Ein russischer Militärsatellit nähert sich einem kommerziellen Aufklärungssatelliten auf wenige Hundert Meter. Was wie eine Szene aus einem Science-Fiction-Film klingt, hat der Satellitenbeobachter Marco Langbroek als einer der ersten anhand von untersuchten Bahndaten veröffentlicht.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Das Ziel der Annäherung: ICEYE-X36. Der Radarsatellit gehört zur US-Tochter der finnischen Firma ICEYE, die unter anderem die Ukraine mit Aufklärungsdaten versorgt. Inzwischen hat sich der russische Satellit Kosmos 2612 wieder entfernt. Die USA verurteilten das Manöver am vergangenen Mittwoch bei den Vereinten Nationen als gefährlich und rücksichtslos. Russland bezeichnete seine Aktivitäten dagegen als friedlich. Lesen Sie hier: Elon Musks Starlink-Satelliten behindern Erforschung des Alls.
Forscher Langbroek, der an der niederländischen Technischen Universität Delft lehrt, erklärt im Interview mit unserer Redaktion, warum selbst Ausweichen gefährlich sein kann, was hinter dem Manöver stecken könnte – und welche Risiken er für Elon Musks Starlink-Netz sieht.
Russischer Satellit nähert sich ICEYE-X36: Was die Bahndaten zeigen
Was macht die Annäherung von Kosmos 2612 an ICEYE-X36 so ungewöhnlich?
Bei früheren Vorfällen blieben die Satelliten deutlich weiter entfernt – mehrere zehn Kilometer. Diesmal näherte sich der russische Satellit auf wenige Hundert Meter, möglicherweise sogar noch näher.
In Berichten ist von nur 26 Metern Abstand die Rede. Wie zuverlässig ist diese Zahl?
Solche Werte sind wenig aussagekräftig. Sie beruhen auf Berechnungen zu den beiden Umlaufbahnen. Die Unsicherheiten dieser Bahnen sind aber deutlich größer als 26 Meter: Sie liegen in der Größenordnung mehrerer Hundert Meter. Außerdem manövrierte Kosmos 2612 zum Zeitpunkt der größten Annäherung. Das schafft zusätzliche Unsicherheit.
Was wir sagen können: Die beiden Satelliten kamen einander auf wenige Hundert Meter nahe. Möglicherweise war der Abstand noch geringer, aber das können wir nicht zuverlässig feststellen.
Wie Satelliten im Weltraum angegriffen werden können
Was könnte ein Satellit aus solcher Nähe anrichten – und was wissen wir über die Fähigkeiten von Kosmos 2612?
Welche dieser Möglichkeiten Kosmos 2612 besitzt, bleibt Spekulation. Wir haben in den vergangenen Jahren beobachtet, wie russische Satelliten mit dem Abschießen von Projektilen im Weltraum experimentierten. Man könnte den eigenen Satelliten auch in den anderen steuern – was hier bislang nicht geschehen ist. Weitere Möglichkeiten wären ein elektromagnetischer Impuls, der dessen Elektronik zerstört, oder ein Laser, der ihn beschädigt.
Und was noch?
Man könnte eine Wolke aus Metallpartikeln freisetzen, die seine Elektronik beeinträchtigt. Oder eines seiner Solarmodule weiß ansprühen. Das hätte einen doppelten Effekt: Die Stromversorgung durch dieses Modul würde reduziert. Außerdem würde der Strahlungsdruck des Sonnenlichts unterschiedlich auf das besprühte und das unbehandelte Modul wirken. Dadurch könnte der Satellit ins Taumeln geraten. Auch ließen sich seine Signale vorübergehend mit einem starken Funksignal stören.
Kann ein verfolgter Satellit ausweichen?
Man kann nur sehr wenig tun. Wenn man manövriert, folgt einem der andere Satellit einfach. Die Manöver verbrauchen Treibstoff und verkürzen dadurch die Betriebsdauer des eigenen Satelliten. Außerdem beeinträchtigen sie währenddessen seine reguläre Nutzung. Wenn ein anderer Satellit so nahe ist, besteht beim Manövrieren zudem die Gefahr eines Zusammenstoßes. Die Betreiber von ICEYE-X36 haben sich in diesem Fall sehr klug dafür entschieden, nichts zu tun und keine Ausweichmanöver durchzuführen.
Sie halten weitere Annäherungen für möglich. Wie besorgt sind Sie?
Ich bin weiterhin besorgt, solange das Ziel dieser Manöver unklar bleibt und Kosmos 2612 auf einer sehr ähnlichen Umlaufbahn in der weiteren Umgebung bleibt. Von dort aus kann er leicht wieder zu ICEYE-X36 zurückmanövrieren. Was wir gesehen haben, könnte eine Generalprobe gewesen sein, um zu testen, wie die ICEYE-Betreiber reagieren.
Was wären Signale für eine Eskalation?
Von einer weiteren Eskalation würde ich sprechen, wenn es Anzeichen dafür gäbe, dass ICEYE-X36 getroffen wurde: etwa plötzliche Veränderungen seiner Umlaufbahn bei einer nahen Begegnung oder die Entdeckung von Trümmern. Auch wenn ICEYE einen Funktionsverlust meldet, würde das auf einen tatsächlichen Angriff hindeuten.
Könnte Russland auch Starlink-Satelliten angreifen?

Könnte Russland mit dieser Taktik auch Starlink gefährden?
Es ist schwieriger, die gesamte Starlink-Konstellation auszuschalten. Starlink nutzt allerdings Bahnebenen, in denen viele Satelliten auf derselben Umlaufbahn unterwegs sind. Wenn bei einem Angriff auf einen Satelliten Trümmer entstehen, verteilen sie sich entlang der Bahnebene. Dadurch könnten leicht weitere Starlink-Satelliten in derselben Bahnebene ausgeschaltet werden.





