Flucht nach Italien

Keine Arbeit, keine Frau, keine Perspektive

Etwa 5000 geflüchtete Tunesier sind derzeit auf der italienischen Insel Lampedusa. Einer von ihnen hat Paul Badde seine Geschichte erzählt.

"Ich heiße Hamsa, bin Berber, und stamme aus Remada, das ist eine kleine Oasenstadt im Süden Tunesiens. Viele sagen, dass ich wie 24 aussehen würde, aber ich bin doch schon 36 Jahre alt. Verheiratet bin ich nicht. Das wäre viel zu teuer für mich. Dann wäre ich ja auch nicht hier, sondern bei meiner Frau und den Kindern geblieben. Aber ich habe keine, sondern nur meine Mutter und sieben Geschwister. Mein Vater ist schon lange tot und wer mich fragt, warum ich so oft lache, dem sage ich immer, dass ich nicht weiß, warum. Denn zu lachen habe ich eigentlich nichts.

Ich kann lesen und schreiben und rechnen, aber habe keinen Beruf, doch habe schon alles gemacht und würde auch alles machen, um meiner Familie Geld schicken zu können, nur kein Unrecht. Das kann ich nicht. Darum war ich früher auch nie bei der Polizei und habe noch nie gestohlen. In der letzten Zeit habe ich vor allem auf dem Bau gearbeitet, aber auch lange Zeit im Tourismus, als Kellner, oder eine zeitlang für einen Thunfisch-Fischer in Salerno in Italien. Darum spreche ich auch ein wenig Italienisch.

Wie mir geht es vielen Flüchtlingen. Viele können viel, doch Diplome haben die wenigsten, weil Diplome in Tunesien sehr teuer sind und dann auch nicht geholfen haben. Ein Cousin von mir, der auf dem gleichen Boot mitgekommen ist wie ich, hat ein Diplom als Programmierer, er spricht Englisch und Deutsch und hat auch keine Arbeit mehr gefunden. Natürlich habe ich schon etwas Heimweh.

Das hatte ich schon, als ich die Küste nicht mehr sah: Heimweh nach der Familie und nach der Küche meiner Mutter. Doch guten Couscous gab es in der letzten Zeit bei uns fast nur noch für die Touristen und die Franzosen, denen ja längst schon halb Tunesien gehört, vor allem die Küste. Darum gibt es auch keine Arbeit auf dem Bau mehr, weil die Touristen ja nun nicht mehr kommen. Da haben die Hoteliers sofort aufgehört, weiter zu investieren und zu bauen.

"Jetzt kann ich die Wahrheit sagen, aber es nützt nichts"

Früher konnte man noch jemanden mit Geld bestechen, um an Arbeit zu kommen. Das geht jetzt nicht mehr. Früher durfte man auch nicht die Wahrheit sagen. Ich durfte nicht sagen, das ist gut und das ist schlecht. Denn dann konnte es leicht passieren, dass die Polizei kam und mich verprügelte und ins Gefängnis warf und da noch einmal verprügelte.

Jetzt kann ich die Wahrheit sagen, aber es nützt nichts und hilft nicht, egal ob mir jemand zuhört oder nicht. Trotzdem wird die Wahrheit immer noch nicht gesagt. Zum Beispiel wurde ich von der italienischen Küstenwache gefragt, warum ich denn nicht geblieben bin, weil es jetzt doch Freiheit in Tunesien gibt. Aber das ist nicht wahr. Es gibt keine Freiheit.

Der Diktator Ben Ali ist weg mit seiner Frau und Koffern voller Gold, das stimmt, aber jetzt gibt es auch keine Polizei mehr, und keine Sicherheit. Jetzt kommt dafür manchmal die alte Polizei, ohne Uniform, nachts, und hält der Mutter ein Messer an die Kehle und sagt ihr, sie soll ihren Schmuck rausrücken, wenn sie ihre Kinder nicht ohne Mutter zurück lassen will. Die alten Waffen sind noch alle da. Das ist auch so geblieben, seit die Polizisten nicht mehr wagen, ihre Uniform anzuziehen.

"In Tunesien herrscht Krieg von allen gegen alle"

Und die Armee tut überhaupt nichts. Es heißt, dass sie die Macht hat. Vielleicht bewacht sie die Grenzen und passt auf, dass Tunesien nicht von einer fremden Macht überfallen wird. Es gibt keinen Krieg mit anderen Ländern. Aber es gibt auch keinen Frieden. Es herrscht Krieg in Tunesien, es ist ein Krieg von allen gegen alle, von Familien gegen Familien. Das hat es hier noch nie gegeben. Es wird Jahre dauern, bis sich das ändert. Und bis alles wieder funktioniert. Bis endlich auch in Tunesien das Recht an die Macht kommt und herrscht.

Jetzt herrscht hier vor allem die Arbeitslosigkeit. Darum mussten wir alle weg, damit nach aller Not nicht auch noch eine große Hungersnot über unsere Familien kommt. Darum haben sich viele zusammen getan, um Boot für Boot nach Europa zu kommen. Wir sind keinem Schlepper ins Netz gegangen. Die Familien haben Geld zusammengelegt, um einen oder zwei Söhne nach Europa zu schicken. Mit dem Geld haben wir ein altes Fischerboot gekauft und einen erfahrenen Fischer, der uns damit nach Italien brachte.

"Vor uns muss keiner in Europa Angst haben"

Über 150 Menschen waren auf unserem Boot. Es war viel zu voll und wir hatten schreckliche Angst. Denn die Reise hat ja fast zwei Tage gedauert und unser Kapitän hatte kein GPS, sondern er ist noch nachts nach den Sternen und am Tag nach Kompass gefahren, bis uns ein Schiff der Guardia di Finanza gefunden hat. Sie kamen an Bord, haben uns nur abgezählt und dann zum Hafen begleitet, wo jedem von uns ein Essenspass in die Hand gedrückt wurde. Sie waren und sind sehr freundlich zu uns. Wir waren so glücklich, als wir gerettet waren, weil die Reise so furchtbar war. Viele dachten, wir sterben und kommen nie mehr an.

Jetzt wundere ich mich nur, warum so viel Polizei in dem kleinen Lampedusa ist. Hat die Regierung Angst vor uns? Wir sind doch nicht gefährlich. Wir wollen doch nur Arbeit. Wir machen alles, zu jedem Preis. Gibt es denn hier keine Arbeit, die kein anderer machen will? Wir sind die Hoffnung unserer Familien. Vor uns muss keiner in Europa Angst haben. Wieso denn? Gott hat uns über das Meer gerettet. Gott wird es auch weiter richten. Er wird uns helfen. Alhamdullilah!

Protokoll: Paul Badde