise für tot erklärt.

Die Einheiten des Übergangsrates wollen ihre Angriffe nunmehr auf Sirte konzentrieren. Dort halten sich in einigen Stadtvierteln weiterhin Anhänger Gaddafis verschanzt. Am Montag wurden aber auch dort Fluchtbewegungen beobachtet.

Die von Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) bei einem Besuch in Tripolis zugesagte Hilfe für libysche Kriegsopfer lief am Sonntag an. Fünf Patienten zwischen 23 und 30 Jahren wurden zur Behandlung nach Hamburg gebracht, wo die Ärzte nach Angaben vom Montag einen von ihnen auf die Intensivstation verlegten. Der 29-Jährige habe schwere Hirnverletzungen, teilte der Hamburger Klinikbetreiber Asklepios mit. Der Zustand der vier übrigen Patienten sei „relativ stabil“. Nach Angaben des Auswärtigen Amts sollen zunächst etwa 40 Menschen mit Hilfe der Bundeswehr über den Nachbarstaat Tunesien ausgeflogen und in Deutschland versorgt werden.

Insgesamt soll es in Libyen mehr als 2000 Schwerverletzte geben. Eine ausreichende Behandlung ist vor Ort meist nicht möglich. Am Dienstag erwartet Asklepios nach eigenen Angaben sieben weitere Patienten aus Libyen in der Hansestadt. Zudem sollen drei Kinder aus dem nordafrikanischen Bürgerkriegsland in der Kinderabteilung der Hamburger Asklepios Klinik Nord behandelt werden.

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