Paketbomben

Anarchisten bekennen sich zu Anschlägen in Rom

Eine italienische Anarchistengruppe übernimmt die Verantwortung für die beiden Paketbombenanschläge auf Botschaften in der italienischen Hauptstadt.

Eine italienische Anarchistengruppe hat sich zu den beiden Paketbombenanschlägen auf Botschaften in Rom bekannt. Ihr Bekennerschreiben wurde nach Angaben der italienischen Nachrichtenagentur Ansa in einer kleinen Schachtel gefunden. Diese habe neben einem der beiden Botschaftsmitarbeiter, die bei den Explosionen verletzt wurden, gelegen. Bei der Gruppe handele es sich um die "Federazione Anarchica Informale“. "Wir haben uns entschlossen, von neuem unsere Stimme zu Gehör zu bringen, mit Worten und Taten. Wir zerstören das Herrschaftssystem", heißt es in dem Schreiben, das von einer revolutionären Zelle der anarchistischen Gruppe unterzeichnet ist.

Am Donnerstagmittag war zunächst in der Schweizer Botschaft ein Sprengsatz explodiert. Er verletzte einen 53 Jahre alten Botschaftsangehörigen so schwer, dass er seine linke Hand verlieren könnte. Wenige Stunden später ging in Chiles Vertretung eine Bombe hoch, die ebenfalls einen Mann schwer an der Hand und am Auge verletzte. Beide Männer schweben nach Angaben ihrer Botschaften aber nicht in Lebensgefahr. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Terrorverdachts.

Beide Bomben von der Größe einer Videokassette befanden sich in gelben Umschlägen. Die an die chilenische Botschaft in Rom adressierte Paketbombe wurde nach Behördenangaben in Italien aufgegeben. Bei der Explosion der anderen Paketbombe wurden nach Angaben der italienischen Nachrichtenagentur Ansa dagegen alle Spuren vollständig vernichtet. Für alle Postsendungen an Botschaften in Italien gelten vorerst verschärfte Sicherheitsvorschriften.

Die Ermittler vermuteten schnell italienische Anarchisten hinter den Taten. "Wir verfolgen eine anarchistisch-aufständische Spur“, erläuterte Innenminister Roberto Marini und verwies dabei ausdrücklich auf "ähnliche Ereignisse vom November in Griechenland“. Es gehe um eine äußerst gewalttätige Gruppe, die auch in Spanien und Griechenland aktiv sei und deren Mitglieder engen Kontakt hielten. Italiens Außenminister Franco Frattini und sein deutscher Amtskollege Guido Westerwelle verurteilten die Anschläge scharf.

Eine vermeintliche Paketbombe in der ukrainischen Botschaft in Rom hatte sich als harmlose Grußkarte entpuppt. In Florenz gab es ebenfalls kurzfristig Fehlalarm. Auch bei der EU-Botschaft in Bern gab es Entwarnung. Ein verdächtiges Paket stellte sich nach Angaben der Polizei als harmlos heraus.

In der deutschen Botschaft in Rom habe es "keine Auffälligkeiten“ gegeben, sagte der Gesandte Friedrich Däuble. "Wir haben alle möglichen Sicherheitsmaßnahmen ergriffen und stehen in engem Kontakt mit den italienischen Behörden.“ Däuble sprach auch von einer "relativ glücklichen Lage“, weil das Botschaftsgebäude nun in den nächsten drei Tagen wegen der Weihnachtsfeiertage nahezu verwaist sein wird.

Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin sagte, die Maßnahmen in der Deutschen Botschaft in Rom seien erneut angepasst worden. Generell seien die Schutzvorkehrungen an deutschen Auslandsvertretungen sehr hoch.

Erst Anfang November hatten europaweit verschickte Paketbomben für Aufregung gesorgt. Damals erhielten mehrere Botschaften in der griechischen Hauptstadt Athen sowie das Kanzleramt in Berlin explosive Post. Auf dem Flughafen der italienischen Stadt Bologna ging damals ein Paket in Flammen auf, das an Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi adressiert war. Urheber sollen seinerzeit griechische Linksextremisten gewesen sein. Nach italienischen Medienberichten arbeitet die griechische Polizei mit den Fahndern in Rom zusammen. Die in Rom entdeckten Sprengkörper wiesen Ähnlichkeiten mit den Briefbomben auf, die vor einigen Wochen in Griechenland aufgetaucht waren.

Ins Visier der römischen Ermittler waren aber sofort italienische Anarchisten geraten, denen es möglicherweise um drei in der Schweiz festgenommene Gesinnungsgenossen ging: Constantino Ragusa, Silvia Guerini und Luca Bernasconi. Bernasconi stammt aus dem schweizerischen Tessin, hat aber seinen Wohnsitz in Italien. Die drei sollen am 15. April unter dem Verdacht verhaftet worden sein, einen Anschlag auf den Schweizer Sitz des US-amerikanischen IT-Konzerns IBM vorbereitet zu haben. Zitiert wurden in italienischen Medien zudem Schweizer Behörden, wonach das Trio einer öko-terroristischen Gruppe mit dem Namen "Il Silvestro“ angehöre. In ihrem Wagen seien damals beachtliche Mengen an Sprengstoff gefunden worden.

Der chilenische Botschafter in Italien, Oscar Godoy, äußerte sich tief bestürzt. "Was in unserer Botschaft passiert ist, war ein Akt des Terrorismus, absolut irrational und brutal“, sagte Godoy. Das Päckchen sei an die Kulturabteilung der Botschaft adressiert gewesen. "Uns ist unerklärlich, warum wir auf diese Art und Weise angegriffen wurden“, sagte der Diplomat: "Überall war Blut.“ In den vergangenen Wochen war immer wieder vor islamistischen Terroranschlägen in Europa gewarnt worden. Erst am Dienstag hatte ein verdächtiges Päckchen in Roms U-Bahn für Aufregung gesorgt. Bürgermeister Gianni Alemanno gab wenige Stunden später jedoch Entwarnung. Das Päckchen sei nicht explosiv gewesen.

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