Doppelanschlag

Norwegen - Verdächtiger offenbar Rechtsextremist

Mindestens 87 Menschen starben bei den Anschlägen in Norwegen. Ein Verdächtiger befindet sich in Haft, nach Medienberichten könnte der 32-Jährige Rechtsextremist sein.

Hinter den Terroranschlägen in Norwegen mit mindestens 87 Toten steht möglicherweise ein Täter aus dem rechten Spektrum. Der festgenommene Verdächtige habe sich im Internet selbst als Nationalist und Gegner einer multikulturellen Gesellschaft bezeichnet, berichtete die norwegisch Zeitung "VG" in ihrer Onlineausgabe. Die Polizei geht davon aus, dass der 32-Jährige Norweger sowohl mit dem schweren Bombenanschlag am Freitagnachmittag in Oslo als auch mit dem Blutbad kurz danach in einem Jugendcamp auf einer Insel nahe er norwegischen Hauptstadt in Zusammenhang steht.

Der Norweger vertritt nach Angaben der Polizei islamfeindliche Ansichten. Dem Fernsehsender NRK sagte Polizeichef Sveinung Sponheim, Beiträge des Verdächtigen im Internet legten nahe, dass er politische Ansichten hat, die nach rechts gehen und islamfeindlich sind. Ob das seine Motivation für die ihm zur Last gelegten Taten war, müsse man erst noch sehen. NRK identifizierte den 32-jährigen Norweger, der auch für eine Explosion in Oslo mit sieben Toten verantwortlich sein soll, als Anders B. und berichtete, die Polizei habe die Wohnung des Manns in der Nacht durchsucht. Auf in den Medien gezeigten Fotos, die den Verdächtigen darstellen sollen, war ein blonder, blauäugiger Mann zu sehen.

Er sei er am Freitag kurz vor dem Bombenanschlag in Oslo gesehen worden, bei dem sieben Menschen starben und viele weitere verletzt wurden, sagte Polizeichef Sveinung Sponheim nach Berichten der Nachrichtenagentur NTB. Wenige Stunden später soll er dann als Polizist verkleidet auf der Insel Utoya, die in einem See nahe der Hauptstadt liegt, das Feuer auf die Besucher eines sozialdemokratischen Jugendcamps eröffnet und zehn Menschen getötet haben. Dort war er auch festgenommen worden.

Unklar war zunächst noch, ob er allein handelte. Am frühen Samstagmorgen wurde er noch von der Polizei verhört. Hinweise auf Verbindungen zum internationalen Terrorismus lagen nach offiziellen Angaben zunächst nicht vor.

Gegen Mitternacht habe die Polizei die Wohnung des Mannes im Westen Oslos durchsucht, berichtete "VG". Bereits vor Jahren habe er im Internet Beiträge mit kontroversem Inhalt veröffentlicht, schreibt das Blatt unter Berufung auf einen Jugendfreund. Sein Facebook-Profil sei deshalb gelöscht worden. Später habe der Verdächtige, der eine Handelsschule in Oslo besucht haben soll, dann ein neues Profil angelegt, dort aber keine kontroversen Meinungen mehr veröffentlicht.

Wie die norwegische Nachrichtenagentur NTB berichtete, fand die Polizei nach der Festnahme des Verdächtigen auf der Insel Utoya nicht explodierten Sprengstoff. Ob es sich dabei um einen scharfen Sprengsatz handelte, wurde nicht mitgeteilt. Auf den Namen des 32-Jährigen seien zwei Schusswaffen registriert, hieß es unter Berufungen auf Meldungen des Senders TV 2.

Die internationale Gemeinschaft zeigte sich erschüttert, auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Barack Obama verurteilten die Tat. Bundespräsident Christian Wulff übermittelte dem norwegischen König Harald V. seine Anteilnahme. Bislang war Norwegen von Terroranschlägen verschont geblieben.

Die Wucht der Detonation im Zentrum Oslos hatte am Freitagnachmittag mehrere Gebäude verwüstet, darunter den Sitz von Ministerpräsident Jens Stoltenberg. Der Regierungschef wurde jedoch nicht verletzt. Am späten Abend trat Stoltenberg vor die Presse und beschwor den Zusammenhalt im Land. Er habe eine Botschaft an die Täter: "Ihr werdet unsere Demokratie und unser Engagement für eine bessere Welt nicht zerstören." Niemand könne Norwegen "zum Schweigen schießen", das Land werde nicht aufhören, zu seinen Werten zu stehen. Stoltenberg kündigte eine entschlossene Reaktion der Behörden an.

In dem von 560 Mitgliedern der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF besuchten Feriencamp auf der Insel Utøya spielten sich den Berichten zufolge chaotische Szenen ab. Polizisten einer Anti-Terror-Einheit mit schusssicheren Westen eilten zum Tatort, nachdem der Attentäter das Feuer eröffnet hatte. Laut Medienberichten brach unter den Jugendlichen Panik aus. Mehrere Mädchen und Jungen seien ins Wasser gesprungen und an Land geschwommen. Die Insel ist rund eine Autostunde von Oslo entfernt.

Zuvor, gegen 15.30 Uhr, hatte ein großer Knall die Bürger Oslos aufgeschreckt. "Das ganze Gebäude wurde erschüttert, wir glaubten, es sei ein Erdbeben", sagte ein Reporter des Senders NRK, der sich neben dem 17 Stockwerke hohen Regierungsgebäude befand. Das Fernsehen zeigte Bilder von einer völlig zerstörten Hausfassade, aus der Rauch aufstieg. Der Boden war mit Glassplittern zerstörter Fensterscheiben und Trümmerteilen übersät.

Mitarbeiter der Tageszeitung "Aftenposten" berichteten von Opfern, die blutend auf der Straße lagen. Bilder der NRK-Homepage zeigten, wie sich Sanitäter um Verletzte auf dem Bürgersteig kümmerten. Rettungskräfte brachten eine Frau in Sicherheit, deren blondes Haar blutverschmiert war. Passanten beugten sich über Verletzte und leisteten ebenfalls Erste Hilfe.

Bundeskanzlerin Merkel zeigte sich erschüttert: "Mit Entsetzen habe ich von dem schweren Anschlag im Regierungsviertel von Oslo erfahren", hieß es in einer in Berlin veröffentlichten Erklärung. "Die Hintergründe dieser menschenverachtenden Tat sind zu diesem Zeitpunkt noch unklar. Klar ist, dass wir alle, die an Demokratie und friedliches Zusammenleben glauben, solchen Terrorismus, womit auch immer er begründet wird, scharf verurteilen müssen." "Deutschland und die Deutschen stehen in dieser schweren Stunde fest an Ihrer Seite", versicherte Bundespräsident Wulff dem norwegischen König.

US-Präsident Obama rief zu einer stärkeren Zusammenarbeit im Kampf gegen den Terror auf. "Es ist eine Mahnung, dass die gesamte internationale Gemeinschaft dazu beitragen muss, dass solch ein Terrorakt nicht passiert", sagte Obama in Washington.