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Murdochs riesiger Abhörskandal erreicht Amerika

Das FBI ermittelt gegen Murdoch-Reporter, die Telefone von 9/11-Opfern abgehört haben sollen. Auch TV-Sender Fox News, Sprachrohr der Republikaner, steht im Zwielicht.

Foto: REUTERS

Mit der Forderung führender Politiker an US-Behörden zu untersuchen, ob Rupert Murdochs News Corp. amerikanische Gesetze verletzte, hat der britische Medienskandal den Atlantik übersprungen.

Vier demokratische Senatoren, Jay Rockefeller, Barbara Boxer, Frank Lautenberg und Robert Menendez, haben in Briefen an die Bundespolizei FBI, das US-Justizministerium, die Börsenaufsicht (SEC) und die Bundesmedienbehörde (FCC) gefordert zu ermitteln, ob News Corp., ein amerikanisches Unternehmen mit Stammsitz im Staat Delaware, das gesetzliche Verbot brach, ausländische Beamte – in diesem Fall Polizisten des britischen Scotland Yard – zu bestechen.

Zudem, so die Senatoren, bestehe der Verdacht, dass die Privatsphäre von US-Bürgern verletzt worden sei. Offenbar stützen sich die Senatoren auf einen Bericht der britischen Zeitung „Daily Mail“, wonach die inzwischen von Murdoch vom Markt genommene Londoner Sonntagszeitung „ News of the World “ (zuletzt 2, 8 Millionen Auflage) versucht habe, von einem New Yorker Kriminalbeamten Aufzeichnungen von Telefonaten britischer und amerikanischer Opfer der Anschläge vom 11. September 2001 im World Trade Center in den Minuten vor ihrem Tod zu erhalten.

Die US-Bundespolizei FBI hat deswegen Ermittlungen gegen den Konzern eingeleitet. Noch gibt es aber keine weitere Quelle für diese Behauptungen.

Anders als für die Bestechlichkeit von Beamten des britischen Scotland Yard. Der „U.S. Foreign Corrupt Practices Act“ verbietet bei Strafandrohung amerikanischen Firmen solche Praktiken.

Zu den vier Senatoren gesellte sich als erster Republikaner der New Yorker Abgeordnete Peter King, Vorsitzender des Ausschusses für Heimatschutz im Repräsentantenhaus. Kings Beteiligung an dem Vorstoß gegen News Corp, das Amerikas rechtskonservative Politik und Politiker unterstützt, ist von besonderer Bedeutung. Der Skandal hat gute Chancen, sein Gift in den US-Präsidentschaftswahlkampf zu tragen.

Murdochs TV-Sender Fox News ist Sprachrohr der Republikaner

In Murdochs US-Imperium steht das angesehene „Wall Street Journal“ neben der wollüstig schmuddeligen „New York Post“. Unter den 27 Fernsehkanälen spielt der Kabelsender „FoxNews“ die Rolle des Propagandasprachrohrs für die politische Agenda des australischen Medienmoguls.

Nicht einmal die Bewunderer von FoxNews kaufen dem Sender seinen Slogan „fair and balanced“ ab: Der erfolgreichste News-Kabelsender hält sich potenzielle Präsidentschaftskandidaten der Republikaner als bezahlte Kolumnisten. Sarah Palin ist ihr Star, Mike Huckabee hat eine eigene Show; Newt Gingrich spielt hier den Professor.

Alte Meister wie George W. Bushs Chefberater Karl Rove haben ständig das Wort in dem Kanal, in dem Präsident Barack Obama nur als Beelzebub auftritt. Eine Million Dollar spendete Rupert Murdoch im vergangenen Jahr der Vereinigung republikanischer Gouverneure; es ist kein Zufall, dass republikanische Politiker bisher den britischen Abhörskandal weitgehend ignorieren; wie „Fox News“ selbst, das Wichtigeres zu senden hat.

New Yorker Politiker hofierten Boulevardblatt "New York Post"

Pikanter und komplizierter ist das Verhältnis von New Yorker Politikern zu Murdoch und seinem Boulevardblatt „New York Post“. Bürgermeister Michael Bloomberg, ein aufgeklärter Konservativer, und New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo, ein liberaler Demokrat, der soeben die Schwulenehe in seinem Staat durchsetzte, haben sich um ein gutes Einvernehmen mit dem Blatt bemüht und es auch weitgehend erwirkt. Wie Bloomberg und Cuomo zu den Vorwürfen gegen News Corp. stehen werden, wenn sie sich äußern müssen, ist noch unklar.

Noch heikler ist die Position Rudy Giulianis, des ewigen Helden von „9/11“. Der frühere Bürgermeister und (2008 früh gescheiterte) Präsidentschaftskandidat hatte in der „New York Post“ eine treue Hauspostille. Sollte an den Vorwürfen etwas sein, dass Murdochs Reporter die Angehörigen von 9/11 abhören wollten oder sonst belästigt haben, wäre Giuliani in schwerer Bedrängnis.

Carl Bernstein, neben Bob Woodward Aufklärer des Watergate-Skandals, vergleicht den britischen Abhörskandal, der Politiker, Prominente aller Art und die Krone traf, mit dem Tsunami von Watergate; Hugh Grant, der britische Schauspieler und inoffizieller Sprecher der prominenten Abhöropfer, warnte im US-Frühstücksfernsehen „Today Show“ davor, dass der Skandal in die USA schwappen könne.

Enormer Einfluss auf die Meinungsbildung der US-Bürger

Murdochs enormer Einfluss auf die Meinungsbildung in den USA sollte sein Geschäftsgebaren auch für die Amerikaner interessant machen. Timothy Garton Ash verglich in einem Meinungsstück für die „Los Angeles Times“ das intime Zusammenspiel von Politik, Polizei und Boulevardpresse mit „einer Krankheit, die in den vergangenen 30 Jahren die Herzkranzgefäße des britischen Staats verstopft hat.“ Ash mokierte sich über das gespielte Desinteresse von „FoxNews“ an dem Skandal.

Christopher Bancroft, Mitglied der Familie, die 2007 das „Wall Street Journal“ und den Dow Jones an Murdoch verkaufte, bekannte Reue: „Wenn ich gewusst hätte, was ich heute weiß, hätte ich mich viel heftiger gegen das Angebot gewehrt.“

Ein anderes Familienmitglied, Lisa Steele, glaubt, der Verkauf wäre wohl unmöglich gewesen; was sie im „Journal“ über den Skandal lese, sei „schrecklich, wenn nicht kriminell“. Beide sorgen sich um den Ruf des „Journal“, dessen Meinungsseite allerdings ohnehin Narrenfreiheit genießt und das übrige Blatt mit Rechtsaußen-Tiraden in Verlegenheit bringt

Allheilige Meinungs- und Pressefreiheit schützt Murdochs Imperium

Wenig Aussicht auf Erfolg haben die konzertierten Vorstöße von (überwiegend linksliberalen) Medien-Aufsichtsgruppen, die auf die US-Lizenzgesetze verweisen. Diese machen für das Betreiben eines TV-Senders einen „guten Charakter“ zur Bedingung; dies, sagen die Aktivisten, könne man wohl kaum mehr von Murdoch behaupten. Nun hat die zuständige „Federal Communication Commision“ erst einmal in ihrer Geschichte eine Lizenz entzogen. Man ahnt, welch eine Welle von Prozessen auf die FEC zurollte, wenn die Kommission die charakterliche Eignung Rupert Murdochs auch nur in Zweifel zöge.

Meinungs- und Pressefreiheit sind fast allheilig in den USA; eher kann ein Bürger in SS-Uniform umhermarschieren, weiße Rassenüberlegenheit predigen und den bewaffneten Marsch auf Washington organisieren, als dass man seiner Freiheit zu nahe träte. Es ist diese amerikanische Priorität, die den Australier Murdoch einst mit bewog, US-Staatsbürger zu werden und sein Imperium in den USA aufzubauen.

Drohungen gegen die "New York Times"

Bei allem Staunen amerikanischer Intellektueller über den Sumpf des Boulevards in Großbritannien, auch in den USA sind die Bandagen hart. So musste 1998 die Zeitung „Cincinnati Enquirer“ dem Unternehmen Chiquita zehn Millionen Dollar zahlen und eine Entschuldigung entbieten, nachdem sich ein Reporter Tonbandnachrichten eines Managers angeeignet hatte. Medienkritiker erinnern daran, dass US-Networks gegen alle geltenden Ethikregeln Informanten und Titelheldinnen Geld zahlt.

Als die „New York Times“ Anfang September in ihrem Wochenendmagazin über das Versagen Scotland Yards, die Abhörgerüchte sorgfältig zu untersuchen, berichtete, versuchte Bill Akass, Managing Director von „News of the World“, die Veröffentlichung durch Drohungen zu verhindern.

Nicht nur sei alles erlogen. Die „Times“ wolle nur ihr Konkurrenzblatt „Wall Street Journal“ schädigen, schrieb Akass, das Blatt verstoße fortgesetzt gegen seine eigenen ethischen Grundsätze. Rupert Murdochs „News Corp“ sah sich stets als Opfer snobistischer Eliten und Anwalt des einfachen Bürgers. Solange es genug Bürger glaubten.