Krieg in Afghanistan

Die Bundeswehr bettelt um Kampfhubschrauber

Die Bundeswehr hofft noch immer auf moderne Tiger-Hubschrauber. Längst machen die Franzosen damit erfolgreich Jagd auf Taliban.

Da stand der Mann nun vor dem Hubschrauber – und streichelte ihn. Pilot Erik E. (30) wollte schon fragen, ob er irgendwie helfen könne. Der Staffelkapitän der französischen Heeresflieger war gerade aus einem Einsatz in Afghanistan zurückgekommen und nahm nun mit seinem Tiger an einer Armeeveranstaltung teil.

Plötzlich ging dieser merkwürdige Besucher noch ein Stück dichter an den Helikopter heran – und küsste die olivgrün-braune Außenhaut des Helikopters. Auch er sei gerade aus Afghanistan heimgekehrt, erklärte der Mann dem verwunderten Major. „Und der Tiger hat mir im Einsatz das Leben gerettet.“

Mehr als 1200 Flugstunden hat der Kampfhubschrauber für die französische Armee schon im Einsatz absolviert, seit August 2009 fliegt sie mit drei Tiger-Hubschraubern in Afghanistan. Die deutschen Soldaten könnte eine solche Unterstützung aus der Luft ebenfalls dringend gebrauchen. Nur: Deutsche Bürokratie und Gründlichkeit verhinderten bislang, dass die Truppe aus der Luft geschützt wird.

Zwar hat das Verteidigungsministerium vor elf Jahren schon 80 EC 665 Tiger bei der EADS-Tochterfirma Eurocopter bestellt. Doch bisher fliegt kein einziger im Auslandseinsatz. Die Bundeswehr stoppte im Juli die Abnahme der rund 40 Millionen Euro teuren Fluggeräte, nachdem sie aufgescheuerte Kabel als Sicherheitsrisiko eingestuft hatte.

Über die Gründe streiten Politik und Industrie seitdem heftig. Während die eine Seite technische Mängel beanstandet, kritisiert die andere die zu strengen Zulassungsregeln in Deutschland.

Gleichzeitig steht die Bundeswehr vor einer gefährlicher werdenden Phase ihres Engagements in Afghanistan – in der ihr der Tiger wichtige Dienste leisten könnte. Als im April binnen zwei Wochen sieben Soldaten fielen, mussten US-Hubschrauber die Verletzten in Sicherheit bringen. Seitdem verschärft sich die Kritik an der Ausrüstung der Bundeswehr.

Erklärtes Ziel der militärischen Spitze ist es nun, im zweiten Quartal 2012 vier Tiger nach Nordafghanistan zu verlegen – zu einem Zeitpunkt, an dem Außenminister Guido Westerwelle (FDP) schon mit dem Abzug begonnen haben möchte. Nach jahrelangen Lieferverzögerungen hat Eurocopter jetzt zumindest zugesagt, innerhalb von 18 Monaten nach Eingang der konkreten Bestellung die Tiger in einer Afghanistan-tauglichen Version zu liefern, ausgerüstet etwa mit speziellen Sandfiltern und zusätzlicher Panzerung.

Für den neuen Unterstützungshubschrauber (UH) sind im Verteidigungshaushalt 2011 zwar schon 310 Millionen Euro eingeplant. Doch: Eine konkrete Bestellung gibt es bisher nicht. Zunächst müsse das Kabelproblem gelöst werden, heißt es im Ministerium.

Schwierigkeiten mit Scheuerstellen hatten die Franzosen auch. Die Armee hat sie aber vergleichsweise unbürokratisch gelöst. Mit Ankunft der ersten Tiger auf dem militärischen Teil des Flughafens in Kabul traten dort zwei Eurocopter-Mitarbeiter ihren Dienst an. Sie fanden gemeinsam mit den Armeeinspekteuren eine Lösung, die Kabel wurden schlicht anders verlegt. Seitdem profitieren die 3700 französischen Kameraden, die das Gebiet östlich der Provinz Kabul kontrollieren, von den Vorteilen ihres Tiger-Hubschraubers.

Colonel Alain Bayle, der Kommandeur des Helikopterbataillons, schwärmt von einem „zuverlässigen und ausdauernden Fluggerät“ und lobt auch die psychologische Wirkung; er nennt sie „Tiger-Effekt“. „Der setzt ein, sobald der Hubschrauber nur im Anflug ist, noch bevor er überhaupt seine Waffen eingesetzt hat“, sagt Bayle. „Dann wird es ruhig im Feld, man spürt die Angst der Taliban.“

Zehn bis 15 Minuten hätten die Bodentruppen danach Zeit, sich im Gefecht zu organisieren. „Der Feind weiß, dass der Tiger viele Möglichkeiten hat, ihn zu sehen und ihn zu zerstören“, sagt auch Colonel Jérôme Goisque, Kommandeur der Battlegroup Bison und Chef der Forward Operation Base in Tora, rund 15 Flugminuten von Kabul entfernt. „Für unsere Leute ist es psychologisch sehr wichtig, den Tiger über sich zu wissen.“

Nach fast anderthalb Jahren Einsatzerfahrung spricht in der französischen Armee heute niemand mehr von Kabelproblemen. Und eigentlich ist diese Kinderkrankheit auch bei der deutschen Hubschrauberversion längst behoben. Seit Bekanntwerden der Scheuerstellen wurden zwei von insgesamt 13 bisher gelieferten Vorserienmodellen ausgiebig inspiziert.

Ein Expertenteam hat die Tiger auseinandergenommen. „Bisher gibt es keinen negativen Befund“, sagt ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Der endgültige Inspektionsbericht solle demnächst vorgelegt werden. Danach sei zu erwarten, dass die Auslieferung von Serienhubschraubern noch in diesem Jahr anläuft. Und dass der Tiger Anfang 2011 zumindest die Zulassung für Deutschland erhält. Bis Ende Januar sollen fünf Helikopter ausgeliefert sein, weitere sieben noch im Laufe des Jahres.

Oberst Ulrich Ott ist bisher durchaus zufrieden. „Sieht man von den Schwierigkeiten bei der Einführung des Waffensystems einmal ab, zum Beispiel den Problemen mit den Kabeln, so haben wir durchweg positive Erfahrungen sammeln können“, sagt der Kommandeur des Kampfhubschrauberregiments 36 in Fritzlar, wo seit August 2008 Tiger getestet werden.

Bis die deutschen Tiger aber tatsächlich über Nordafghanistan fliegen, muss die Bundeswehr dort noch auf die Unterstützung von 40 amerikanischen Kampf- und Transporthubschraubern zurückgreifen, die die USA im Sommer nach Masar-i-Scharif geschickt haben. Dazu gehören zehn Apache, die in puncto Kampftauglichkeit mit dem Tiger durchaus vergleichbar sind.

Dass die US-Armee den Deutschen überhaupt aushelfen muss, hat neben den Kabelproblemen noch ältere Gründe. „Das Gesamtprojekt liegt fünf Jahre hinter dem vereinbarten Zeitplan, und für die Verzögerungen ist hauptsächlich die Industrie verantwortlich“, erklärt ein Sprecher des Ministeriums. Bis Ende 2010 sollten eigentlich 75 Hubschrauber ausgeliefert sein, doch bisher seien es erst 13 in der Vorserienversion.

Eurocopter-Chef Lutz Bertling räumt denn auch ein, dass seine Firma anfangs „Zusagen gemacht hat, die technisch zu weit gingen“. Schuldzuweisungen akzeptiert Bertling allerdings nur bis Dezember 2008. Vor zwei Jahren nämlich hat die gemeinsame Beschaffungsagentur OCCAR für beide Varianten des deutsch-französischen Entwicklungsprojekts die sogenannte Typenqualifizierung erlassen. Frankreichs Behörden erteilten daraufhin umgehend die staatliche Zulassung, ein halbes Jahr später landeten die ersten Helikopter in Kabul. In Deutschland dauert das alles viermal so lange.

Zu spät, zu teuer, oft fehlerhaft – diese Merkmale prägen derzeit mehrere Rüstungsprojekte der Bundeswehr. Zu diesem Schluss kam im Oktober auch die Strukturkommission unter BA-Chef Frank-Jürgen Weise, die Vorschläge für grundlegende Reformen vorlegte. Da sich über die bis zu 30 Jahre dauernden Projektlaufzeiten oft die politische Interessenlage und der militärische Bedarf änderten, solle künftig – wo immer verantwortbar – auf verfügbare Technologien aus anderen Ländern zurückgegriffen und auf deutsche Sonderlösungen „mit Goldrand“ verzichtet werden.

Als „Eier legende Wollmilchsau“ bezeichnen manche Fachleute den deutschen Tiger. Zum Beispiel reicht sein Funk weiter als der des französischen, und er hat bessere Sichtgeräte. Mit dem Mastvisier, das oben auf dem Rotor sitzt, können Pilot und Bordschütze den Feind sogar aus einer Deckung heraus sichten.

Der französische Tiger zielt dafür effektiver mit seinem beweglichen 30-Millimeter-Bordgeschütz, das direkt in der „Schnauze“ steckt. Die Franzosen hielten, als sie sich für ihre Kampfversion entschieden, diese Bewaffnung für eine realistische Antwort auf die asymmetrischen Bedrohungen des 21. Jahrhunderts. Die deutschen Spitzenmilitärs hingegen blieben bei ihrer Bestellung aus den 80er-Jahren, die sie lieber Unterstützungs- als Kampfhubschrauber nennen.

Experten halten diese Version jedoch längst für überholt: Ein Fluggerät, das Panzerarmeen zerschlagen kann, sei heute nicht mehr notwendig – und für den Kampf gegen die Taliban in Afghanistan nur bedingt geeignet. Noch in diesem Jahr bot Eurocopter der Bundeswehr an, auf die französische Tiger-Variante umzuschwenken. Doch das Ministerium lehnte ab.

Eine Umrüstung hätte „deutlich den Zeitrahmen überschritten“; außerdem brauche man keinen ausschließlich für Afghanistan gedachten Hubschrauber, sondern denke bei diesem Vier-Milliarden-Euro-Projekt auch an andere mögliche Bedrohungsszenarien, heißt es in der Behörde. Den deutschen Soldaten am Hindukusch ist damit nicht geholfen.