Bulgarien

Nationalisten hetzen mit Hitler-Gruß gegen Roma

Lange war Bulgarien ein Paradebeispiel für ethnische Toleranz. Nun bedrohen Nationalisten und ihr Hass gegen die Roma-Minderheit diesen Frieden.

Foto: dpa / dpa/DPA

Noch im Mai hatte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon Bulgarien als Beispiel für das friedliche Zusammenleben verschiedener Kulturen und Religionen auf dem Balkan gelobt. Das EU-Land genießt diesen guten Ruf schon seit dem Zweiten Weltkrieg. Damals hatte es seine 50.000 Juden nicht an Nazi-Deutschland ausgeliefert. Nach dem Ende des Kommunismus 1989 wurde ein gewaltsamer Konflikt zwischen der slawischen Mehrheit und der türkischen Minderheit vermieden. Die Türken erhielten alle Bürgerrechte und gründeten ihre eigene Partei.

Rassisten skandieren "Zigeuner zu Seife"

Die Integration der Roma ist dagegen offensichtlich gescheitert. Nationalisten , Rocker sowie Fußballfans sind plötzlich mit bisher unbekannter Schärfe auf die Roma-Minderheit losgegangen. Rassistische Parolen wie „Zigeuner zu Seife“ wurden immer wieder skandiert.

Die Rechtsextremisten werfen der Minderheit hasserfüllt vor, auf Kosten der slawischen Mehrheit zu leben. Offiziell haben sich 300.000 Menschen als Roma deklariert. Nach Schätzungen stellen sie jedoch von den insgesamt 7,3 Millionen Einwohnern mehr als eine halbe Million.

Mit wenigen Ausnahmen gehören die Roma zu den Ärmsten der Armen und sind tatsächlich auf Sozialhilfe angewiesen. Die hohe Arbeitslosigkeit treibt viele in die Kriminalität. Sie leben in eigenen Wohnvierteln am Stadtrand unter miserablen Bedingungen.

Der wohl einzige Berührungspunkt mit den Slawen ist die sehr beliebte Roma-Musik, ohne die kaum eine slawische Hochzeit auskommt. Im Gegensatz zu den Juden oder Armeniern heiraten die Roma nur untereinander.

Ausschreitungen gegen Roma-Clan in 3200-Seelen-Dorf

Auch im südbulgarischen Dorf Katuniza leben die rund 200 Roma abgetrennt, sagt der slawischstämmige Dorfbewohner Stojan Tjutjunarow in Sofia. Er kam in die Hauptstadt eine Woche nach den Ausschreitungen gegen einen Roma-Clan in seinem Dorf, um vom „Innenminister persönlich“ ein stärkeres Polizeiaufgebot zu fordern.

Die rund 3000 slawischen Dorfbewohner leben vor allem von der Landwirtschaft. Die dortigen Roma arbeiten meist als Tagelöhner.

In den Siedlungen der Roma herrschen deren eigene Regeln. Was rechtens ist, bestimmt das traditionelle Gericht, das „Meschere“. Gerade dieses Gericht soll den Roma-Boss „Zar Kiro“ (König Kiro) aus Katuniza – der als Auslöser für die landesweiten Anti-Roma-Proteste gilt – noch vor seiner Festnahme durch die Polizei zum Tod durch Erhängen verurteilt haben.

Männer aus seinem Clan sollen absichtlich einen slawischstämmigen Jungen aus dem Dorf mit seinem Kleinbus überfahren haben. Aufgebrachte Dorfbewohner brannten daraufhin die Häuser des Roma-Bosses nieder.

Dennoch sagt Tjutjunarow: „Wir haben Probleme nur mit diesem kriminellen Boss, nicht mit den anderen Roma“.

Aufgeheizte nationalistische Stimmung

Die Nationalisten sehen die Lage ganz anders. „Ich fühle mich diskriminiert – die Roma bezahlen für nichts“, brüllte ein Redner am Wochenende während einer Aktion der Ataka-Partei am Präsidentensitz. „Ich möchte nicht in Zigeuner-Bulgarien leben“, schreit ein anderer.

Die aufgeheizte nationalistische Stimmung steigert sich, als der Aktivist mit schwarzer Lederweste und schwarzen Stiefeln der Menschenmenge mit ausgestrecktem Arm den Hitler-Gruß zeigt.

Beschlüsse des Sicherheitsrats um Statspräsident Georgi Parwanow über „umfassende Kontrollen“ für gesetzeswidrig reich gewordene Bulgaren, darunter „Zar Kiro“, reichen der Opposition nicht aus. „Das sind nur allgemeine Worte“, meint Ex-Regierungschef Iwan Kostow. Ex-EU-Kommissarin Meglena Kunewa – die sich nun für das Präsidentenamt in Sofia bewirbt – vergleicht die Maßnahmen mit einer „aufgewärmten Speise“.

Analysten warnen vor dem neu entflammten ethnischen Hass. „Es gibt bereits ein (leicht) entzündbares Gemisch von Emotionen, ein neuer Funke wäre außerordentlich gefährlich“, beschreibt der renommierte Soziologe Haralan Aleksandrow die Gefahr.