Libysche Rebellen glauben nach Angaben eines örtlichen Kommandeurs, den untergetauchten Diktator Muammar al-Gaddafi eingekreist zu haben. Gaddafi sei in einem Wohnkomplex nahe seines Militärhauptquartiers aufgespürt worden, sagte der Kommandeur am Donnerstag dem US-Nachrichtensender CNN.
Im sozialen Netzwerk Facebook bezweifelten in Tripolis lebende Libyer diese Angaben. Demnach sei völlig unklar, wer sich in dem Haus aufhalte. Andere Rebellenführer hatten am Donnerstag vermutet, dass sich Gaddafi außerhalb der Hauptstadt Tripolis aufhalte.
Möglicherweise geschah die Spurensuche jedoch mit Hilfe von Geheimdienstinformationen, die die Nato den Rebellen nach Angaben des britischen Außenministers Liam Fox weitergegeben hat. Die Nato stelle dem Übergangsrat in Libyen sowohl Geheimdienstinformationen als auch Mittel zur Aufklärung und Erkundung zur Verfügung, sagte Fox am Donnerstag in London in einem Interview des Senders BBC. Die Mission in Libyen sei noch nicht vorbei, da es weiterhin einige Herde gewalttätigen Widerstands im Süden von Tripolis gebe.
Einen Bericht der Zeitung „Daily Telegraph“, dem zufolge eine Spezialeinheit der britischen Armee nach Gaddafi und dessen Söhnen sucht, wollte Fox nicht kommentieren. Das Blatt berichtete am Donnerstag, Soldaten der Einheit seien auf Befehl des britischen Premierministers David Cameron als Einheimische verkleidet in Libyen auf der Suche nach Gaddafi.
Fox kündigte an, man werde sich weiter für eine schnelle Freigabe der eingefrorenen libyschen Guthaben einsetzen. Es werde wahrscheinlich bald eine UN-Resolution dazu geben, möglicherweise noch am Donnerstag. Derzeit sperre sich nur Südafrika dagegen.
Unterdessen sagte der Koordinator des libyschen Übergangsrates in Großbritannien, Guma al Gamaty, die Gewalt in Tripolis lasse deutlich nach. „Wir sind optimistisch, dass in ein paar Tagen alles unter Kontrolle sein wird“, sagte er der BBC.
Kämpfer der Aufständischen durchkämmten am Donnerstag die ausgedehnten Bunkeranlagen unter der riesigen Militäranlage Bab al Asisija, wie der arabische Fernsehsender Al-Dschasira berichtete. In der Nacht zum Mittwoch hatte Gaddafi in zwei Audio-Botschaften erklärt, er wolle notfalls den „Märtyrertod“ sterben.
Nach Angaben seines früheren Zentralbankchefs verfügt Gaddafi über Goldreserven in Milliardenhöhe und könnte diese einsetzen wollen, um Chaos zu säen. Das sagte Farhat Bengdara der Mailänder Zeitung „Corriere della Sera“. Aus seiner Sicht könnte Gaddafi einen Teil des Goldes im Wert von insgesamt zehn Milliarden Dollar (knapp sieben Milliarden Euro) mit auf die Flucht genommen haben, auch um einige libysche Stämme und Milizen zu bestechen und für seinen Schutz zu gewinnen.
„Es gibt zwei Möglichkeiten: Er könnte entweder nach Sebha (südlich von Tripolis) geflohen sein, wo er eine logistische Basis hat, oder er ist auf dem Weg zur algerischen Grenze“, meinte der frühere Gouverneur der libyschen Zentralbank in dem Interview. „Zuvor hat er allerdings verzweifelt versucht, das Gold zu verkaufen“, fügte Bengdara hinzu. Der Zentralbankchef war zu Beginn des Bürgerkrieges ins Ausland geflohen.
Libyen sei ein reiches Land, werde aber nach dem Bürgerkrieg eine Brückenfinanzierung von fünf bis sieben Milliarden Dollar benötigen, um das Bankensystem wieder in Gang zu bringen, jenen die Gehälter zu zahlen, die zur Arbeit zurückkehren, und um importieren zu können. Spenden brauche das Land nicht, aber günstige Anleihen, denn das libysche Vermögen sei eingefroren und die Einfuhren machten immerhin 80 Prozent des Verbrauchs im Land aus.
In der Hauptstadt Tripolis kam es unterdessen am Donnerstag weiter vereinzelt zu Gefechten. Es sei aber der ruhigste Tag, seit er Anfang der Woche dort eingetroffen sei, berichtete ein Reporter des britischen Rundfunksenders BBC. Al-Dschasira zitierte einen Rebellensprecher, die Aufständischen hätten den größten Teil der Stadt unter Kontrolle.
Unterdessen heißt es aus Deutschland, der libysche Botschafter habe Berlin verlassen. Jamal Ali Omar El-Baraq „hält sich nach unseren Erkenntnissen derzeit nicht in Deutschland auf“, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes am Donnerstag. Er bestätigte damit einen Bericht der „Financial Times Deutschland“, wonach El-Baraq sich ins Ausland abgesetzt hat. Aus Ministeriumskreisen hieß es, die libysche Botschaft habe El-Baraq beim Auswärtigen Amt zu einer „Auslandsreise“ abgemeldet. Laut dem Ministeriumssprecher ist El-Baraq nach wie vor der in Deutschland akkreditierte Botschafter.
Anfang April hatte das Magazin „Focus“ berichtet, das Auswärtige Amt wolle El-Baraq und fünf weitere libysche Diplomaten ausweisen, weil sie in Deutschland lebende libysche Dissidenten ausgespäht und unter Druck gesetzt hätten. Dem Bericht zufolge erstellten das Bundeskriminalamt, das Bundesamt für Verfassungsschutz und der Bundesnachrichtendienst seinerzeit ein dreiseitiges Dossier zu den Vorwürfen. Ende Juli hieß es dann im „Focus“, El-Baraq habe auch für das Auswärtige Amt Dossiers über Diplomaten verfasst, die loyal zum Machthaber in Tripolis stünden. Einige dieser Berichte seien beim Bundesnachrichtendienst gelandet.
AFP/dpa/dapd/cb



