Zwei Detonationen

Paketbomben erschüttern vorweihnachtliches Rom

Experten vermuten eine Anarcho-Gruppe hinter den Attentaten auf zwei Botschaften in Rom. Sie fürchten nun um die Sicherheit des Papstes.

Foto: dpa

Einen Tag vor Heiligabend haben zwei Bombenanschläge zwei Auslandsvertretungen in der italienischen Hauptstadt getroffen und die Menschen aus ihren Vorbereitungen für die Festtage aufgeschreckt. Zunächst hatte gegen Mittag die Explosion einer Paketbombe einen 53-jährigen Portier der Schweizer Botschaft schwer an beiden Händen verletzt.

Ein zweiter Angestellter hatte einen Schock erlitten. Der Verletzte wurde in die Poliklinik Umberto I. gebracht, wo er umgehend operiert wurde. Es bestehe für ihn keine Lebensgefahr, doch unter Umständen müssten seine Arme amputiert werden, hieß es in Journalistenkreisen, während die Polizei mit einem Großaufgebot von Spezialisten die Spurensicherung des herrschaftlichen Palazzo im römischen Stadtteil Parioli aufnahm.

Gleich nach dem Anschlag wurde das Schweizer Konsulat in Mailand von der Polizei unter Sonderbewachung gestellt und der Zugang zu dem Gebäude versperrt. In Rom aber waren die Polizisten noch nicht von der Schweizer Botschaft abgezogen, als in der nahen Via Po in der chilenischen Botschaft eine zweite Paketbombe explodierte und auch dort einen Angestellten verletzte.

Stunden vor den beiden Detonationen hatten anonyme Anrufer die Polizei vor einer tickenden Bombe im Bereich des Kapitols gewarnt. Diese Warnung hatte sich als falscher Alarm im vorweihnachtlichen Rom erwiesen, wo die Sicherheitsbehörden ohnehin nervöser als sonst sind, seit am Dienstagmorgen in einem abgestellten U-Bahn-Wagen an der Endstation Rebibbia vom Zugführer Stahlzylinder, Schwarzpulver und Elektrodrähte in einem abgelegten Karton gefunden wurden , jedoch ohne Zünder, der diese Elemente hätte in die Luft jagen können. Völlig unklar ist bei diesem Vorfall bis heute der Urheber, den manche Beobachter schnell mit den Studentenprotesten der letzten Wochen gegen die Studienreform in Verbindung bringen wollten.

Die Ermittler hingegen fühlten sich von diesem Fund eher an eine „demonstrative Geste“ einer „Strategie der Spannung“ erinnert, wie sie früher auch schon Anarchisten und die Mafia benutzt hatten, um die Öffentlichkeit in Krisensituationen mit ihrem zerstörerischen Gewaltpotenzial zu beeindrucken. Im letzten Januar hatte die kalabrische ’Ndrangheta beim Besuch von Staatspräsident Giorgio Napolitano einen mit Sprengstoff präparierten Wagen an der Route des Staatsoberhaupts abgestellt, der nach einer entsprechenden Vorwarnung entschärft werden konnte.

Die Paketbomben in der Schweizer und der chilenischen Botschaft scheinen einen anderen Hintergrund zu haben, obwohl auch hier verschiedenen Quellen zufolge ein anarchistischer Hintergrund angenommen wird, da sich momentan drei italienische Anarchisten in Schweizer Haft befinden. Luca Bernasconi, einer der drei, ist ein Schweizer aus dem Tessin mit Wohnsitz in Italien, der am 15.?April mit seinen Komplizen Silvia Guerini und Constantino Ragusa in einem Wagen voller Sprengstoff unter dem Verdacht festgenommen worden war, in der Schweiz einen spektakulären Anschlag ihrer öko-terroristischen Gruppe vorzubereiten.

Im November waren Paketbomben aus Griechenland an verschiedene Botschaften und Regierungsstellen quer durch Europa verschickt worden. Das Bundeskanzleramt in Berlin war dabei ebenso im Visier wie auch damals schon die Schweizer Botschaft in Rom. Einige Sprengsätze explodierten, andere waren zuvor entdeckt worden. Verletzt wurde damals niemand. Bei dieser Serie wurden griechische Anarchisten als Urheber der Kampagne angenommen. Das könnte auch jetzt der Fall gewesen sein, hieß es in ersten Mutmaßungen, um damit gegen die harten Sparmaßnahmen ihrer Regierung zu protestieren, die den Griechen von Europa abverlangt werden. Nun erhielt der Verdacht im Fall der Schweizer Botschaft durch das Attentat zunächst wieder neue Nahrung, weil das griechische Parlament am Mittwoch das straffe Budget für 2011 verabschiedet hat .

Einen islamistischen Hintergrund – etwa wegen des eidgenössischen Minarett-Verbots – nimmt derzeit in Rom niemand an. Ähnliche Motive sind nach dem Anschlag auf die chilenische Botschaft noch unwahrscheinlicher geworden. Noch ist kein Bekennerschreiben eingegangen. Doch gewiss wird die Schweizer Garde die nächsten Tage im Vatikan in höchster Alarmbereitschaft verbringen. Die Weihnachtsliturgie mit Benedikt XVI. im randvoll gefüllten Petersdom lässt sich unmöglich „steril“ machen. Im letzten Jahr sprang eine verwirrte Frau den Papst über die Barriere an. Für Sicherheitsexperten sind diese Feiern jedes Mal ein Albtraum.

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