Tote bei Anschlag

Bombenterror trifft Norwegen ins Herz seiner Macht

Vermutlich mindestens zwei Bomben haben Norwegens politisches Zentrum verwüstet. Mehrere Menschen starben, viele wurden verletzt. Waren es Islamisten?

Glassplitter, die auf dem Boden liegen, ein zerstörtes Auto liegt verkehrt herum auf der Fahrbahn, zahlreiche Ambulanzwagen mit Helfern, die sich um Verletzte kümmern – die Bilder, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen NRK am Freitagnachmittag aus Oslos Regierungsviertel sendete, zeigten ein Chaos, einen Abgrund der Verwüstung mitten in der Hauptstadt, des friedlichen, wohlhabenden Norwegen.

Im politischen Zentrum des Landes hatte es um 15.20 Uhr eine heftige Explosion gegeben. Mindestens zwei Personen kamen dabei nach Lage der Dinge am späten Nachmittag ums Leben. Laut Information des Universitätsklinikums soll es mindestens sieben Verletzte gegeben haben.

Ministerpräsident Jens Stoltenberg, dessen Büro in dem Gebäude liegt, befand sich zu diesem Zeitpunkt in Sicherheit. Experten hielten einen Terrorangriff für möglich, wollten sich aber zunächst nicht festlegen. „Es ist schwer, sich darunter etwas anderes vorzustellen als Terror“, so erklärte der Fachmann Tore Bjørgo, Professor an der Norwegischen Polizeihochschule.

Detonation in einem wichtigen Regierungsgebäude

Er verwies darauf, dass es sich bei dem Gebäude-Komplex, in dem die Detonation offenkundig stattfand, um das Symbol politischer Macht in Norwegen handelt. Im so genannten „regjeringskvartal“, dem Regierungsviertel also, haben zahlreiche Ministerien sowie der Regierungschef ihre Büros, außerdem sind auch die Medien hier stark vertreten, unter anderem die Boulevardzeitung „VG“, deren Quartier in unmittelbarer Nähe zum Büro des Premierministers liegt.

Auch die Fassade des Hauses von VG wurde bei der Explosion stark beschädigt, ebenso diverse andere benachbarte Gebäude. Das Viertel befindet sich mitten im Zentrum der norwegischen Hauptstadt, gut zehn Fußminuten vom Hauptbahnhof entfernt.

Islamistische Terroranschläge gab es in Norwegen bislang nicht – auch weil die norwegischen Geheimdienste und Sicherheitsbehörden viele Anschlagsplanungen vereitelten. Im vergangenen Jahr gelang es norwegischen Ermittlern, eine Terrorzelle aufzuspüren.

Drei Islamisten - ein Iraker, ein Usbeke und ein chinesischer Uigure - wurden in Norwegen und Deutschland festgenommen. Sie hatten offenbar Verbindungen zum Terrornetzwerk al-Qaida und planten Bombenanschläge.

Norwegen kämpft in Afghanistan – Grund für den Anschlag?

Für Terroristen gibt es zwei mögliche Gründe für einen Anschlag auf Oslo. Das Nato-Mitglied Norwegen ist am Afghanistaneinsatz beteiligt und norwegische Medien haben die sogenannten Mohammed-Karikaturen nachgedruckt.

Im Herbst 2005 waren in der dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“ Karikaturen erschienen, die den Propheten Mohammed darstellten. Einige der Bilder verärgerten Muslime in aller Welt. Vor allem die Zeichnung des Karikaturisten Kurt Westergaard, der Mohammed mit einer Bombe als Turban dargestellt hatte, war scharf kritisiert worden.

In zahlreichen muslimischen Ländern war gegen die Veröffentlichung der Zeichnungen protestiert worden, etliche dieser Kundgebungen verliefen gewalttätig, Botschaften wurden in Brand gesteckt und Menschen kamen ums Leben. Wegen der Karikaturen gilt vor allem Dänemark als eines der Länder in Europa, das am meisten Terror befürchten muss.

Bisher konnten Angriffspläne vereitelt werden. Erst Anfang des vergangenen Jahres war ein Mann in das Haus des Zeichners Westergaard eingedrungen, dieser konnte sich aber in eine eigens eingerichtete Schutzkammer zurückziehen und blieb unverletzt.

Regierungsgebäude weiträumig abgesperrt

Im Herbst war in Kopenhagen ein Tschetschene festgenommen worden, der ebenfalls das Zeitungshaus hatte angreifen wollen, so wird vermutet. Norwegen war zumindest bisher aber von solchen Angriffen verschont geblieben.

Nun wird befürchtet, dass es erstmals auch das Land auf der Westseite der skandinavischen Halbinsel getroffen haben könnte. Norwegen hat sich stets als besonders friedliche Nation gesehen. Ausgerechnet in Oslo wird alljährlich der Friedensnobelpreis vergeben und Norwegen hat sich mehrfach als Friedensvermittler bei diversen internationalen Konflikten betätigt.

Aus Furcht vor weiteren Explosionen und um Platz für Rettungskräfte zu schaffen, wurde das Gebiet um das Regierungsviertel am Freitagabend weiträumig abgesperrt. Die Zufahrtswege in die norwegische Hauptstadt wurden ebenfalls geschlossen.

Möglicherweise gab es zwei Explosionen

Fernsehbilder zeigten aufsteigenden Rauch aus dem oberen Teil des Öl- und Energieministerium. Zunächst ging man deshalb davon aus, dass dort die Explosion stattgefunden habe.

Dann hieß es eine Autobombe sei die Ursache gewesen. Möglicherweise hat es zwei Explosionen gegeben. Das norwegische öffentlich-rechtliche Fernsehen sendete mehrere Stunden live vom Unglücksort. Die Explosion kam für Norwegen völlig überraschend.

Kürzlich hatte es keine Erhöhung der Terrorgefahr gegeben. Die Polizei konnte Tote und Verletzte bekräftigen, nannte aber keine Personenzahl. Außerdem hat es massiven Sachschaden gegeben.

Mitarbeit: Florian Flade