US-Präsidentenwahl

Republikaner suchen nach perfektem Obama-Gegner

Als Kandidaten der Republikaner werden einige alte und viele neue Namen gehandelt. Die meisten winken theatralisch ab, sind aber gern im Gespräch.

Es war am frühen Freitagmittag im Washingtoner Hotel Marriott Wardman. Mitt Romney redete sich gerade in warme Rage gegen Barack Obamas „europäischen“ Sozialismus, als ihn die Weltgeschichte zum Schweigen brachte. Mindestens auf den US-Kabelsendern fiel Romney der Rücktritt Husni Mubaraks ins Wort und blendete ihn aus. Ob der Sturz des Präsidenten dem aussichtsreichsten Bewerber um die amerikanische Präsidentschaft der Republikaner für 2012 Glück bringt, wird sich erweisen, falls und wenn Romney (62) seine Kandidatur erklärt.

Einstweilen führt der frühere Gouverneur von Massachusetts einen kunterbunten Klub von einem guten Dutzend unerklärter Bewerber an, die nur so viel leugnen, dass ihr Medienwert steigt. Romney führt, mit und gegen Sarah Palin, in den einschlägigen Umfragen. Er gilt als wählbar. Geliebt, verehrt, bewundert wird er, anders als Palin in ihren „Grizzly-Mum“-Fankreisen, von Niemandem. Das war schon 2008, neben seinem Mormonentum, Romneys Schwäche, als er im Wettstreit um die Nominierung gegen John McCain verlor. Dieser war auf andere Weise bei der Parteibasis so ungeliebt, dass er in Notwehr die lustig fundamentalistische Sarah Palin aus dem Hut zog. Und mit ihr die Wahl erst recht verlor.

Romney und Trump planen an den Bürgern vorbei

Mitt Romney aber ergriff beim alljährlichen Hochamt der Konservativen in Washington seine zweite Chance, sich in anderen Zeiten weniger unbeliebt zu machen. Der Applaus seines Publikums auf der „Conservative Political Action Conference“ (CPAC) war freundlich, nicht hingerissen. Romneys Pointe, Obama sei vom „Wandel, an den man glauben kann“ zu „Kann man diesen (schrecklichen) Wandel fassen?“ herabgesunken, war gut gemeint. Sarah Palins „Nicht nachgeben, nachladen!“ hat sicher mehr Saft. Dass Amerika, wie Romney schwor, die einzige Ausnahmenation der Freiheit und Hoffnung bleibt (erstaunlicherweise sogar unter einem europäisch-sozialistischen Präsidenten), war sowieso allen Patrioten im Saal klar.

Wirklich allen? Donald Trump, der Immobilienmagnat und Reality-TV-Jobstifter („You're fired!“), hatte als selbst geladener Redner dem CPAC einen Teufel an die Wand gemalt: „Amerika ist die Lachnummer, es ist der Watschenmann der Welt geworden“, rief der Mann mit der unfassbaren Frisur aus. Schuld seien daran Weichlinge wie Obama und Luschen im Kongress, die China nicht als Feind erkennen und entsprechend behandeln. Als erstes werde er eine 25-Prozent-Strafsteuer auf alle chinesischen Einfuhren schlagen, wenn er denn Präsident sei.

Großartig, das gefiele den einfachen Amerikanern, die für fast alle Produkte ein Viertel mehr zahlen dürften, sicher sehr. Im Übrigen, so Trump, sei er gegen Abtreibung, strengere Waffengesetze, „Obamacare“, (das neue Gesundheitsgesetz) und Steuererhöhungen. Im Juni will er sich entscheiden. Trump kam bei den erhitzten Aktivisten der CPAC besser an als Romney. Nur als er Ron Paul, den libertären ewigen Kandidaten als „guten Kerl, aber unwählbar“ charakterisierte, gab es Unmutsgemurmel. Dabei versteht Trump etwas von Unwählbarkeit.

"Rebellin" Palin lässt Parteiobere mit den Zähnen knirschen

Körperlich abwesend, als Geist omnipräsent, war Sarah Louise Palin (47), die sich seit ihren Anfängen in Alaska als Rebellin gegen das Establishment der Partei versteht und nicht bei allen Feiern mittut. Zudem hätte die hochbegabte Selbstdarstellerin, die ohne Amt, nur durch ihre Bestseller, eine Reality-TV-Serie, politische Zwischenrufe per Twitter und die Verehrung der Tea Party zur einflussreichsten Kraft der Republikaner aufstieg, wohl außer Spesen bei der CPAC nichts verdient. Mit fabelhaftem Timing und fragwürdigem Geschmack meldet sich Palin zur Tagespolitik zu Wort, wenn es ihre Fans erwarten.

Manchmal verbrennt sie sich, fast mutwillig, den Mund. Als die Todesschüsse von Tucson die Nation bestürzten und einten, Stunden vor der bewegenden Rede des Präsidenten am Tatort, meldete sich Palin mit dem Vorwurf zu Wort, die liberale Presse verfolge sie mit „Blutanklagen“. Den antisemitisch aufgeladenen Begriff auf sich zu beziehen, verriet so viel blinde Egozentrik und schlechte Beratung, dass die Parteioberen hörbar mit den Zähnen knirschten.

Kaum besser war Sarah Palins Kommentar zu Präsident Obamas Rede „Zur Lage der Nation“. Die Ansprache habe eine Menge lachhafter „WTF“-Momente enthalten, grinste sie. Übersetzt: „What the f***“-Momente. So reden vielleicht angetrunkene Ladies auf der Bowlingbahn im langen Winter von Alaska. Eine Präsidentschaftskandidatin müsste sich gelegentlich den Mund ausspülen und halbwegs staatstragend daherfluchen. Ob Palin, das Mädel aus dem Volk und für das Volk, so reden kann oder auch nur will, ist offen.

Strategen befürchten Spaltung der Republikaner

Ein Wettstreit Palin versus Romney würde die Partei spalten, befürchten Strategen der Republikaner. Er würde die antistaatlichen Überzeugungstäter der Tea-Party-Bewegung, bei den Zwischenwahlen 2010 zu Ruhm und Einfluss gelangt, gegen die moderaten und businessfreundlichen Pragmatiker in die Schlacht schicken. Nur Barack Obama könnte bei dem Blutbad gewinnen. Am besten, so meinen manche Berater, verzichteten Palin wie Romney und überließen Mitch Daniels das Feld. Der Gouverneur von Indiana kann mit dem Establishment wie mit den Fundamentalisten. Er hat in Umfragen nicht die enorm hohen Antipathiewerte, die Sarah Palin verfolgen, und er ist weder Mormone wie Romney, noch hat er dessen „Verrat“ als Brandzeichen im Fell.

So sehen viele Republikaner das von Gouverneur Romney einst für Massachusetts gebilligte Gesundheits-Reformgesetz, das in seiner sozialen Verpflichtung zur Mitgliedschaft in einer Krankenkasse verblüffend an „Obamacare“ erinnert und von Obama süffisant gerühmt wird. Der Multimillionär Romney, beim Arbeiter mit lausigem Highschool-Abschluss und ohne Job so unbeliebt wie alle „elitären Säcke“, kann den in Massachusetts durchaus populären „Verrat“ nicht ungeschehen machen. In seinem Buch „No Apology: The Case for American Greatness“ entschuldigt sich Romney weder für Amerikas Großartigkeit noch sein politisches Erbe. Für Tea-Party-Puristen wäre die Nominierung Romneys der selbstmörderische Irrsinn, den Teufel mit dem Beelzebub austreiben zu wollen.

Republikanische Gouverneure bringen sich Stellung

Wem Romney zu glatt und Palin zu gaga ist, kann unter einer großen Auswahl von republikanischen Gouverneuren wählen. Tim Pawlenty (Minnesota), Mitch Daniels (Indiana), Haley Barbour (Mississippi) lassen ihre Absicht zu kandidieren so matt und kokett dementieren, dass man auf sie zählen darf. Sie alle haben in extrem klammen Zeiten Referenzen einer funktionierenden Staatskanzlei vorzuweisen: sie regieren, sie stimmen nicht nur ab wie US-Senatoren, die sich zu gespreizt aufspielen und – nach John F. Kennedy bis Barack Obama sieglos – bei Präsidentschaftswahlen verlässlich an die Wand laufen.

Die Runde der Einzelstaatenlenker ist nach Belieben zu erweitern durch glaubhaft abwinkende Gouverneure wie Chris Christie (New Jersey) und Rick Perry (Texas); hinzu käme Jeb Bush, von 1999 bis 2007 an der Spitze des Staates Florida, ein Sohn des 41. Präsidenten und der jüngere Bruder des 43. Sollte er eines Tages für das höchste Amt kandidieren, so Jeb Bush (57), dann nur mit allem Stolz auf seine Familientradition. 2016 wäre die Schamfrist ausreichend beachtet, zumal dann Barack Obama nach möglichen zwei Amtszeiten nicht mehr kandidieren könnte.

Gingrich und Huckabee wollen es noch einmal wissen

Selbst diese stattliche Versammlung von potenziellen Kandidaten ist noch nicht vollständig. Newt Gingrich, der einst allmächtige Fraktionschef der Republikaner im Repräsentantenhaus während der frühen Clinton-Jahren, und Mike Huckabee, Pfarrer, Ex-Gouverneur von Arkansas und Darling der religiösen Rechten, lassen sich durch ihre Misserfolge bei den Vorwahlen 2008 kaum abschrecken.

Gingrich hält sich für einen Intellektuellen und macht dieses im Volk nicht beliebte Image vergessen, indem er dauernd Unsägliches sagt. Er schießt aus der Hüfte um jeder Pointe willen und kann dazu als amtlich beglaubigter Heuchler gelten. Niemand verfolgte den elenden Schürzenjäger Bill Clinton unerbittlicher; später stellte sich heraus, dass Gingrich zur selben Zeit seine Frau betrog. Mike Huckabee ist kein übler E-Bassist und ein witziger Debattenredner. Den meisten Amerikanern ist sein frömmelnder Fundamentalismus auch unter dem Firnis seines Humors zu viel.

Newt Gingrich und Mike Huckabee teilen mit Sarah Palin denselben Nachteil: alle drei stehen bei FoxNews, dem rechtslastigen Kampfsender Rupert Murdochs, im Brot. Für viele parteilose Wähler ist das kein Ausweis von Kompetenz, selbst wenn sie ihre Jobs für ihre Bewerbung aufgäben. Doch wenn es schlimm kommt, wenn zu viele Bewerber der Republikaner aufeinander einschlagen, könnte die Partei General David Petraeus aus Afghanistan rufen und ihn gegen seinen Oberkommandierenden aufstellen. Late-Night-Witzbolde hätten ihren Spaß an den ägyptischen Verhältnissen in Amerika.

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