"To Kill a Mockingbird"

Roman-Klassiker soll wegen "Nigger" auf den Index

"Wer die Nachtigall stört" gilt als Meisterwerk. Doch nun soll der 50 Jahre alte Roman aus dem Lehrplan verschwinden.

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Die Nation verbeugt sich vor einem Buch, das seit 50 Jahren als Fackel der Aufklärung im Kampf gegen Vorurteile und Rassismus gilt, und ausgerechnet ein linksliberaler Lehrer fordert, es aus dem Curriculum der Schulen zu streichen. Harper Lees weltbekannte Novelle „To Kill a Mockingbird“ sei den Schülern nicht mehr zuzumuten, sagt John Foley, der an der Ridgefield Highschool in Washington unterrichtet, und er begründet das mit der Verwendung des in den USA als unaussprechlich indizierten „N-words“.

Volle 48 Mal taucht der Begriff „Nigger“ in dem Roman über einen Mordprozess gegen einen Schwarzen in den Südstaaten auf, der 1960 erschien. „Es ist Zeit, die Literatur zu überprüfen, die wir in den Klassenzimmern unserer Highschools verwenden“, sagt der 49-jährige Foley mit Blick auf die Wahl des Afroamerikaners Barack Obama zum Präsidenten. „Mancher mag das Renegatentum nennen. Ich nenne es gesunden Menschenverstand. Lasst uns seinem Vorbild folgen und den Wandel wagen, um das N-Wort aus dem Lehrplan zu streichen.“

„To Kill a Mockingbird“ – mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet, weltweit übersetzt, ins Deutsche unter dem Titel „Wer die Nachtigall stört“ (im Original handelt es sich um die Spottdrossel, einen amerikanischen Nationalvogel). Gregory Peck, Hauptdarsteller in der Verfilmung von 1962, bekam einen Oscar für die Darstellung des geradlinigen Anwalts Atticus Finch.

Die Handlung ist angesiedelt im Alabama der 30er-Jahre und ist von Tatsachen aus dem Leben der Autorin inspiriert, die heute mit 84 Jahren völlig zurückgezogen in ihrem Geburtsort Monroeville in eben jenem US-Bundesstaat Alabama lebt, von dem auch das Buch handelt. Geschrieben ist es aus der Perspektive von Jean Louis „Scout“ Finch, der achtjährigen Tochter des Anwalts.

Auszeichnungen für die Autorin

Die Vergewaltigung einer jungen Weißen erschüttert einen Ort in der Provinz. Der Tat beschuldigt wird der Schwarze Tom Robinson. Anwalt Finch übernimmt die Verteidigung und wird deshalb mitsamt seinen Kindern von den Nachbarn unbarmherzig angefeindet. Er kann Robinsons Unschuld glaubhaft machen, aber die weißen Geschworenen verurteilen ihn dennoch. Bevor Finch in die aussichtsreiche Revision gehen kann, wird sein Mandant bei einem Fluchtversuch erschossen.

Es versteht sich, dass Finch, eine reine und über jeden Zweifel erhabene Heiligengestalt, das N-Wort nicht verwendet. Er tadelt auch seine Tochter, die den diskriminierenden Begriff zunächst anderen Kindern nachplappert, sich aber vom Vater rasch belehren lässt.

Alle Präsidenten haben dem Buch und der Autorin ihre Reverenz erwiesen. Lyndon B. Johnson nahm Harper Lee in das National Council of Arts auf. George W. Bush zeichnete sie im November 2007 mit der Freiheitsmedaille aus. Die Londoner „Times“ berichtete 2008 über eine Auktion, auf der ein vom damaligen Senator Barack Obama signiertes Exemplar des „Mockingbird“ für 1250 Pfund versteigert wurde.

„Sie hat das Denken der Menschen verändert“, lobte die damalige First Lady Laura Bush 2003 die Schriftstellerin. Das Buch flankierte den Weg der Bürgerrechtsbewegung, die den Schwarzen Gleichberechtigung in der amerikanischen Gesellschaft erstritt. Es geht aber nicht nur um Rassismus, sondern um Toleranz insgesamt gegenüber Minderheiten und Sonderlingen. Fast jeder Schüler hat in den vergangenen Jahrzehnten den Klassiker gelesen.

Kritik vor allem von Linken und Liberalen

Bemerkenswert ist, dass die Kritik heute vor allem von linker und liberaler Seite kommt. Dabei war der „Mockingbird“ mit seinem Bild einer verstockten und reaktionären weißen Mehrheitsgesellschaft im Süden der USA zunächst vielen Konservativen ein Dorn im Auge. Es sei als negatives Stereotyp überzeichnet, meinten sie. Der konservative Romancier Thomas Mallon bemerkte damals süffisant, mit dem „Mockingbird“ sei alles in Ordnung, solange sich die Leser bewusst seien, „dass sie ein Kinderbuch lesen“, ein „nettes Buch, aber eben auch nicht mehr“.

Ein nettes Buch? Wohl kein zweiter Titel im Kanon der Schulliteratur in den USA wurde so oft von Lehrern geächtet. Die Pädagogen berufen sich zumeist auf Beschwerden ihrer Schüler oder deren Eltern. In den 90er-Jahren strich eine Schule in New Brunswick im Bundesstaat New Jersey mit dieser Begründung die Lektüre aus dem Unterricht.

Im kanadischen Nova Scotia gab es zeitgleich einen ähnlichen Vorstoß. Die Terminologie setze Schüler „verletzenden Erfahrungen“ aus, die „ihre Selbstachtung oder die Achtung vor ihren Mitschülern gefährden“, lautete die Begründung.

Im März 2009 erregte sich eine 16-jährige Schülerin des Holy Family RC College im englischen Heywood bei Manchester über eine Bühnendarstellung des Stücks an ihrer Schule und blieb zehn Tage lang dem Unterricht fern. Ihre Gefühle seien verletzt, erklärte Tinashe M. Im kanadischen Brampton strich Kevin McGuire, Leiter der katholischen St. Edmund Campion Secondary School, das Werk aus dem Lehrplan der zehnten Klasse. Ein Elternteil eines Schülers habe sich – mündlich – beschwert über den Begriff „Nigger“.

Auch "Huckleberry Finn" umstritten

John Foley von der Ridgefield Highschool, der neueste Jäger der Spottdrossel, versteht diese Reaktionen auf eine Sprache, die in den 60er-Jahren verbreitet war, aber längst verpönt ist. Er will nicht nur den „Mockingbird“ aus dem Highschool-Kanon streichen, sondern auch beispielsweise Mark Twains „Huckleberry Finn“. Dort taucht das N-Wort sogar 200 Mal auf.

Doch es geht nicht nur um einen Begriff. Das wohlmeinende Buch wurde aus einem Zeitgeist geboren, in dem Schwarze eher als Objekte denn Subjekte der Handlung auftauchen. Der so tugendhafte wie schlichte Tom tut nicht viel zu seiner Verteidigung. Der denkende und agierende Part ist sein weißer Anwalt. Die „Negroes“ sind ängstliche, abergläubische Gestalten, und ihre positiven Charaktereigenschaften beschränken sich auf Ehrlichkeit und Dienstbeflissenheit gegenüber den Weißen.

Der Paternalismus der Autorin wirkt heute antiquiert und diskriminierend. Andererseits ist Calpurnia, die schwarze Haushälterin der Familie Finch, nicht nur pflichtbewusst und ordentlich. Sie justiert vielmehr den moralischen Kompass der Ich-Erzählerin „Scout“, indem sie das Mädchen zurechtweist, als diese sich über ihren Mitschüler Walter, den Sohn ärmlicher Weißer, erhebt und ihn von der heimischen Mittagstafel ausschließen will.

Bei Verfechtern der „political correctness“ erregt auch das allzu verständnissinnige Verhalten von Atticus Finch Aversionen. Er ist der neutestamentarische Typ, der die zweite Wange hinhält, wenn ihm auf die erste geschlagen (oder im konkreten Fall gespuckt) wird. Und er sagt seinen Kindern, die gegenüber den Schwarzen so gnadenlos agierenden weißen Nachbarn blieben dennoch ihre Freunde. Niemand sei nur schlecht, und den Ku-Klux-Klan müsse man nicht so ernst nehmen.

Kontroverse ist politisch brisant

Die Kontroverse über den „Mockingbird“ gewinnt an Brisanz, wenn sie als Waffe im Kampf der politischen Lager eingesetzt wird. In der „Washington Post“ wurde jüngst die Republikanerin Sarah Palin mit einem der unsympathischen weißen Charaktere der Novelle verglichen.

Warum darf man eine Spottdrossel nicht töten? Das, erklärt Atticus Finch seinen Kindern, sei eine Sünde, und eine Nachbarin ergänzt, dass Spottdrosseln „nichts tun, als ihre Herzen für uns auszusingen“. Es wäre wohl ebenso eine Sünde, die große Erzählung „To Kill a Mockingbird“ zu verbieten, weil die Autorin Harper Lee uns ihr Herz in einer Tonart ausgesungen hat, die nicht mehr die unsere ist.