Gewalt in Syrien

In der Stille werden die Leichen weggeräumt

Seit vier Tagen nimmt das Regime die syrische Küstenstadt Lattakia unter Dauerbeschuss. 50 Menschen sollen gestorben sein, Tausende sind auf der Flucht.

Die südlichen Vororte von Lattakia sind weitgehend verlassen. In den ärmlichen Rohbeton-Siedlungen sehe es aus wie in einer Geisterstadt, sagt Ahmed, ein ortsansässiger Computeringenieur. Als das syrische Militär am Montag erneut das Feuer auf den Küstenort eröffnete, schallten gleichzeitig Durchsagen aus Lautsprechern durch die Straßen.

„Den Leuten wurde gesagt, sie müssten ihre Häuser verlassen. Die Armee werde die gesamte Siedlung dem Erdboden gleich machen“, schildert der Aktivist. „Sie sagten, die Armee werde jeden, der bleibt, als Saboteur betrachten.“

Sicherheitskräfte treiben Tausende in Fußballstadion zusammen

Die Anwohner flohen zu Tausenden aus ihren Vierteln. Vielen von ihnen gelang es, sich in das Stadtzentrum und die umliegenden Dörfer zu retten. Tausenden weiteren wurden ihre Ausweise und Mobiltelefone abgenommen, ehe die Sicherheitskräfte sie in einem nahe gelegenen Fußballstadion zusammentrieben.

Das Stadion dient offenbar als provisorische Haftanstalt; nach Einschätzung von Menschenrechtsaktivisten sortieren die Sicherheitskräfte nun in Ruhe aus, wen von den Anwohnern sie in die Gefängnisse abtransportieren wollen. Augenzeugen berichten zudem, dass die Beamten die Massen in dem Stadion filmen und anschließend behaupten, es handele sich um Unterstützer des Regimes.

Am Dienstagmorgen setzte die Armee ihre Angriffe auf die Hafenstadt am vierten Tag in Folge fort. Gegen fünf Uhr früh eröffneten die Soldaten aus Panzern und Maschinengewehren das Dauerfeuer auf mehrere Viertel. Berichten zufolge verwendeten sie auch Luftabwehrraketen und Nagelbomben.

"Die Toten liegen auf der Straße, wir können sie nicht bergen"

Am Sonntag hatte das Militär erstmals die Marine gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt: Mindestens drei Kriegsschiffe sollen die Hafenstadt von der Seeseite unter Beschuss genommen haben, während Bodentruppen die Vororte stürmten. „Die Situation ist wirklich schlimm, der Geruch der Angst liegt in der Luft“, sagt Ahmed. „Wir wissen nicht, wie viele Menschen gestorben sind. Die Toten liegen auf der Straße, wir können sie nicht bergen. Scharfschützen stehen auf den Dächern. Sie schießen auf alles, was sich bewegt.“

Menschenrechtsaktivisten haben bislang rund 50 Todesfälle dokumentiert. Unter ihnen sollen auch drei Kinder sein. Im Internet kursiert ein Video, auf dem die Leiche einer Zweijährigen zu sehen ist. Das Mädchen wurde durch einen Schuss ins Auge getötet. Es ist nicht möglich, die Informationen unabhängig zu prüfen. Syrien verweigert ausländischen Journalisten die Einreise.

Vor dreieinhalb Wochen, mit Beginn des Fastenmonats Ramadan, hat das Regime seine Offensive gegen die Protestbewegung drastisch intensiviert. Stadt um Stadt, Viertel um Viertel, rückt die Armee in die Hochburgen der Aufständischen vor. Zunächst brachte das Militär die zentralsyrische Stadt Hama unter Kontrolle, dann folgte Deir Azzour im Osten. An beiden Orten hatten in den Wochen zuvor Hunderttausende den Sturz des Regimes gefordert.

Mehr als 10.000 Menschen demonstrierten täglich in Lattakia

Die Bewohner von Lattakia schlossen sich den Protesten relativ früh an. Kurz nachdem der Aufstand Mitte März begann, kam es auch in der Hafenstadt zu Demonstrationen. „Das Regime ist zuversichtlich, dass es einen unkontrollierbare Situation in eine kontrollierbare umwandeln kann“, sagt der Menschenrechtsaktivist Wissam Tarif. „Deswegen lässt sie die Armee in einer Stadt nach der anderen einmarschieren, um die Ausmaße der Proteste auf ein handhabbares Niveau zu drosseln.“

In Lattakia kamen seit dem Beginn des Ramadan Anfang August Anwohnern zufolge täglich an die 10.000 Menschen zusammen. Die Hafenstadt ist wegen ihrer Zusammensetzung besonders heikel: Die Mehrheit der Bewohner sind Sunniten, einige Viertel sind allerdings überwiegend von Alawiten bewohnt.

Diese kleine, schiitische Sekte konzentriert sich in der Küstenregion Syriens. Lattakia gilt daher als „Hauptstadt der Alawiten.“ Der Assad-Clan gehört dieser Minderheit an, die nur zwölf Prozent der syrischen Bevölkerung ausmacht.

Auch die höheren Ebenen von Armee und Geheimdiensten sind mehrheitlich mit Alawiten besetzt. Mit dem gezielten Beschuss der sunnitischen Viertel von Lattakia geht das Regime nun das Risiko ein, die Spannungen zwischen den Glaubensgemeinschaften weiter zu schüren.

UN protestieren gegen Beschuss palästinensischen Flüchtlingslagers

Am heftigsten trafen die Angriffe den Vorort Ramel, in dem auch ein palästinensisches Flüchtlingslager liegt. Das von den UN verwaltete Camp sowie die umliegenden Siedlungen sind in den vergangenen vier Tagen nahezu pausenlos bombardiert worden.

Gleichzeitig kam es zu Razzien, Tausende sollen verhaftet worden sein. Bereits Anfang April hatte das Militär seine Präsenz in Lattakia ausgeweitet. In der Folge hatten sich die Demonstrationen an den Stadtrand verlagert.

Offenbar schlossen sich den Kundgebungen auch zahlreiche Palästinenser an. Außerdem berichten Anwohner, dass rund 30 Soldaten in den vergangenen beiden Monaten in Lattakia desertiert seien und sich seither in Ramel versteckt gehalten hätten.

Selbst regionale Verbündete verlieren die Geduld

Nun ist das Regime offenbar entschlossen, das rebellische Viertel wieder zu unterwerfen. Nach Angaben der UNRWA, der Flüchtlingshilfsagentur der Vereinten Nationen, sind seit dem Beginn der Operation die Hälfte der 10.000 Bewohnern des Lagers in Ramel geflohen.

Der Panzerangriff hat international Empörung ausgelöst. Der UNRWA-Sprecher Christopher Gunness hat die Offensive gegen die Zivilisten scharf verurteilt und sofortigen Zugang zu dem Camp gefordert. „Berichte aus verschiedenen Quellen weisen auf Tote und Verletzte unter den palästinensischen Flüchtlingen hin, obwohl sich die Zahlen wegen der schlechten Kommunikation nicht bestätigen lassen“, schreibt Gunness in einer Stellungnahme.

Zudem setzt das Regime damit seinen Ruf in der arabischen Welt aufs Spiel: Baschar al-Assad hat sich bislang stets als Kämpfer für Rechte des palästinensischen Volkes dargestellt. Nun jedoch verlieren zunehmend auch die regionalen Verbündeten Syriens die Geduld.

Türkei gibt Syrien 15 Tage Zeit

Jasser Abed Rabbo, der Generalsekretär der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), hat das Vorgehen der Armee als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnet. Die türkische Regierung forderte Präsident Assad indessen erneut auf, die Gewalt gegen die Demonstranten umgehend einzustellen. „Das ist unser letztes Wort“, sagte Außenminister Ahmet Davutoglu am Montag. Ansonsten werde kein Wort mehr darüber verloren, welche Schritte folgen könnten. Was genau er damit meint, sagte Davutoglu nicht.

Bislang hat die internationale Kritik wenig Wirkung gezeigt. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hatte Assad am vergangenen Mittwoch noch 15 Tage Zeit gegeben, um Reformen auf den Weg zu bringen. Aktivisten in Syrien gehen davon aus, dass das Regime diesen Zeitraum ausnutzen will, um die Protestbewegung niederzuschlagen.

Am Dienstag gegen Mittag rissen die Schüsse und Explosionen plötzlich ab. Stille breitete sich über Ramel aus. „Im Moment ist alles ruhig“, sagt Ahmed, der IT-Ingenieur. „Jetzt sind sie dabei, die Leichen und die leeren Patronenhülsen von den Straßen des Palästinenserlagers zu räumen.“

Gerüchten zufolge steht der Besuch einer UNRWA-Delegation kurz bevor. Das Camp soll offenbar einen aufgeräumten Eindruck machen, wenn die UN-Vertreter eintreffen.

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