Stadtplanung

Medwedjew startet "Geheimaktion Groß-Moskau"

Moskau hat mehr als zehn Millionen Einwohner und platzt aus allen Nähten. Deshalb soll Russlands Hauptstadt um mehr als das Doppelte wachsen.

Foto: picture-alliance / picture-alliance/chromorange

Von so einer Chance wie die russische Hauptstadt könne jede andere Megapolis dieser Welt nur träumen, sagt Moskaus Vizebürgermeister Wladimir Ressin. Der 75-Jährige frohlockt, dass die Metropole mit den mehr als zehn Millionen Einwohnern bald über sich hinauswächst.

Um 1460 Quadratkilometer – das ist mehr als das Doppelte der bisherigen Stadtgröße – auf 2530 Quadratkilometer soll Moskau wachsen. Damit dehnt sich Moskau mal eben fast um die Fläche von Berlin (892 Quadratkilometer) und Hamburg zusammen (755 Quadratkilometer) aus.

Diese gigantische Eingemeindung des Moskauer Umlandes kommt ganz ohne jede Vorwarnung. Und das ärgert viele Moskauer, die sich einmal mehr vor vollendete Tatsachen gestellt sehen. Keinen Monat dauerte es von der Forderung des Präsidenten Dimitri Medwedjew, die Stadt großzügig zu erweitern, bis zur Vorlage eines Generalplans. Gutachten? Bürgerbeteiligung? Öffentliche Debatten? Fehlanzeige.

Kritiker befürchten Zwangsenteignungen, das Ende der Selbstverwaltungen in den Umlandstädten und auch sonst allerhand sozialen Sprengstoff. Als "Geheimaktion Groß-Moskau" kommentierten Medien das Projekt.

Es sei typisch für den Politikstil von Regierungschef Wladimir Putin , dem Ex-Geheimdienstoffizier, so ein Projekt in tiefster Verborgenheit ausbrüten zu lassen, schrieb das Magazin "Kommersant Wlast". Gegen die anstehenden Kosten dieses Jahrhundertvorhabens nähmen sich die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi am Schwarzen Meer mit geschätzten 24 Milliarden Euro Kosten wie "Taschengeld" aus.

"Die bisherige Fläche reicht einfach für nichts: nicht für neue Straßen, nicht für Geschäfte, nicht für Häuser", begründet Rathausvize Ressin in einem Interview mit der Boulevard-Zeitung "Komsomolskaja Prawda" diese historisch einmalig große Ausdehnung. Auch die Regierung soll den alten Stadtkern verlassen und ins neue Moskau ziehen. Zumindest diesem Teil des Plans können die Moskowiter mehrheitlich Positives abgewinnen.

Die Hauptstädter ärgern sich seit langem, dass die riesigen Stadtautobahnen immer wieder gesperrt werden. Staatsbeamte rasen mit Blaulicht und Sirenen durch die Stadt. Lange Staus sind die Folge.

Zwar wird die Zahl der Bewohner durch den Flächenzuwachs zunächst nur um eine Viertelmillion steigen. Doch Experten erwarten, dass sich Hunderttausende von Auswärtigen in dem ausgewiesenen Gebiet niederlassen, um bald Moskauer zu werden. Ein Hauptstadt-Wohnsitz ist nicht leicht zu bekommen. Traditionell aber zieht es viele Russen wegen der Jobvielfalt und besserer Verdienstmöglichkeiten hierher.

Das neue Moskauer Gebiet liegt in südwestlicher Richtung. Aufgezeichnet auf Karten hat es die Form eines Trapezes – das neue Groß-Moskau sieht von oben wie eine Acht aus. "Das, was wir heute Moskau nennen, wird künftig einfach der historische Stadtteil sein, das touristische Zentrum, ein Ort der Erholung", sagt Ressin. Ob aber der Kreml, in dem bisher nur einzelne Kirchen, die Rüstkammer und ein Konzertsaal für die Öffentlichkeit zugänglich sind, künftig komplett für Touristen geöffnet wird, ist offen.

Kremlchef Medwedjew, der in den prunkvollen Gemäuern aus der Zarenzeit seinen Dienstsitz hat, äußerte sich bisher nicht zu einem möglichen Umzug des Präsidenten. Klar ist bisher nur, dass in dem neuen Teil Moskaus einzelne neue Zentren entstehen sollen – in dem Ort Skolkowo etwa das bereits in Ansätzen erkennbare Technologie- und Gründerzentrum nach dem Vorbild von Silicon Valley in den USA. Zudem ist ein Regierungsviertel geplant.

Medwedjew begründete die Ausdehnung außerdem mit dem dringend nötigen Bau eines internationalen Finanzplatzes nach dem Vorbild Frankfurts oder Londons. Wie das Moskau der Zukunft aussehen könnte, dafür gibt etwa die ultramoderne Moskwa City mit den gläsernen Hochhäusern unweit des Regierungssitzes einen Vorgeschmack.

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