Israel

Wulff als "alter Freund des jüdischen Volkes" begrüßt

Der Besuch Israels lag Bundespräsident Wulff persönlich besonders am Herzen. Präsident Schimon Peres empfing den Gast geradezu überschwänglich.

Ein wenig erleichtert wirkt er schon, der Bundespräsident. Christian Wulff und der israelische Präsident Schimon Peres stehen vor dessen Amtssitz hinter zwei Rednerpulten. Soeben haben die beiden Staatsmänner ein erstes Gespräch im kleinen Kreis geführt. Nun, die beiden Nationalhymnen sind verklungen, empfängt Peres seinen Gast aus Deutschland offiziell mit sehr freundlichen, ja geradezu überschwänglich herzlichen Worten. Ihm sei es eine "Freude und Ehre“, den Bundespräsidenten zu begrüßen, sagt der 87-jährige Peres, der etliche Familienangehörige im Holocaust verloren hat. Sichtlich bewegt hört Christian Wulff zu.

Wulff ist über drei Jahrzehnte jünger als Peres. Und er ist im Vergleich mit seinem Gastgeber ein, nun ja, politischer Lehrling. Der charmante Peres aber drückt es an diesem Sonntagvormittag in der Sonne Jerusalems auf seine Weise aus. Wulff sei "der erste deutsche Präsident, der nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde, und dessen Zukunft größer ist als die Vergangenheit“. Schimon Peres denkt gar nicht daran, das Hohelied auf seinen neuen Kollegen zu beenden: "Obwohl er ein junger Präsident ist, ist er ein alter Freund des jüdischen Volkes und des israelischen Staates.“

Der viertägige Aufenthalt in Israel ist die erste Auslandsreise des Bundespräsidenten, die er selbst vorangetrieben hat. Abseits der eintägigen Antrittsbesuche war Wulff bislang zu Gast in der Schweiz, in Russland und der Türkei; all jene Stationen aber waren noch von seinem Vorgänger Horst Köhler geplant worden. Wulff besucht Israel bereits im fünften Monat seiner Amtszeit, noch eher als einst Köhler und Johannes Rau. Vor schwierigen und symbolgeladenen Reisen scheut sich dieser Präsident nicht. Dabei weiß er, dass ein deutsches Staatsoberhaupt in Israel besonders herausgefordert ist. Doch nach dem etwas stolpernden Start im Schloss Bellevue hat Wulff längst Tritt gefasst. Seine außenpolitischen Möglichkeiten füllt er mit erkennbarer Freude und zunehmender Professionalität aus.

Wulff möchte bei diesem Besuch keinen Nahost-Friedensplan vorlegen, er will zuhören und Vertrauen erwerben. Doch ein Standardprogramm mag er ebenso wenig abspulen. Dieser Nachkriegspräsident trägt eine Botschaft im Herzen, die sich mit jungen Deutschen und Israelis verbindet. Auf deren Kennenlernen und Kontakte komme es an, sagt Wulff: "Es gibt Ängste in der Erlebnisgeneration, etwas könne verblassen.“ Jede Generation aber trage ihre Verantwortung – genau deshalb hat der Bundespräsident nicht nur Annalena Wulff, seine 17-jährige Tochter aus erster Ehe, mitgenommen. Mit dabei sind acht weitere Jugendliche, die sich in unterschiedlicher Form mit der Geschichte oder dem Staat Israel befasst haben.

Gemeinsam besichtigen Wulff und seine Delegation die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Hitler-Plakate, Fotos aus der Pogromnacht, Berichte, Filme und Dokumente aus den Lagern, schließlich ein Berg Schuhe aus dem Krematorium des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau – manches von dem, was die jungen Leute im Museum sehen, kennen sie aus Schulbüchern und Medien. Doch die Darstellung einzelner Schicksale, etwa im nachgebauten Büro des Berliner Arztes Hermann Zondek, der Deutschland 1933 weitsichtig verlassen hatte, berührt besonders. "Der Flüchtling“ heißt das Bild Felix Nussbaums, vor dem Christian Wulff verweilt. Nussbaum stammt aus Wulffs Heimatstadt Osnabrück. Und es ist nicht das letzte Mal, dass er in Jerusalem mit ihr konfrontiert wird.

Es ist eine besondere Geste, dass Präsident Peres Wulff nach dem Museumsbesuch abermals empfängt. Seit an Seit betreten die beiden Männer die Halle der Erinnerung. Ein Kinderchor singt, und Wulff entfacht das Mahnfeuer. Zwei junge Leute aus Deutschland legen den Kranz des Bundespräsidenten nieder. Dann tritt Wulff, zunächst neben seiner Tochter stehend, nach vorn und richtet die Schleife. In diesem Moment ist es plötzlich ruhig im großen Tross. Nur in kleinster Runde betreten Christian und Annalena Wulff wenig später das Mahnmal, in dem der eineinhalb Millionen ermordeter Kinder gedacht wird. Annalena Wulff hat einen Stein aus Osnabrück mitgebracht, wo sie lebt und die elfte Schulklasse besucht. Am Denkmal für einen Lehrer, der seine jüdischen Schüler in den Tod begleitete, legt sie den Stein nieder. "Sehr emotional“ sei der Aufenthalt in Yad Vashem gewesen, sagt sie später. Man müsse sich mit dem Holocaust beschäftigen: "Die Eltern sollten ihren Kindern das erzählen – um zu verhindern, dass es noch einmal passiert.“

Kurz darauf wird Osnabrück noch einmal präsent, beim Besuch im Tal der Gemeinden. Hier sind alle europäischen Ortsnamen in Stein gemeißelt, in denen einst eine Synagoge stand. Im Sonnenlicht erstrahlt ein gewaltiger Fels, auf dem sich viele norddeutsche Namen finden. Zwischen Meppen und Bad Salzuflen ist Osnabrück zu finden. Der Bundespräsident legt eine rote Rose nieder. In Osnabrück hat er einst eine Solidaritätsdemo organisiert. Die Parole "Juden verreckt“ hatte zuvor jemand an die dortige Synagoge geschmiert. Wulff war damals so alt wie seine Tochter heute.