Nach der weitgehenden Eroberung von Tripolis durch die libyschen Rebellen hat die Hauptstadt mit gravierenden Versorgungsengpässen zu kämpfen. Die Bevölkerung klagte über Stromausfälle, Trinkwassermangel und explodierende Lebensmittelpreise. Die Nato konzentrierte derweil ihre Luftangriffe auf die Küstenstadt Sirte, die Heimatstadt des untergetauchten Machthabers Muammar al-Gaddafi.
In der Altstadt von Tripolis verkauften die Inhaber der Lebensmittelgeschäfte ihre letzten Waren. „Die Großhändler, von denen wir normalerweise unsere Ware beziehen, haben geschlossen. Es gibt kaum noch Wasser in Flaschen. Auch Zucker und Öl fehlen“, sagte Salah al-Arabi, ein Geschäftsinhaber.
In seinem Viertel leben viele Anhänger des abgetauchten Machthabers Muammar al-Gaddafi. Keine 200 Meter weiter liegt der Grüne Platz, heute Platz der Märtyrer, auf dem die Rebellen und ihre Anhänger seit einer Woche jede Nacht Freudenschüsse abgeben. „Wir haben seit Sonntag kein Wasser mehr im Haus, aber das ertrage ich ohne zu Murren, denn ich bin endlich frei“, rief ein Mann mit Sonnenbrille und traditioneller libyscher Kleidung auf dem Platz.
Treibstoffpreise drastisch erhöht
Auch die Treibstoffpreise in Tripolis stiegen dramatisch: Ein Liter Benzin kostete statt der sonst üblichen umgerechnet acht Cent jetzt auf dem Schwarzmarkt rund 1,70 Euro. Die Hauptstädter klagten über stundenlange Stromausfälle. In vielen Stadtteilen sei überdies die Wasserversorgung ausgefallen.
Ein Sprecher des Nationalen Übergangsrats der Rebellen dementierte, dass Gaddafi-treue Soldaten die Wasserversorgung der Zwei-Millionen-Einwohner-Stadt Tripolis lahmgelegt hätten. Es gebe lediglich „ein paar technische Probleme, und wir sind dabei, uns darum zu kümmern“, sagte Mahmud Schamman. Es fehle an Diesel für die Pumpen. Mohammed Ben Ras Ali von einem Wiederaufbauteam des Infrastrukturministeriums der Rebellen sagte, 32 Schiffe warteten darauf, Tripolis mit Wasser, Medikamenten und Treibstoff zu versorgen.
Gekämpft wurde in Tripolis am Sonnabend nach vereinzelten Explosionen und Schusswechseln in der Nacht nicht mehr. Der Leiter des Militäreinsatzes der Rebellen in Tripolis, Abdel Nadschib Mlegta, hatte am Freitagabend erklärt, dass die Aufständischen 95 Prozent der Hauptstadt kontrollierten, Gaddafi-Anhänger aber noch vereinzelt angriffen. Die Rebellen kontrollierten nach eigenen Angaben am Sonnabend auch den gesamten Flughafen, Gaddafi-treue Kämpfer beschossen allerdings das Gelände von außen und zerstörten drei zivile Flugzeuge.
Die Rebellen hatten bereits am Freitag den Kontrollposten Ras Dschedir an der Grenze zu Tunesien eingenommen. Und wieder wurde über den Verbleib des ehemaligen Machthabers Gaddafi spekuliert – diesmal ging es um Algerien, wohin er angeblich geflohen sein soll. Am Freitagmorgen habe ein Konvoi aus sechs Fahrzeugen von Libyen aus die Grenzstadt Ghadames auf dem Weg nach Algerien durchquert, berichtete die ägyptische Nachrichtenagentur Mena unter Berufung auf libysche Militärmitarbeiter. „Wir denken, sie transportierten hochrangige libysche Offizielle, vielleicht Gaddafi und seine Söhne“, hieß es. Das algerische Außenministerium wies die Berichte umgehend zurück.
Das Kampfgeschehen verlagerte sich derweil auf Gaddafis Heimatstadt Sirte. Die Nato beschoss dort 15 Militärfahrzeuge und weitere Ziele, wie sie in Brüssel meldete. Auch die libyschen Aufständischen bereiteten eine Offensive in der Küstenstadt vor. Bisher hatten sie die Stadt weitgehend umgangen.
Der Vizechef des libyschen Übergangsrats, Ali Tarhuni, bot Gaddafis Anhängern an, sie in die Sicherheitskräfte des künftigen Staats zu integrieren. „Wir werden allen Rebellenkämpfern anbieten, in die Polizei oder die Armee einzutreten“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. Ausgenommen seien nur jene Sicherheitskräfte, die „Blut an den Händen“ hätten. Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton forderte die Konfliktparteien in Libyen auf, keine Rache zu üben und die Menschenrechte zu achten.
Die Afrikanische Union (AU) erkennt nach den Worten des südafrikanischen Präsidenten Jacob Zuma den Nationalen Übergangsrat in Libyen nicht als rechtmäßige Regierung an. Afrika fordere eine „Übergangsregierung unter Einschluss aller Parteien“, sagte Zuma nach seiner Rückkehr von einem AU-Gipfeltreffen in Addis Abeba (Äthiopien).
Südafrika erkennt Rebellen nicht an
Alle Parteien in Libyen, also auch die der Anhänger des ehemaligen Machthabers Muammar al-Gaddafi, müssten bei der Bildung einer Übergangsregierung mit einbezogen werden, sagte Zuma. Die neue Regierung sei auf „nicht verfassungsmäßigem Weg an die Macht gekommen“, die AU akzeptiere sie deshalb auch nicht.
Zuma gilt als scharfer Kritiker des Nato-Einsatzes in Libyen. Der entsprechenden UN-Resolution 1973 hatte Südafrika als nicht ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat zugestimmt, diese Entscheidung aber später bedauert. Zuma meint, dass das Militärbündnis das UN-Mandat zum Schutz der Zivilbevölkerung „missbraucht“ habe, um einen Machtwechsel in Tripolis voranzutreiben. Zuma ist einer der vielen afrikanischen Führer, die Gaddafi bisher fast freundschaftlich verbunden waren. Während die AU weiter mit dem Machtwechsel in Libyen hadert, haben zahlreiche afrikanische Staaten wie Nigeria, Kenia und Ägypten den Sieg der Rebellen anerkannt.
AFP/dpa/nbo


