Hass auf Roma

Rassistische Abenteuer-Wochenenden in Varnsdorf

Seit über einem Monat bedrohen Neonazis rund 60 Roma im tschechischen Varnsdorf – nur 500 Meter von Deutschland entfernt. Doch woher rührt die Abneigung?

Foto: AFP

In der Roma-Unterkunft "Sport" ist die Angst förmlich zu greifen. Wenig später wird hier ein Protestzug von mehreren Hundert Einwohnern der deutsch-tschechischen Grenzstadt Varnsdorf vorbeiziehen.

"Warum müssen unsere Kinder darunter leiden?", fragt eine der Roma-Frauen.

Seit mehr als einem Monat sind die 62 Bewohner der Sozialwohnungen – zwei Drittel davon Kinder - jedes Wochenende mit neuen Anti-Roma-Märschen konfrontiert. Nur 500 Meter weiter entlang der Straße beginnt Deutschland.

In einem Garten wirbeln am vorigen Samstag Dutzende Kinder über die Schotterfläche, üben Handstand und spielen „Polizist und Demonstrant“.

Aber aus dem Spiel wird schnell bitterer Ernst: Bevor die echten Demonstranten vorbeiziehen, müssen sich die Kleinen im hinteren Teil des Hauses verstecken.

Kinder sollen von Drohungen nichts mitbekommen

Um sie von den Protesten abzulenken, hat der deutsche Journalist Markus Pape eine Filmvorführung und ein Theaterstück für sie vorbereitet.

Von den Drohungen auf der Straße sollen sie möglichst wenig mitbekommen. „Wir denken, dass es schlimme psychische Folgen für die Kinder haben könnte“, sagt Pape, der auch eine Initiative namens „Hass ist keine Lösung“ gegründet hat.

Vor dem Haus, nicht weit vom Varnsdorfer Bahnhof entfernt, stehen echte Bereitschaftspolizisten in voller Montur.

Mehrere Hundertschaften hat die Prager Zentralregierung in die entlegene Region an der Grenze zu Sachsen geschickt – vorerst auf unbestimmte Zeit.

Polizisten schieben Wache in Nachbarhaus

Mittlerweile haben sich die Polizisten sogar in einem der Nachbarhäuser eine Wache eingerichtet und per direkter Videoüberwachung ein Auge auf die Roma-Unterkunft.

Rufe der Demonstranten wie „Roma zur Arbeit“ treffen die Angehörigen der Minderheit ins Mark. Keiner der slawischen Arbeitgeber würde ihn jemals einstellen, sagt einer der Männer.

Höchstens zur Schwarzarbeit. Jetzt lebt er mit seiner Frau und fünf Kindern von dürftiger Sozialhilfe. Für die Anti-Roma-Stimmung in der Kleinstadt findet er keine Erklärung.

„Vielleicht wollen sie ein rassistisches Abenteuer-Wochenende erleben“, meint der Familienvater sarkastisch.

Wut der Demonstranten wenig nachvollziehbar

Bei näherem Hinsehen erweisen sich die Beschwerden der Demonstranten als wenig stichhaltig. Sie beklagen eine massive gestiegene Kriminalität in der Kleinstadt mit 16.000 Einwohnern.

Aber Polizeistatistiken belegen: In den vergangenen fünf Jahren ist die Verbrechensrate um ganze 0,9 Prozent geklettert.

Aufwendige Recherchen des Rundfunksenders „Radiozurnal“ konnten auch keinen erkennbaren Zuzug von neuen Roma-Familien nachweisen. Hoch ist tatsächlich die Arbeitslosenrate, die im ganzen Bezirk Decin über 15 Prozent liegt.

Auf dem Hauptplatz der Kleinstadt heizt der Organisator der Protestmärsche, Lukas Kohout, auch am vorigen Samstag wieder eine Menge von etwa 350 Unzufriedenen an.

Roma-Kinder sollen alte Frau belästigt haben

Ministerpräsident Petr Necas könne froh sein, bei einem demonstrativen Besuch in der Unruheregion nicht beklaut worden zu sein, sagt der Rädelsführer.

Eine ältere Frau beschwert sich auf der Bühne, dass kleine Roma-Kinder sie angeblich in einem Park brutal belästigt hätten.

Der 28 Jahre alte Kohout ist eine sonderbare Figur. In Tschechien erlangte er zweifelhafte Berühmtheit, nachdem er sich als Assistent des Präsidenten der UN-Vollversammlung Jan Kavan ausgegeben hatte.

Bizarrer Auftritt mit Kettensäge

In dieser „Funktion“ flog er auf Kosten anderer mit einem Privatjet nach Sri Lanka. Seither ist er vorbestraft.

Kohout schmeißt auf dem Podium die Kettensäge an. Ein Stuhl wird zu Kleinholz gemacht.

Wie die gesamte Demonstration richtet sich auch diese Aktion angeblich gegen die Lokalpolitiker im Rathaus, denen der Stuhl vor die Tür gesetzt werden soll. Aber sofort ruft einer der Mitorganisatoren: „Lasst uns zur (Unterkunft) Sport gehen!“