Norwegens Premier

Stoltenberg – Superheld und Seelsorger

Die grausamen Anschläge einen Norwegen hinter seinem sozialdemokratischen Premier Jens Stoltenberg. Seine Botschaft: Wir glauben weiter an das Gute.

Der Mann, der im Volk einst als bürokratisch, visionslos und kalt wie ein Fjord galt, findet auf einmal die richtigen Worte. „Es gibt ein Norwegen vor dem 22. Juli und eines danach. Doch welches Norwegen kommt, bestimmen allein wir“, ruft der Ministerpräsident den mehr als 200.000 Menschen auf dem Rathausplatz der Hauptstadt Oslo zu. Sie klatschen nicht, sie halten eine Rose hoch, beinahe jeder hier hält eine in der Hand.

„Heute Abend demonstrieren wir: Mehr Offenheit, mehr Demokratie, Standfestigkeit und Stärke.“ Die Blumen fliegen hoch, die Osloer jubeln. Jeder dritte Einwohner ist auf den Beinen, so viele wie seit der Befreiung von der deutschen Besatzung am 8. Mai 1945 nicht mehr. Im ganzen Land sind es etwa eine Million Menschen, die auf den Straßen zusammenkommen, gerade einmal fünf Millionen Einwohner hat das ganze Land.

Visionslos, langweilig? Das scheint plötzlich unsagbar lange her zu sein – dabei sind es nur drei Tage, in denen Jens Stoltenberg zum obersten Hoffnungsträger und Seelsorger Norwegens aufgestiegen ist.

Seitdem verbreitet Stoltenberg keine Politiker-Phrasen mehr, sondern nur noch eine Botschaft: Wir waren das beste Land der Welt. Und das bleiben wir auch.

Womit hat dieses herrliche Land diesen Amokläufer verdient?

Es ist genau das, was seine Landsleute hören wollen. Haben sie nicht immer alles richtig, mindestens aber so gut wie möglich gemacht? Wird der Reichtum hier nicht gerecht verteilt, gibt es irgendwo anders mehr Pressefreiheit und weniger Arbeitslosigkeit, derart verschwindend wenig Korruption, und zugleich so traumhafte Wachstumsraten? Womit, zum Teufel, hat dieses herrliche Land diesen Amokläufer verdient?

Stoltenberg weiß es natürlich auch nicht. Aber er bietet seinen Landsleuten eine Schulter an. Und sie lehnen sich dran. Als „Mann der Mädchen“ wird Stoltenberg bis heute manchmal leise verspottet (und heftig beneidet). Schon in den 70er- und 80er-Jahren war der damalige Chef der sozialdemokratischen Parteijugend bekannt für sein gewinnendes Äußeres und sein politisches Talent. Im Juni landete er auf Platz Eins als der Welt attraktivster Regierungschef auf der Internetseite hottestheadsofstate.wordpress.com .

Möglicherweise hatte er auch keine andere Wahl, als in die Politik zu gehen. Sowohl Vater und Mutter waren ebenfalls aktive Politiker der Arbeiterpartei. Sein Vater Thorvald war Verteidigungsminister von 1979 bis 1981 und danach zweimal Außenminister, die Mutter Staatssekretärin. Schon 2000 wurde er für kurze Zeit Ministerpräsident, musste nach einer Wahlniederlage im Jahr darauf aber abtreten. Dennoch übernahm er 2002 den Vorsitz der Arbeiterpartei, 2005 gewann er die Parlamentswahl und ist seitdem zum zweiten Mal Premier – und ohne Zweifel der mächtigste Politiker Norwegens.

Die „likhet“, die norwegische Gleichheit, spiegelt sich auch im Verhältnis zu den neuen Medien wider. „Jens“, wie er von vielen jungen Norwegern nur genannt wird, hat ein Facebook-Profil, zwitschert Kurznachrichten bei Twitter, denen fast 70.000 Menschen folgen und schreibt ein eigenes Internet-Blog.

"Die Leute lieben ihn"

Frank Aarebrot, Professor für vergleichende Politikwissenschaft an der Universität Bergen, sieht Stoltenberg bereits auf dem Weg zum Superhelden. „In den vergangenen Tagen sind die Politiker vom täglichen Kleinkram-Verwalten zu Helden geworden“, sagt Aarebrot. „Stoltenberg hat Führungsstärke bewiesen und die Leute lieben ihn.“

Seine berufliche Karriere verlief weitgehend reibungsfrei, nur einmal war Stoltenberg in einen Skandal verwickelt. Im März 1995 deckte die Zeitung „Verdens Gang“ auf, dass die Jugendorganisation der Arbeiterpartei AUF – die jetzt, 16 Jahre später – zum Ziel des Angriffs auf Utøya wurde, staatliche Zuschüsse erschwindelt hatte. Die Mitgliedszahlen wurden geschönt, um höhere Subventionen zu bekommen, so der Vorwurf.

Schon kurze Zeit später gab Stoltenberg zu, dass diese Praxis während seiner Zeit im AUF gängig war und dass der Staat auch nicht-zahlende Mitglieder als Voll-Mitglieder gezählt habe. Erst 1998 leitete die Staatsanwaltschaft ein Verfahren ein und klagte vier AUF-Mitglieder wegen Betrugs an, die zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden. An Stoltenberg blieb jedoch nichts hängen.

Keine großen Herausforderungen

Stoltenberg gilt als großer Befürworter eines EU-Beitritts seines Landes, womit er bisher aber weder die Mehrheit der Norweger noch seiner Parteifreunde gewinnen konnte. Das heikle Beitritts-Thema dürfte sich aber seit der jüngsten Eurokrise auf absehbare Zeit erledigt haben.

Vor großen Herausforderungen steht Norwegen anders als die europäische Einheitswährung schließlich nicht. Integrationsfragen werden im Land ebenso wie in anderen Einwanderungsgesellschaften Europas diskutiert, am Nordpol zankt man sich mit Anrainerstaaten wie Russland um Rohstoffe. Seit der Kalte Krieg vorbei ist, macht den Norwegern aber ihre gemeinsame Grenze zu Russland keine Angst mehr.

Wohl daher trifft die Tatsache, dass es einer aus der Mitte der Gesellschaft war, der das norwegische Modell verwunden wollte, so stark. Jeder Schnipsel aus dem Lebenslauf des Anders Behring Breivik wird dieser Tage begierig aufgelesen. Die täglichen Auftritte des Breivik-Anwalts Geir Lippestad werden verfolgt wie eine Mischung aus Krankenhaus-Bulletin und Reality-Soap. Vor einem nachrichtenhungrigen internationalen Pressekorps verkündete Lippestad am Dienstag, was Breivik gesagt hat, wie Breivik auftritt und warum er, der Anwalt, meint, dass Breivik wahnsinnig sei.

Dabei erklärt Lippestad auch, dass er noch nicht wisse, ob er er auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren werde. Lippestad teilte auch mit, dass Breivik glaubte, dass er bereits nach dem Bombenanschlag im Regierungsviertel erschossen oder getötet werden würde. Der Massenmörder ging nicht davon aus, dass er mit dem Leben davonkommen könne, sagt Lippestad.

Erst 20 Leichen obduziert

Als das Einsatzkommando der Polizei, das so genannte Delta-Team, auf Utøya eintraf, riefen ihm die Polizisten zu: „Gib auf oder wir schießen!” Aus Polizeikreisen heißt es, dass Breivik zunächst versucht habe, vor den schwer bewaffneten Kommandokräften wegzulaufen. Aber nach wenigen Metern blieb er stehen, drehte sich um und ging mit erhobenen Händen auf die Polizisten zu.

In den Tagen darauf sammelten Kriminaltechniker und Rechtsmediziner die Leichen der Kinder und Jugendlichen ein. Ihre Namen wurden am Dienstag veröffentlicht. Eine Gruppe aus Pathologen, Zahnärzten und Spurenermittlern identifiziert die Opfer. Bislang sind erst 20 Leichen obduziert und identifiziert.

Eine Art Hymne gegen den Terror

Vor diesem Hintergrund kommen nun auch in Norwegen Forderungen auf, die Gesetze zu verschärfen und mit Straftätern härter umzugehen. Schon beim Rosenumzug legte jemand ein Plakat aus, auf dem es hieß, dass Breivik „nicht nur 21 Jahre eingesperrt werden soll, sondern länger“. Bislang war eine Gefängnisstrafe in Norwegen auf 21 Jahre limitiert, eine Reform, die das Höchstmaß auf 30 Jahre heraufschraubt, ist bereits im Gang.

Noch will Stoltenberg von solchen Forderungen aber nichts wissen, noch trifft er mit seinem Liberalismus-Appell den Nerv der Norweger.

Am Montagabend gegen 20 Uhr bevölkern immer noch 150.000 Menschen den Rathausplatz. Sie stehen vor dem klobigen Backsteingebäude, den im Abendlicht schimmernden Fjord im Rücken, drängen sich in den Seitenstraßen, sitzen auf Felsen und Parkbänken und halten ihre Rosen hoch; eine norwegische Vollversammlung, die beschlossen hat, sich nicht beirren zu lassen. Und Jens Stoltenberg hat diese Entscheidung formuliert.

Tausende Blumen liegen auf Mauern, Straßen, an Häuserecken, Vielen laufen Tränen über die Wangen. Zettel werden verteilt, das Nationalgedicht „An die Jugend“ von Nordahl Grieg steht drauf, es ist in den vergangenen Tagen zu einer Art Hymne gegen den Terror geworden. Und dann legt er los, der Chor der Zehntausenden, eine Gesangswolke weht über die Stadt: „Hier ist Dein Schutz gegen Gewalt, hier ist Dein Schwert: Der Glaube an unser Leben, der Menschen Wert.“

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