Gewalt, Chaos, Massenproteste: In mehreren Städten in Frankreich ist es am vergangenen Wochenende zu schweren Ausschreitungen gekommen. In Mailand eskalierte die Lage rund um den Dom. Wie groß ist die Gefahr, dass die Protestwelle auch auf Deutschland übergreift? Fragen und Antworten.

Was ist die Ursache der französischen Proteste?

Am 21. September blockieren Schülerinnen und Schüler das Gymnasium Antoine de Saint-Exupéry nahe Paris. Sie sind wütend, weil weder die Stelle der stellvertretenden Schulleitung noch die einer Schulkrankenschwester wieder besetzt wurde. Die Aktion bekommt in den sozialen Netzwerken viel Aufmerksamkeit, andere Schulen schließen sich dem Protest an. Durch die Vorstellung des französischen Haushaltsplans für das Jahr 2027 ist die Stimmung ohnehin aufgeheizt. Premierminister Sébastien Lecornu kündigte Kürzungen in Höhe von 54 Milliarden Euro an.

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Wie kam es zur Eskalation am vergangenen Wochenende?

Am 29. und 30. September weiten sich die Proteste weiter aus. Inzwischen sind 400 Schülerinnen und Schüler dabei. Es kommt zu ersten Festnahmen, dem Einsatz von Tränengas und verletzten Demonstranten. Die Stimmung schaukelt sich immer weiter hoch, weitere Schulen, Gewerkschaften und Parteien schließen sich den Protesten an. Bei den Forderungen geht es inzwischen nicht nur um das schlechte Bildungssystem, sondern auch um hohe Preise für Alltagsgüter. Am 17. Oktober eskaliert die Lage. In Limoges brennt ein historisches Rathaus ab, in mehreren Orten plündern Vermummte Geschäfte. Landesweit werden laut französischem Justizministerium am Wochenende 2331 Menschen in Gewahrsam genommen. Allerdings demonstrieren auch rund eine halbe Million Menschen in Frankreich friedlich. Um eine weitere Eskalation zu vermeiden, kündigt die Regierung am Montag lokale Ausgangssperren an. Die Behörden sind angewiesen, am Abend entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, der Louvre bleibt geschlossen.

Proteste in Frankreich
Ein Demonstrant rennt durch Tränengas, während es auf einem Flohmarkt erneut Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Polizeibeamten in Paris gibt.© AP/dpa | Emma Da Silva

Greifen die Proteste auch auf andere Länder über?

Die Proteste finden in ganz Europa Ableger, etwa in Belgien, Portugal und vor allem Italien. Nach schweren Ausschreitungen in Mailands Innenstadt am vergangenen Wochenende zieht die Polizei eine dramatische Bilanz: 271 Menschen wurden zur Identitätsfeststellung festgehalten, darunter 220 Minderjährige; 32 Personen wurden festgenommen, 28 weitere angezeigt. 14 Sicherheitskräfte und insgesamt mehr als 100 Menschen wurden verletzt. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni kündigt eine Krisensitzung an.

Droht Deutschland auch eine solche Protestwelle?

Zuletzt gingen junge Menschen vor allem gegen die Wehrpflicht auf die Straße, etwa am 16. Oktober bei der Blockade eines Gymnasiums in Berlin-Friedrichshain. Auch Klimaproteste und „Brandmauer“-Demonstrationen gegen die AfD mobilisieren immer wieder junge Menschen. Die französischen Proteste selbst finden hierzulande bislang wenig Nachahmung – eine Ausnahme bildete die Blockade des Französischen Gymnasiums im Berliner Ortsteil Tiergarten am 12. Oktober, die sich laut „Tagesspiegel“ am französischen Vorbild orientierte.

Wie ist die Stimmung unter Schülerinnen und Schülern in Deutschland?

„Schüler und Schülerinnen fühlen sich gerade nicht gehört. Es gibt eine große Einsamkeit und eine große fehlende Zugehörigkeit. Das führt zu Resignation“, sagt Amy Kirchhoff, Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz. Politisiert sei die Jugend durchaus, nur drehten sich ihre Themen um konkrete Dinge. Die 19‑Jährige führt da etwa hohe Preise an, zum Beispiel beim Döner und Busticket, aber auch fehlende Freizeitangebote. Aber auch Klimaschutz oder die Wehrpflicht treiben junge Menschen auf die Straße, wie zuletzt beim Aktionstag „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ am 25. September.

Simon Schnetzer ist Herausgeber der Studie „Jugend in Deutschland“, welche regelmäßig die Lage der deutschen Jugend untersucht. „14 Prozent der 14- bis 29-Jährigen sind zufrieden mit der Politik, 61 Prozent sind unzufrieden mit der Situation. 25 Prozent sind unentschieden dazwischen“, sagt der Jugendforscher. Das Potenzial zu Protesten sei da, die Unzufriedenheit hoch. Proteste wie in Frankreich seien eine Frage der Zeit: „Ich sehe am Horizont die tickende Zeitbombe – und das ist gar nicht so sehr an die Schulen geknüpft, sondern an die Überlastung der Sozialsysteme durch die Finanzierung aufgrund der älter werdenden Gesellschaft.“ Momentan gehe es den Jugendlichen aber noch gut, viele könnten sich auf soziale Absicherung etwa durch die Eltern verlassen.

Rauchschwaden an der Statue am Platz der Republik. Am 17. Oktober gerieten Protestierende und Polizeikräfte in Frankreich aneinander.
Rauchschwaden an der Statue am Platz der Republik. Am 17. Oktober gerieten Protestierende und Polizeikräfte in Frankreich aneinander.© AFP | Geoffroy Van Der Hasselt

Wenn es zu Protesten in Deutschland kommt: Können sie genauso eskalieren?

„Die Protestkulturen unterscheiden sich, vor allem darin, wie Unzufriedenheit geäußert wird“, sagt Johanna Wahl, Protestforscherin der Universität Oldenburg. In Deutschland verteile sich der Protest stärker auf Einzelthemen – auch wegen der föderalen Struktur. „Wir haben ein föderales Bildungssystem, das jede Gruppe von Schülern noch einmal in 16 kleine Einzelteile herunterbricht. Im Gegensatz zum zentralisierten Frankreich, wo es leichter ist, auf einzelne Personen sauer zu sein“, sagt Kirchhoff. Damit verweist sie auf die klaren Feindbilder der französischen Bewegung: Premierminister Lecornu, verantwortlich für die Haushaltskürzungen, und Innenminister Laurent Nuñez, dem die Polizeigewalt gegen Jugendliche angelastet wird.

Steht Deutschlands Bildungssystem schlechter da als das französische?

Teilweise ja, wie ein Ländervergleich zeigt. Deutschland investierte 2025 4,4 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts in Bildung, in Frankreich waren es im selben Jahr 6,7 Prozent. Das zeigt sich auch bei den Lehrkräften: In Frankreich waren rund sieben Prozent der Lehrkräfte nicht vollständig qualifiziert, in Deutschland über 18 Prozent, wie eine Studie der OECD herausfand. Bei der schulischen Leistung hat Deutschland knapp die Nase vorn: Bei der diesjährigen Pisa‑Studie belegte die Bundesrepublik Platz 23, Frankreich lag dahinter auf Platz 27.

Welche Rolle spielt Social Media dabei?

Auf Social Media gehen die Videos der französischen Proteste regelmäßig viral, und sie werden auch in Deutschland gesehen. „Es wird diskutiert, debattiert, und kommentiert. Da passiert viel Austausch zwischen jungen Menschen“, sagt Amy Kirchhoff von der Bundesschülerkonferenz. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung fand 2025 heraus, dass 74 Prozent der jungen Menschen in Deutschland sich durch Social-Media-Plattformen über politische Themen informieren. Davon profitierten vor allem die AfD und die Linke bei der letzten Bundestagswahl.

Was sagen deutsche Politiker?

Im politischen Deutschland ist die Stimmung gespalten. Innenminister Alexander Dobrindt verurteilte die Ausschreitungen. In einem Interview mit „Bild“ sagte der Politiker: „Wer Straßen in Schlachtfelder verwandelt, Polizisten angreift und Rathäuser anzündet, demonstriert nicht für bessere Bildung, sondern führt einen bewaffneten Kampf gegen die freiheitliche Gesellschaft und unseren Lebensstil.“ Auf die Gewalt bezogen sagte Dobrindt: „Wer nicht klar benennt, dass sich hier Linksextremisten und ein migrantisches Milieu zum gemeinsamen Kampf gegen das demokratische System auf der Straße treffen, hat die Situation nicht verstanden.“ Linke-Chefin Ines Schwerdtner unterstützte die friedlichen Demonstranten. „Die Menschen sind zu Recht wütend. Und sie wollen ein Ende der Kürzungen, damit sie sich ihr Leben wieder leisten können.“ Gleichzeitig verurteilte sie Gewalt und Zerstörung von einer kleinen Gruppe als „Missbrauch des gerechtfertigten Protests“.