Vierte Gewaltnacht

Mehr als 1300 Festnahmen in England

Die Krawalle in England gehen weiter, in London blieb es vergleichsweise ruhig. Die Gefängnisse sind überfüllt, die Polizei hat Hunderte Randalierer verhaftet - der jüngste von ihnen ist gerade elf Jahre alt.

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Zentrum der Gewalt war in der Nacht zum Dienstag die nordwestenglische Metropole Manchester.

Video: Reuters
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Großbritannien ist die vierte Nacht in Folge von schwerer Randale erschüttert worden. Schwerpunkte der Krawalle waren das nordenglische Manchester und die zweitgrößte britische Stadt Birmingham, wo drei Menschen von einem Auto überfahren und getötet wurden. Die Polizei ermittelt gegen einen 32-Jährigen wegen Mordes. In der Hauptstadt London blieb es in der Nacht zum Mittwoch dank eines riesigen Polizeiaufgebotes weitgehend ruhig.

Premierminister David Cameron kündigte nach einer Sitzung des Sicherheitskabinetts erneut eine harte Hand gegen die Randalierer an. „Jeder, der gewalttätig wurde, wird ins Gefängnis geschickt“, sagte er. „Es ist klar, dass wir in unserem Land ein Gang-Problem haben“, betonte Cameron. Sie seien nicht repräsentativ für die große Mehrheit der jungen Leute in Großbritannien. „Wir brauchen einen deutlicheren Wertekanon“, sagte der Regierungschef. Cameron schloss erstmals auch den Einsatz von Wasserwerfern nicht mehr aus. Es seien Pläne diskutiert worden, Wasserwerfer innerhalb von 24 Stunden bereitzuhalten, sagte er. In Großbritannien wurden außerhalb Nordirlands noch nie Wasserwerfer eingesetzt.

Augenzeugen in Birmingham hatten britischen Medien berichtet, die getöteten Männer zwischen 20 und 31 Jahren hätten zu einer Gruppe gehört, die Geschäfte der Wohngegend vor Plünderungen schützen wollte. Sie seien auf dem Bürgersteig an einer Tankstelle von einem Auto mit hoher Geschwindigkeit überfahren worden. Nach den Aussagen der Zeugen hatten Randalierer kurz zuvor in der Nähe ein Auto in Brand gesteckt. Dann sei eine Gruppe von Autos vorbeigefahren, aus denen Männer geschrien hätten, bevor einer mit dem Wagen umgekehrt sei und die Männer überfahren habe. Die Polizei bestätigte keinen direkten Zusammenhang zu den Randalen.

Insgesamt wurden bei den Krawallen seit Sonnabend mehr als 1335 Randalierer festgenommen. Die britische Zeitung "The Guardian" veröffentlichte am Mittwoch die genauen Zahlen (engl).

In Nottingham wurde eine Polizeiwache mit Brandsätzen angegriffen. In Liverpool wurden mehrere Löschzüge der Feuerwehr attackiert. In Manchester lieferten sich Hunderte Jugendliche Straßenschlachten mit der Polizei. Einer der Polizeichefs von Manchester sagte, die kriminellen Gruppen hätten einen „außergewöhnlich Grad der Gewaltbereitschaft“ gezeigt. Vereinzelt kam es zu Brandstiftungen. „Eines ist absolut klar: Sie haben nichts, wogegen sie protestieren müssten“, sagte der stellvertretende Polizeichef Garry Shewan. „Es gibt keine Ungerechtigkeit und kein Ereignis, das das ausgelöst hat.“

In London blieb es nach drei aufeinanderfolgenden Nächten der Gewalt weitgehend ruhig. In manchen Gegenden waren kaum Passanten auf der Straße. Nach Behördenangaben patrouillierten rund 16.000 Polizisten zum Teil in gepanzerten Fahrzeugen durch die Straßen. Die Londoner Polizei erklärte, die Polizeipräsenz werde mindestens während der kommenden 24 Stunden aufrechterhalten. "Ohne zu früh etwas zu sagen: In dieser Nacht war es ruhig für uns“, schrieb die Londoner Feuerwehr auf der Onlineplattform Twitter. „Hoffentlich bleibt es so.“

Aus Angst vor erneuter Randale hatten viele Geschäfte schon am Nachmittag geschlossen und viele Firmen ihre Mitarbeiter früher nach Hause geschickt. Besonders viel zu tun hatten dafür die Haftrichter. In zwei Gerichtssälen wurde die Nacht durch verhandelt.

Am Donnerstag soll das Parlament, das eigentlich Ferien hat, tagen. „Wir werden alles tun, um die Ordnung wieder herzustellen“, hatte Cameron am Dienstag erklärt.

In London sind die Gefängnisse mittlerweile überfüllt, wurden doch im Großraum der Hauptstadt fast 770 Menschen festgenommen. Gegen mehr als 100 mutmaßliche Randalierer in

Rechtsextremisten kündigen Patrouillen an

Der Chef der rechtsextremen English Defense League (EDL) kündigte an, die Gruppe wolle Mitglieder auf die Straßen schicken, um die Unruhen in mehreren britischen Städten zu ersticken. So sei geplant, dass in Luton – dem Sitz der Gruppe – aber auch in Manchester und anderen Orten bis zu 1000 Mitglieder ausrücken sollten, sagte EDL-Führer Stephen Lennon. Lennon sagte, er könne nicht garantieren, dass es keine gewaltsamen Auseinandersetzungen mit randalierenden Jugendlichen geben werde.

Einige Mitglieder würden bereits Patrouillen laufen, um Randalierer abzuschrecken, sagte Lennon. Hunderte weitere würden ihnen am Mittwoch folgen. „Wir werden die Unruhen stoppen, die Polizei ist dazu offensichtlich nicht in der Lage“, sagte er. Die EDL war von dem geständigen norwegischen Attentäter Anders Behring Breivik in seinem Manifest als inspirierend beschrieben worden. Breivik hatte im vergangenen Monat bei zwei Anschlägen 77 Menschen getötet.

Die Krawalle waren am Sonnabend im nördlichen Londoner Stadtteil Tottenham ausgebrochen und hatten sich in den vergangenen Tagen immer weiter ausgebreitet. Auslöser war der Tod eines 29 Jahre alten dunkelhäutigen Familienvaters, der von der Polizei erschossen worden war. Ballistische Untersuchungen ergaben, dass der Mann selbst nicht auf die Polizisten geschossen hatte. Das hatte Scotland Yard zuvor behauptet.