Anschläge in Norwegen

Polizei fürchtete versteckte Botschaften Breiviks

Anders Behring Breivik hat vor dem Richter ausgesagt – hinter verschlossenen Türen. Die Polizei fürchtete versteckte Botschaften an Gesinnungsgenossen.

Foto: dpa / dpa/DPA

Es ist tatsächlich mucksmäuschenstill um Punkt 12.00 Uhr an einer der belebtesten Kreuzungen Oslos. Tausende stehen vor der Domkirche am Hauptbahnhof, nur ein paar Hundert Meter vom Regierungsviertel entfernt. Viele halten weiße Rosen in der Hand, aber das Blumenmeer am Portal ist schon ins Unermessliche gewachsen.

In mehreren Etagen stapeln sich Rosen, Nelken und gebundene Sträuße. Als sich der kleine und der große Zeiger an der Kirchturmuhr treffen, spricht niemand, kräht nirgends ein Kind. Die Straßenbahn hält an, ein Busfahrer stellt den Motor ab. Nur der Generator eines schwedischen Satellitenübertragungswagens brummt vor sich hin.

Vor der Kirche sind es beinahe vier Minuten Stille

Eine Minute lang soll aus Trauer um die Toten von Utøya und im Osloer Regierungsviertel landesweit geschwiegen werden, so hat es Ministerpräsident Jens Stoltenberg angeordnet. Vor der Kirche sind es beinahe vier Minuten, in denen Stille herrscht.

Ein Rosenumzug erinenrt am Abend an die Opfer des Attentäters Anders Behring Breivik ; mehr als 200.000 Menschen ziehen schweigend durch die Innenstadt. Norwegen wirkt wie ein Land in einer kollektiven posttraumatischen Belastungsstörung.

Der Wunsch, eine Tat zu begreifen, die weder verständlich gemacht werden kann, noch irgendeinen Sinn ergibt, bringt unzählige Artikel und Reportagen über Täter und Opfer in den norwegischen Medien hervor. Jeder darf ein Puzzlestück über die Psyche und den Lebensweg von Breivik beisteuern, sein Vater, seine Mutter, Schulfreunde –doch bislang passt wenig zusammen.

Das erste Mal seit der Tat fotografiert

Heute wurde Breivik das erste Mal seit der Tat fotografiert , als er gegen 13.30 Uhr dem Haftrichter vorgeführt wurde. Üblicherweise ergibt sich dabei die Möglichkeit, Fotos zu machen, denn im Gericht sind Aufnahmen normalerweise erlaubt.

Doch dieses Mal führt die Polizei den mutmaßlichen Massenmörder durch einen Hintereingang in den Saal 828 des Oslo Tinghuset, die unzähligen Journalisten bekommen Breivik nicht zu sehen – auf Wunsch der Osloer Polizei, die dem geltungssüchtigen Bombenbauer kein Forum bieten wollte.

Genau darauf hatte sich Breivik nämlich schon gefreut. Der Beschuldigte soll sogar den Wunsch geäußert haben, am Montag in Uniform vor den Haftrichter geführt zu werden. Doch der Polizeiwagen fährt nur zügig an der Medienschar vorbei, die Fotografen schießen ihre Bilder durch das Autofenster.

Den großen Auftritt wollen die Behörden auch im Gerichtssaal vermeiden. Breivik soll keine Märtyrer-Geschichten erzählen dürfen. Und ein wenig Angst scheinen sie auch vor ihm zu haben: Die Polizei fürchtet, dass er in öffentlichen Äußerungen „versteckte Botschaften“ an Gesinnungsgenossen unterbringen könnte. Die Angst vor Breiviks Terror hält das Land immer noch im Griff, ob nun zu Recht oder Unrecht.

Erstmals nähere Angaben zum Amoklauf

Der 32-jährige Attentäter hatte in den Verhören am Wochenende erstmals nähere Angaben zu seinem Amoklauf gemacht. Breivik behauptete, dass er ursprünglich die frühere Ministerpräsidentin und jetzige WHO-Chefin Gro Harlem Brundtland hatte töten wollen, die eine Rede auf dem Sommerlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF hielt. Das erfuhr die norwegische Zeitung „Aftenposten“ in Oslo.

Brundtland hielt ihr Referat von 11.10 Uhr bis 12.40 Uhr am Freitag auf der Insel Utøya und blieb danach noch mehrere Stunden dort. Die Insel gehört der norwegischen Arbeiterpartei. Doch der als Polizist verkleidete Breivik ließ sich erst nach Utøya übersetzen, als Brundtland schon abgereist war. Warum er sich verspätete, ob er keinen genauen Terminplan hatte, ist noch unklar. Der aktive Internet-Debattierer bezeichnete Brundtland in Foren als „Landsmo(r)deren“, eine Abwandlung von Landesmutter zu Landesmörderin.

Die Polizei erhielt die erste Meldung, dass seine Schießerei im Gange war, um 17.26 Uhr. Der mutmaßliche Massenmörder gab im Verhör auch an, dass er weit größere Terrorpläne hatte als die erfolgten beiden Anschläge. Es soll sich um weitere zwei Bombenattentate gegen zwei zentrale Gebäude in der Hauptstadt, aber außerhalb des Regierungsviertels handeln.

Große Mengen Munition bei sich

Als Breivik auf Utøya festgenommen wurde, hatte er immer noch große Mengen Munition bei sich, für seine Pistole ebenso wie für ein automatisches Gewehr. Etwa eine Stunde lang hatte er da schon Menschen gejagt und niedergeschossen.

Am vergangenen Freitag um 18.27 Uhr, zwei Minuten, nachdem ein schwer bewaffneter Bereitschaftstrupp der Osloer Polizei auf die Insel gelandet war, legte der Attentäter seine Waffen nieder und ergab sich widerstandslos.

In einem etwa 1500-seitigen Terrormanifest , das Breivik am Freitag erst ins Netz gestellt hatte, beschreibt er, dass er mit Nikotin gefüllte Projektile besorgen wollte, um seine Opfer zu vergiften, wenn sie nicht schon durch den Schuss selbst starben. Diese Projektile wollte er in China bestellen.

In seinem Tagebuch, das die letzten Tage vor dem Angriff behandelt, beschreibt Breivik, dass er Dumdum-Geschosse verwenden wollte, weil diese „maximale Verletzungen“ bei den Opfern anrichten würden, wie er weiter schreibt. Offenbar scheint Breivik diesen Plan aber aufgegeben zu haben. „Wir haben niemanden bei uns, der wegen Vergiftungen gestorben ist“, sagt jedenfalls Jo Heldaas vom Universitätskrankenhaus Oslo, einer der Ärzte, welche die Opfer behandeln.

Munition, die nicht in Norwegen verkauft werden darf

Doch anders sieht es mit Breiviks zweiter Idee für die Projektile aus: Dr. Colin Poole, Leiter der chirurgischen Abteilung des Gesundheitszentrum Vestre Viken, hat selbst zwei Verletzte nach dem Utøya-Angriff operiert und viele Röntgenbilder gesehen. Er meint, dass bei der Tat offensichtlich Munition verwandt wurde, die nicht in Norwegen verkauft werden darf.

„Wir haben gesehen, dass die Projektile ungewöhnliche Spuren beim Eindringen in die Opfer hinterließen“, so Poole. Solche Verletzungen habe er nie zuvor gesehen. „Wahrscheinlich sind es Dum-dum-Geschosse, die nur Spezialeinheiten in einzelnen Ländern benutzen“, sagt er. Die Munition darf nach der Genfer Konvention nicht im Militär eingesetzt werden.

Besonders beunruhigend ist die Vermutung, dass Breivik bei seinen ebenso minutiösen wie furchtbaren Vorbereitungen hätte gestoppt werden können: Die norwegische Sichehreitspolizei PST hatte eigenen Angaben zufolge Breivik bereits seit März 2011 unter Beobachtung, weil er bei einem polnischen Händler Chemikalien kaufte.

Die PST soll eine Liste mit Namen vom Zoll bekommen haben. Auf der Liste stehen 60 Norweger, die mit dem Polen Geschäfte gemacht haben. Auch Breivik. Allerdings soll er nur Waren im Wert von 121 Kronen gekauft haben (15,50 Euro).

Die PST habe diese Einzelheiten aber als „Überschussinformation“ bewertet, sagte ihr Analysechef Jon Fitje.

Bei der quälenden Frage nach dem Warum, die angesichts der 92 oder, nach neueren Zählungen 76 Toten, wohl nur neue Fassungslosigkeit hervorrufen würde, ist die Polizei kaum vorangekommen. Ein Motiv ist aus dem Beschuldigten nicht herauszubekommen. Zwar gibt Breivik die ihm zur Last gelegten Taten zu, erkennt aber keine Schuld im Sinne des Gesetzes an. Weiter behauptet er, dass er ganz allein gehandelt habe.

Bislang hat die Osloer Polizei keine anderen Namen, es wurden keine weiteren Verdächtigen festgenommen oder vernommen. „Selbst wenn er angibt, dass er alleine war, ist es wichtig für uns, dass wir das mit unseren eigenen Ermittlungen in Deckung bringen können“, sagt Sveinung Sponheim, Oslos Vize-Polizeichef.

In seinem Terrormanifest beschreibt Breivik sich selbst als Teil eines größeren internationalen Netzwerks mit vielen Zellen in Europa. Nach Polizeiangaben aber ist nicht ersichtlich, in was für einer Organisation Breivik Mitglied gewesen sein könnte.

Scotland Yard schickt Unterstützung

Scotland Yard schickte einen Experten nach Oslo, der die Spurensicherung kriminaltechnisch unterstützen soll. „Wir arbeiten auch mit ausländischen Kollegen zusammen und tauschen uns über Interpol aus“, sagt Sponheim. Im Manifest beschreibt Breivik auch, dass er eine Minikamera getestet habe. Ob er seine Angriffe gefilmt hat, wollte die Polizei nicht kommentieren.

Um 15.30 Uhr, nach langem Warten vor dem Gerichtsgebäude, wurde Norwegens Staatsfeind Nummer Eins im gepanzerten Polizei-Geländewagen wieder ins Gefängnis im Stadtteil Grønland gefahren. Der Richter Kim Heger erklärte anschließend die vorläufigen Anklagepunkte: „Anders Behring Breivik wurde am 22. Juli 2011 festgenommen und des Verstoßes gegen die Terrorgesetze beschuldigt”, sagte er.

Die Staatsanwaltschaft habe eine Untersuchungshaft von acht Wochen mit Brief- und Besuchsverbot beantragt, dazu eine volle Isolation über vier Wochen. Das Gericht bewilligte den Antrag samt allen Auflagen.

"Vitale Funktionen der Gesellschaft beschädigt"

„Breivik wird beschuldigt, vitale Funktionen der Gesellschaft beschädigt und destabilisiert und die Bevölkerung in Angst versetzt zu haben”, sagte der Richter. Der Angeklagte habe zwar seine Taten zugegeben, nicht aber seine Schuld. Das Gericht nehme daher an, dass er, wie in seinem Manifest beschrieben, „Norwegen und West-Europa von Kulturmarxismus und einer muslimischen Übernahme retten“ wolle.

Das Ziel seiner Operation war nicht, so viele Menschen wie möglich zu töten, sondern ein kräftiges Signal zu geben und der Arbeiterpartei einen so großen Verlust zuzufügen, dass es schwierig für sie werde, neue Mitglieder zu gewinnen, hieß es.

In seiner Erklärung vor den Beamten sagte Breivik: „Wenn die Arbeiterpartei ihre ideologische Linie weiterfährt und die norwegische Kultur dekonstruiert und Muslime massenimportiert, dann muss sie Verantwortung für diesen Verrat übernehmen.“ Jeder Mensch mit einem Gewissen kann sein Land nicht von Muslimen kolonisieren lassen, so Breivik in seinem Verhör weiter.

Der Attentäter sagte auch, er fände es „scheußlich, was in Oslo und Utøya geschehen ist, aber es war notwendig, um den Kampf, Europa von der Unterdrückung zu befreien, fortzuführen“.

"Ruhiger und gefasster Eindruck"

Sein Anwalt Geir Lippestad berichtete anschließend, dass Breivik einen „ruhigen und gefassten Eindruck“ gemacht habe. Die Verhandlung wurde rasch beendet, da keine Gründe für ein Ende der Untersuchungshaft vorliegen würden. Als Breivik nach seiner Schuld gefragt wurde, nutzte er die Gelegenheit, auf sein Manifest hinzuweisen. Der Richter ließ Breivik ein paar Minuten reden, bevor er ihn unterbrach, schilderte Lippestad.

Der Richter ließ sich von Verschwörungstheorien nicht weiter beeindrucken. Die Vorgehensweise Breiviks bei seinen Angriffen zeige, dass der Beschuldigte vorsätzlich Terror verbreiten wollte. Das Gericht sehe daher keinen Grund, die Motivlage noch tiefer zu erkunden, sagte Heger.

„Der Angeklagte hat bei der Polizei ausgesagt, dass es zwei weitere Zellen in seiner Organisation gebe. Das wird von der Polizei gerade ermittelt“, so Heger.

Im Licht der Ereignisse haben sich die Generalsekretäre der sieben Parteien, die im Parlament „Storting“, vertreten sind, auf einen Wahlkampf-Stopp bis Mitte August geeinigt. Am 12. September stehen Kommunalwahlen an. „Niemand ist in der Stimmung für Wahlkampf“, sagte Erna Solberg, Vorsitzende der konservativen Partei Høyre. „Wir fühlen uns taub.“