Bibi Aisha

"Time" schockiert mit verstümmelter Afghanin

Das Cover des "Time Magazin" zeigt die 18-jährige Bibi Aisha – mit abgeschnittener Nase. Das Foto soll eine Warnung vor dem Afghanistan-Abzug sein.

Foto: Time Magazine

Seit Wochen scheint die westliche Afghanistan-Front zu bröckeln. Die Niederländer haben ihren Rückzug angekündigt, die Polen wollen bald gehen und der britische „Spectator“ betitelt in seiner letzten Ausgabe einen Artikel über die Afghanistanpolitik der neuen Londoner Regierung mit „Cameron hat Afghanistan aufgegeben“. In den USA ist der Krieg inzwischen zu „Obama’s war“ geworden, schließlich hat der linke Präsident die Zahl der US-Soldaten gegenüber seinem konservativen Vorgänger George W. Bush fast verdreifacht. Wenn nun überall im Westen die Front gegen die Taliban bröckelt, vor allem in der öffentlichen Meinung, dann könnte das tatsächlich der Todesstoß sein für die Anstrengungen, das Land am Hindukusch zu befrieden. Aus Obamas Krieg würde Obamas Niederlage.

Möglicherweise ist das einer der Gründe, warum das politisch eher den Demokraten zuneigende „Time Magazine“ den Kriegsbefürwortern nun auf seinem Cover ein starkes Argument geliefert hat. Das Argument heißt Bibi Aisha und ist 18 Jahre alt. Sie ist Afghanin und hat nicht einmal gewusst, dass es das "Time Magazine" gibt, bevor ihr ein Besucher in dieser Woche jene Ausgabe mit ihrem Bild gebracht hat.

Darauf ist eine junge Frau zu sehen, die den Betrachter selbstbewusst, ja fast herausfordernd fixiert. Nur dass sich inmitten dieses entschlossenen Gesichtes ein Loch befindet: Die Taliban haben Aisha Nase und Ohren abgeschnitten, weil sie vor der prügelnden Familie ihres Mannes geflohen war. Zu diesem Bild titelt „Time“ unmissverständlich und ohne Fragezeichen: „Was passiert, wenn wir Afghanistan verlassen.“

Die Lage der Frauen in Afghanistan ist ein Argument, das sowohl linke wie liberale und konservative Menschenrechtsbewegte seit Jahren ins Feld führen, um gegen einen vorzeitigen Abzug Stellung zu beziehen. Es ist aber noch nie mit solch emotionaler Wucht und so drastisch einem Massenpublikum präsentiert worden. In wenigen Tagen wurde Aishas Foto zu einer Ikone der Afghanistan-Debatte in den USA. Kongress-Sprecherin Nancy Pelosi, die für einen raschen Abzug plädiert, wurde auf ABC von der berühmten Fernsehjournalistin Christiane Amanpour mit dem Cover konfrontiert und dem herausfordernden Satz: „Überlassen wir die Frauen in Afghanistan ihrem Schicksal?“ Pelosi zog es vor, der Frage auszuweichen.

Gerade auf der kriegsskeptischen Linken tut sich eine Kluft auf zwischen dem pazifistischen Lager und denen, die für den Universalismus der Menschenrechte eintreten. Manche Kriegsskeptiker halten das Cover für emotionale Erpressung oder „Kriegspornographie“. Eine Kolumnistin der Huffington Post schreibt, das Frauenargument sei nur ein „Feigenblatt“ und plädiert weiter für Abzug. Ein anderer Kolumnist lobt hingegen die Entscheidung der Times-Redaktion. Die Organisation Pixel Project, die sich gegen Frauengewalt wendet, schreibt: „Aisha’s Porträt ist ein starkes und visuelles Lehrstück, das alle von uns inspiriert und auflädt, um dafür zu arbeiten, dass Gewalt gegen Frauen eliminiert wird, wo immer sie in der Welt stattfindet und mit jenen Mitteln, die uns jeweils zur Verfügung stehen.“

Tatsächlich findet der Krieg ja weitgehend in einem visuellen Nirwana statt. Die meisten Medien scheuen davor zurück, etwa die Kosten des Krieges für den Westen mit drastischen Bildern von getöteten Soldaten oder versehentlich getöteten afghanischen Zivilisten zu untermalen. Genauso, wie auch die archaische Gewalt der Taliban und ihre herzzerreißende Grausamkeit vor den Augen des westlichen Publikums weitgehend verborgen blieb. Die Opfer dieser Gewalt haben jetzt einen Namen und ein Gesicht: das von Bibi Aisha. Sie war aus dem Hause ihres Mannes abgehauen und musste sich dann vor einem Taliban-Kommandeur verantworten. Der verurteilte sie dazu, verstümmelt zu werden. Als abschreckendes Beispiel, um andere Frauen davon abzuhalten, ebenfalls ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen.

Das Urteil wurde von denen vollstreckt, vor denen Aisha zuvor geflohen war. Aisha wurde von ihrem Schwager festgehalten, während ihr Mann ein Messer zog und ihr erst die Nase abschnitt und dann die Ohren. Sie wurde ohnmächtig vor Schmerz, erzählte sie Time. Die Männer ließen sie auf einem Hügel zurück, wo sie sterben sollte. Aber Aisha wachte auf, als sie sich am eigenen Blut verschluckte ­- und überlebte.

Seit Aishas Foto eine Kontroverse in den USA ausgelöst hat, bekommt sie häufiger Besuch von Journalisten. „Ich weiß nicht, ob das den anderen Frauen helfen wird oder nicht“, sagte sie dem Reporter der New York Times. „Ich möchte nur meine Nase zurück“.