Dürre in Ostafrika

"Hunger kann man nicht beschreiben"

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Carola Frentzen

Zahlreiche Somalier fliehen aus ihrem bitterarmen Land nach Äthiopien, das ebenfalls unter der Dürre leidet. Viele haben alles verloren.

Rote afrikanische Erde bis zum Horizont, vereinzelt ein paar Schirmakazien und ausgedörrtes Gestrüpp, sonst nichts: Schon beim Anflug auf die kleine Landepiste von Dollo Ado in der Nähe der äthiopischen Flüchtlingscamps kann man das Ausmaß der Hungerkatastrophe erspüren. Hier blüht nichts, und die paar Esel und Kamele, die in der Landschaft herumstehen, kauen eher unwillig an vertrockneten Büschen herum.

Die Journalisten, die gekommen sind, um sich vor Ort ein Bild vom Ausmaß der Dürrekatastrophe zu machen, schauen still aus den Fenstern der kleinen Cessna. Eine unausgesprochene Frage liegt in der Luft: Wenn Hunderttausende Menschen in der Hoffnung auf ein besseres Leben an einen so unwirtlichen, verlassenen Ort fliehen – wie muss es dann erst in ihrer Heimat aussehen?

Die einzige Lebensader scheint ein Fluss zu sein, der trotz des ausgebliebenen Regens noch reichlich Wasser hat. „Das ist der Genale“, sagt eine Mitarbeiterin des Welternährungsprogramms (WFP). „Die drei Camps hier in der Gegend benutzen ihn als Wasserquelle, wenn das von den Hilfsorganisationen gelieferte Wasser nicht ausreicht.“

Ein starker, staubiger Wind weht und bedeckt alles, was lebt, mit einer klebrigen, rötlichen Schicht. Manchmal fällt das Atmen schwer, und wer versucht, nach sauberer Luft zu schnappen, inhaliert mit dem gleichen Atemzug gleich ein oder zwei Fliegen. Sie sind überall, angezogen vom Müll und Dreck, setzen sich in die Augen, die Ohren, die Mundwinkel. Die Kinder in den Camps scheinen sich mit dem Ansturm der Insekten abgefunden zu haben – oder sie sind bereits zu schwach, um sie noch zu vertreiben. Ihre Gesichter sind übersät von schwarzen, krabbelnden Punkten.

Dieser Teil Äthiopiens ist ein nur schwer fassbares Kontrastprogramm zu Addis Abeba und dem grünen Hochland des Nordens. Nur zweieinhalb Flugstunden von der Hauptstadt entfernt hat man das Gefühl, in einem anderen Land, ja, einer anderen Welt gelandet zu sein. Am Wegesrand stehen meterhohe Termitenhügel, unverkennbares Zeichen für die kargen Steppenlandschaften Afrikas. Dazwischen Strohhütten und viel zu dünne Menschen.

Wer in Dolo Ado unterwegs ist, ist sich nie so ganz sicher, ob er sich noch in einem äthiopischen Dorf befindet oder schon in einem der drei Flüchtlingslager. Denn Dürre und Hunger, die herrschen hier, nur wenige Kilometer von der somalischen Grenze entfernt, genauso wie in dem bürgerkriegsgeplagten Nachbarland oder in Kenia.

„Äthiopier können in ihrem eigenen Land keinen Flüchtlingsstatus bekommen, der gilt ja nur für Ausländer“, erklärt Judith Schuler vom Welternährungsprogramm (WFP) Äthiopien. „Deshalb müssen wir den Notleidenden hier die Hilfsgüter direkt in die Dörfer bringen.“ Nur die großen weißen Zelte des Flüchtlingskomitees mit der Aufschrift „UNHCR“ und die kleineren dunkelblauen Klinik-Zelte von „Ärzte ohne Grenzen“ schaffen Klarheit, wann man in einem der Camps angekommen ist. Fast alle, die hier auf Hilfe hoffen, sind Somalier.

Mariam Gemale hockt auf der Erde. Die 19-Jährige ist am Vortag nach fünftägigem Fußmarsch im Registrierungscamp von Dollo Ado angekommen. „Ich bin aus dem somalischen Ort Kone und bin einfach einer Gruppe von Leuten hinterhergelaufen, die sagten, sie würden nach Äthiopien gehen.“ Mit traurigen Augen starrt sie unter dem blauen Kopftuch vor sich hin.

Ihre Hände zittern, als sie erzählt: Drei Tage lang hat sie nichts gegessen, bevor sie mit schmerzendem, leerem Magen das Camp erreichte und endlich eine warme Mahlzeit bekam. „Wenn ich hier etwas zu essen bekomme, dann werde ich bleiben“, sagt sie. Wird sie jemals nach Somalia zurückkehren? Mariam blickt auf und zieht die dichten Augenbrauen zusammen: „Bis ich sterbe, werde ich nirgendwo anders mehr hingehen.“

Aber wo sie sich genau befindet, und wer die Menschen sind, die ihr hier helfen, das weiß sie genauso wenig wie die meisten ihrer Landsleute. „Viele der Flüchtlinge hatten noch nie Kontakt zur internationalen Gemeinschaft oder den Vereinten Nationen“, sagt Jo Hegenauer, Koordinator vom Flüchtlingskomitee UNHCR. „Was sie immer wieder sagen, wenn sie hier ankommen, ist entweder „Wir haben Hunger„ oder „Wir sind krank.““

Die Geschichten, die man in den Lagern hört, gleichen sich auf erschreckende Weise – und sind doch jedes Mal anders. Sie erzählen von Verzweiflung, Verlust, Hunger und Tod. Hinter jeder Geschichte steht ein Schicksal, das Menschen getroffen hat, die ebenso Bürger dieser Erde sind wie Menschen in Deutschland oder den USA. Menschen, die die gleichen Rechte haben auf ein erfülltes Leben ohne Bedrohung und Leid. Aber sie sind in Afrika, weit weg, so weit, dass ihre Geschichten meist auf dem Weg nach Europa irgendwo zwischen dem Indischen Ozean und dem Mittelmeer verklingen.

Doch dann, plötzlich, sind sie ganz nah. Den ausgemergelten Gesichtern, den oft trostlosen Augen und dünnen Körpern direkt gegenüberzustehen, hat eine ganz andere Wirkung, als die Bilder im Fernsehen zu verfolgen.

Plötzlich handelt es sich nicht mehr um eine namenlose Masse, plötzlich steht da Fatima Aden mit ihren drei Kindern Omeima, Rabe und Abshir. Sie sind auf einem überfüllten Lastwagen gekommen. In ihrem Heimatdorf Berdele haben sie das gesamte Vieh verloren, und sahen keinen anderen Ausweg mehr, als sich auf den Weg nach Äthiopien zu machen. Für die Reise des Ehemanns reichte das Geld nicht, er blieb zurück in Berdele.

Dann ist da der Witwer Ibrahim aus Luk. Sorgenfalten zeichnen sein Gesicht. Auch er hat alle seine zehn Kühe an die Dürre verloren. Mit seinen vier Kindern ist er auf einem Eselskarren nach Dolo Ado gekommen. Die fünf sitzen unter einem verdörten Baum und warten darauf, mit einem Kleinbus ins nahe gelegene Transitzentrum gebracht zu werden. „Wir waren alle wirklich in Gefahr in Somalia, aber Allah sei Dank sind meine Kinder gesund.“

Dehebe hingegen hat ein noch härteres Schicksal, denn alle ihre neun Kinder sind krank. Sie leiden entweder an Malaria oder Durchfall und sind stark unterernährt. Zwei Söhne liegen in der aus Zweigen und Lumpen selbst gebauten Hütte im Camp Kobe, sie sind bereits zu schwach, um noch aufzustehen. Ihre Beine sind so dünn, dass unwillkürlich Erinnerungen an die äthiopische Hungersnot in den 80er-Jahren wach werden.

Die Familie stammt aus dem Ort Gurban und ist fünf Tage lang zur Grenze gelaufen. „Hier in Äthiopien ist es friedlich, anders als in Somalia“, sagt Dehebe. Zu der gefährlichen Reise hat sie sich zusammen mit ihrem Ehemann entschieden, nachdem ihre Schwester und ihre Mutter dem Hunger in der Heimat zum Opfer gefallen waren. „Wir haben alles verloren, unsere Farm und unsere Tiere. Wir haben nur noch unsere Kinder, und für ihr Überleben werden wir jetzt kämpfen.“

Als die kleine Cessna am späten Nachmittag wieder abhebt, schwirren den Journalisten all diese Geschichten in den Köpfen herum. Die Menschen in den Flüchtlingscamps haben plötzlich eine Identität bekommen, und das macht es noch viel schwerer, die derzeitige Katastrophe zu ertragen.

Aber werden wir je auch nur ansatzweise verstehen, was diese Menschen gerade durchmachen? Oder wie sich Hunger anfühlt? Mariam Gemale hat es so formuliert: „Hunger ist Hunger. Das kann man nicht beschreiben.“ Und ihre Hände zitterten.

( dpa )