Europas Pannenmeiler

Die radioaktive Gefahr lauert an unseren Grenzen

Immer wieder melden Tschechien, Frankreich oder etwa Großbritannien Störfälle in Kernkraftwerken. Einige der Risikomeiler bedrohen Deutschland unmittelbar.

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Alle französischen Kraftwerke wurden unter Berücksichtigung der seismischen Risiken und der Überflutungsgefahr konstruiert“, sagte der französische Industrieminister Eric Besson am Wochenende und wollte damit wohl zum Ausdruck bringen, dass Frankreichs 59 Druckwasserreaktoren ein Schicksal wie das im japanischen Fukushima nicht ereilen könne.

Seit den 70er-Jahren läuft in Frankreich ein massives Atomprogramm, das bei unserem Nachbarn kaum infrage gestellt wird und zu keiner Zeit Massenproteste hervorgerufen hat.

Nach Ansicht französischer Atomkraftgegner macht die Erdbebenkatastrophe in Japan jedoch deutlich, „dass die Atomkraft ein Riese auf tönernen Füßen ist“. Nach Angaben der Gruppe „Raus aus der Atomkraft“ erfüllen nicht alle französischen Atomkraftwerke die Erdbeben-Sicherheitsstandards.

Die französische Regionalzeitung „Dernières Nouvelles d’Alsace“ aus Straßburg gibt angesichts des bedingungslosen Festhaltens aller französischen Regierungen der fünften Republik an der Atomtechnik zu Bedenken: „Deutschland denkt seit Mitte der 90er-Jahre über die Schließung seiner Atomkraftwerke nach. Frankreich kann sich mit diesem Beispiel vor Augen einer Diskussion über seine Atompolitik nicht verschließen. Hinzu kommt, dass die fehlende Diskussion in Frankreich lange Zeit die Entwicklung erneuerbarer Energien erstickt hat.“

Der Glauben an die Atomkraft ist in Frankreich so etwas wie Staatsräson. Gerade hat das Verwaltungsgericht in Straßburg die Klage des Deutsch-Französisch-Schweizerischen Atomschutzverbandes TRAS abgewiesen, das älteste französische Atomkraftwerk im elsässischen Fessenheim trotz illegaler chemischer Wassereinleitungen vom Netz zu nehmen.

Der Meiler ist 34 Jahre alt. Die Berufung vor dem Oberverwaltungsgericht in Nancy steht an, doch vorher entscheidet die französische Aufsichtsbehörde ASN über eine Betriebsverlängerung für weitere zehn Jahre. Bisher galt sie als sehr wahrscheinlich – aber das war vor Fukushima.

Auch in Großbritannien, wo 19 Atomreaktoren in Betrieb sind, von denen viele bereits 30 Jahre oder älter sind, gibt die Katastrophe in Japan kaum Anlass dazu, die Versorgung mit Atomstrom infrage zu stellen. Dabei haben die Briten selbst auch einen notorischen Problemfall: Sellafield.

In dem Atomkomplex in Nordwestengland hat es wiederholt nukleare Störfälle gegeben, den schwersten wohl am 10. Oktober 1957. Damals kam es im AKW in Windscale (heute Sellafield) zu einem Brand, bei dem eine große radioaktive Wolke freigesetzt wurde, die sich über Großbritannien und über das europäische Festland ausbreitete.

Dennoch sollen auf der Insel neue Meiler entstehen. Die Regierung bietet dafür bis zu 18 mögliche Standorte mit umfangreichem Baugelände zum Verkauf an. Dagegen richtete sich weniger Widerstand als gegen Sellafield, in dessen unmittelbarer Umgebung nach Angaben von Atomkraftgegnern ein zehnfach höheres Blutkrebsrisiko bei Kindern herrsche.

Die konservative britische Sonntagszeitung „The Sunday Times“ rät dazu, auch nach der Katastrophe in Japan „die Kernkraft nicht grundsätzlich infrage zu stellen“ – am wenigsten in Großbritannien, wo keine Gefahr durch Erdbeben bestehe. Vielmehr müssten „neue Standorte mit großer Umsicht ausgewählt werden“.

Das größte Kernkraftwerk in Tschechien, das AKW Temelin, hat zuletzt vor sechs Tagen einen Störfall gemeldet. Ein elektrischer Defekt an einer Steuerungsarmatur führte zur Abschaltung des ersten Blocks. Seit seiner Inbetriebnahme im Oktober 2000 hat es in dem Meiler sowjetischer Bauart 60 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt mehr als 100 Störfälle gegeben, massive Proteste auf deutscher und österreichischer Seite hat Prag bislang ignoriert.

In den USA ging bis zum Freitag das Wort von der „Atom-Renaissance“ um. Es hieß, alle 104 Reaktoren, die etwa 20 Prozent des US-Energiebedarfs decken, würden modernisiert und ihre Laufzeiten verlängert. Neue Baugenehmigungen, jahrzehntelang unter dem Eindruck des Three-Mile-Island-GAUs nahe Harrisburg nahezu aussichtslos, sollten blühende Energielandschaften schaffen.


Präsident Barack Obama erwärmte sich Ende Januar in seiner „Rede zur Lage der Nation“ für die Kernenergie, trotz der völlig ungeklärten Endlagerung in Nevadas Bergen. Die Republikaner hatten im Wahlkampf 2010 die Atom-Renaissance versprochen, im Namen größerer Unabhängigkeit von Öl aus notgedrungen befreundeten Schurkenstaaten im Nahen Osten. Obama argumentierte grün, die Opposition mit nationaler Sicherheit: Beide Lager verbündeten sich, um die US-Atomindustrie zur Blüte zu führen.

Was hat sich seit Freitag geändert? „Amerikas Atomkraftwerke sind ausgelegt, Erdbeben und Tsunami zu überstehen, sie sind sicher.“ So lautet die bündige Auskunft der US-Atomenergiebehörde NRC. Und zwar nicht nur für die beiden kalifornischen AKWs Diabolo Canyon und San Onofre in einem Gebiet, dass es an tektonischer Gefährdung mit Japan aufnehmen kann.

Die Kraftwerke in Kalifornien waren wegen der Tsunami-Warnung in die niedrigste von vier Alarmstufen versetzt worden. Alles laufe normal. Zweifler an der Sicherheit der US-Meiler wie Peter Bradford sehen sich durch das Desaster in Japan jedoch bestätigt: „Es kann nichts Gutes für eine Industrie bedeuten, die im Kongress und in den Staatenparlamenten um Stimmen wirbt.“

Fünf AKWs sind in den USA im Bau; das 2,5 Milliarden Dollar teure Projekt im Tennessee Valley soll 2012 als Erstes ans Netz gehen. 16 Anträge sind in der Genehmigungsphase. Noch vor Tagen erregte sich Fred Upton, Vorsitzender des Energie- und Handelsausschusses im Repräsentantenhaus über Verzögerungen: „Wir wollen klären, warum es bei uns von der Planung bis zum Betrieb zehn bis zwölf Jahre dauert, in Frankreich und Japan nur vier bis fünf?“

US-Fachleute, erst recht die Lobbyisten der AKW-Industrie, verbitten sich jeden Vergleich mit Japan. Die USA verfügten über höhere Sicherheitsstandards, überlegene Designs und Betriebsregeln, von den seismologischen Unterschieden nicht zu reden. Eine erste Leserumfrage des „Wall Street Journal“ erbrachte bisher ein Übergewicht der AKW-Verteidiger. „Das China-Syndrom“ sei ein guter Film gewesen, notierte ein Leser, nur eben liberale Propaganda.

Am Mittwoch könnte sich zeigen, wie es um die Atom-Renaissance steht. Energieminister Steven Chu, Physik-Nobelpreisträger 1997 und ein beredter Anwalt der Kernenergie, wird einem Kongressausschuss Rede und Antwort stehen.