In der zweiten und letzten Debatte wurde noch einmal klar, was alles auf dem Spiel steht: Keine 48 Stunden vor der entscheidenden Runde der Präsidentschaftswahl in Brasilien duellierten sich der linke Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva und der rechtsextreme Senator Flávio Bolsonaro am Freitagabend ein weiteres Mal. Dabei ging es gesitteter, inhaltsreicher und vernünftiger zu als noch fünf Tage zuvor. TV Globo übertrug die Debatte live aus Rio de Janeiro – und die Kandidaten gingen mit dem laut Umfragen knappsten Abstand des gesamten Wahlkampfs in dieses zweite direkte Aufeinandertreffen.

Stichwahl in Brasilien: Knappes Rennen erwartet

Laut der am Donnerstag veröffentlichten jüngsten Wählerbefragung von Datafolha liegen beide Kandidaten exakt gleichauf bei 50 Prozent. Lula hatte die erste Runde der Wahl vor drei Wochen überraschend verloren. Das könnte ein schlechtes Omen für seine Erfolgsaussichten in der zweiten Runde sein: Seit Brasiliens Rückkehr zur Demokratie Mitte der 1980er-Jahre hat noch kein Zweitplatzierter des ersten Wahlgangs je die anschließende Stichwahl gewonnen.

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Diese Vorahnung könnte auch das Auftreten der Kandidaten in der letzten Debatte beeinflusst haben: Lula trat bestimmt, aber ruhiger auf, während Bolsonaro vor allem versuchte, sich ein gemäßigtes Profil zu geben. Dieses Mal enthielt das Debattenformat eine „Anti-Spot-Regel“ – eine Forderung aus Lulas Wahlkampflager, nachdem Bolsonaro während der Sonntagsdebatte hinter dem Rücken des Präsidenten gestikuliert hatte, während dieser sprach. Im zweiten Teil der mehr als zweistündigen Debatte kam es zu gegenseitigen Vorwürfen wegen Lügen und Korruption, begleitet von einigen erhitzten Wortwechseln.

Amtsinhaber Lula warnt vor Herausforderer Bolsonaro

Erste Analysten sehen die Debatte, die eine Rekordzuschauerzahl verzeichnete, ohne klaren Sieger. Der linke Amtsinhaber verzeichnete einen Punktsieg, aber ob es reicht, am Sonntag zum vierten Mal eine Präsidentschaftswahl zu gewinnen, ist ungewiss. Zum Ende der Debatte sagte Lula: „Entweder wir erhalten die Demokratie am Leben oder ein Milizionär wird dieses Land regieren.“ Damit spielte Lula auf die Nähe der Familie Bolsonaro zum organisierten Verbrechen an. 

Dennoch könnte Bolsonaro die Wahl heute für sich entscheiden. Und dabei geht es um weit mehr als nur die Neuvergabe des Präsidentenamtes. Ob es Amtsinhaber Lula (80) oder der Rechtsextreme Bolsonaro (45) den Sieg holt, hat vor allem Bedeutung für die Demokratie im größten und wichtigsten Land Lateinamerikas. Aber die Abstimmung entscheidet auch darüber, ob sich die Region noch weiter nach rechts neigt.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Zudem hat das Land längst strategisches Gewicht in den globalen Handlungsfeldern Ernährungssicherheit, Energiesicherheit und Klimapolitik. Es ist daher auch weit über die Grenzen Brasiliens hinaus relevant, wer in dem südamerikanischen Land regiert. Denn die dortigen Machthaber entscheiden auch über das Schicksal des Amazonas-Regenwaldes, der die grüne Lunge der Welt und ein entscheidendes Element für die Verlangsamung des Klimawandels ist. 

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Brasilianische Schriftstellerin Eliane Brum: „Die Demokratie steht auf dem Spiel“

Es handele sich nicht um normale Wahlen und einen Wettstreit zwischen „links“ und „rechts“, warnt in einem Essay auch die brasilianische Schriftstellerin Eliane Brum. „Es gibt keinen Raum für Neutralität, wenn die Demokratie selbst, das Überleben des Amazonasgebiets und das Schicksal vieler Menschen auf dem Spiel stehen.“ Brasilien drohe das Abgleiten in den Faschismus, schreibt Brum.

„Die Vergangenheit der Familie Bolsonaro“ und die Aktualität zeigten, „dass der Bolsonarismus darauf abzielt, sich dauerhaft an der Macht zu halten.“ Ex-Präsident Jair Bolsonaro habe es 2023 durch einen klassischen Staatsstreich versucht. Sein Sohn Flávio könne es durch die Zerstörung der Demokratie von innen heraus versuchen, indem er die Verfassung aushöhlt und die staatlichen Institutionen unter Kontrolle bringt.

Brasilien steht vor einer wichtigen Wahl – doch der Wahlkampf war inhaltsleer

Gemessen an der Bedeutung dieses Urnengangs war der Wahlkampf seit dem 4. Oktober erschreckend inhaltsleer. Neue Ideen oder entscheidende Impulse gab es nicht. Im Gegenteil. Im ersten direkten Aufeinandertreffen in einer TV-Debatte überzogen sich beide Bewerber gegenseitig mit Beleidigungen, Anfeindungen und Vorwürfen. Die Debatte glich einer Schulhofrauferei. Keinem der beiden Kandidaten gelang es, die unentschiedene Wählerschaft anzusprechen, die auf sieben Prozent geschätzt wird. Erst am Freitag erfuhren die Menschen etwas über die Pläne der Kandidaten bei wichtigen Themen wie Wirtschaft und Umwelt.

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Lula da Silva ließ seit der Erstrundenniederlage nichts unversucht, den Spieß in der Stichwahl noch umzudrehen. Er mobilisierte die Menschen bei Massenveranstaltungen, entdeckte die lange vernachlässigten sozialen Netzwerke für seine Kampagne, verteilte Geld über eine Einmalzahlung von 5000 Real (rund 875 Euro) an Kleinunternehmer und ermöglichte kostenlose Busfahrten an den Wochenenden.  

Zudem zog er die Auszahlung der Gelder aus dem Sozialprogramm „Bolsa Familia“ vor, um so die „außergewöhnlichen Risiken“ im Zusammenhang mit dem Klimaphänomen El Niño abzumildern. Damit werden nun alle Berechtigten die Gelder vor der Stichwahl am Sonntag bekommen. Eigentlich hätte etwa die Hälfte der Millionen berechtigten Familien die Zahlung im Monat Oktober nach der Stichwahl erhalten. Lula hatte das Programm 2003 ins Leben gerufen. Es richtet sich an einkommensschwache Familien und ist etwa für Ausgaben für die Bildung der Kinder gedacht. Für den Linkspräsidenten liegt der Schlüssel für einen Wahlsieg darin, die 33 Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer an die Wahlurnen zu bringen, die in der ersten Runde nicht abgestimmt haben.