Die Stimme auf dem kurzen Video klingt verzweifelt: „Nein, nicht das Klavier!“, ruft eine Angestellte des Gymnasiums von Moissy-Cramayel (südöstlich von Paris) den vermummten Jugendlichen zu, die auf ihrem Saubannerzug auch ein Klavier in der Einengangshalle umstürzen und darauf herumspringen. „Nicht das Klavier!“, ruft die Frau immer wieder. „Nein, nein, nein!“

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Der Ruf ging durch die sozialen Medien – und einige Kommentatoren fragten, was die Randalierer mit den Lehrern angestellt hätten, wenn sie ihrer habhaft geworden wären. Denn die Gewaltspirale dreht sich in Frankreich immer schneller. In den zwei Wochen der Schulproteste sind schon 5000 Gewalttäter – 85 Prozent sind minderjährig – festgenommen worden. In La Ciotat wurde ein Schulleiter mit Benzin übergossen, als er die Attacken zu stoppen versuchte. Er konnte sich gerade noch retten, ohne dass jemand den Sprit in Brand steckte.
Unweit davon, in Marseille, richtete ein 15-Jähriger bei einem Bushäuschen seinen Flammenwerfer aus nächster Nähe auf das Gesicht einer Frau. Das zeigte ein virales Video. Das Opfer trug Verbrennungen davon und reichte Klage ein.
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Schulproteste in Frankreich: Gewalt nehme „extremere Formen“ an
Die Liste ließe sich weiterführen, mit Vorfällen in Straßburg, Le Havre, Paris, Lyon oder Nantes, wo das Gymnasium Nelson-Mandela brannte. Frankreichs Fernsehzuschauer fragen sich: Warum attackieren diese Mittelschüler ihre Gymnasien und demolieren damit ihre eigenen Forderungen nach mehr Lehrern oder renovierten Schulen?
„Die Kultur der Gewalt nimmt in den letzten Jahren immer extremere Formen an“, sagte Philippe Guibert vom Informationsdienst der Regierung (SIG). Straßenproteste und Volksaufstände – bei denen oft die Marseillaise mit ihrem Einstieg „Zu den Waffen, Bürger!“ angestimmt wird – haben in Frankreich Tradition. Neu ist, dass sie heute live übertragen werden. Das reizt die Jüngsten. Die brutalen Schläge und Fußtritte mehrerer Schüler gegen einen Lehrer, der in Toulouse mit einem Feuerlöscher intervenieren wollte, kamen im Handumdrehen auf eine Million Klicks.
Dazu kommt politische Vereinnahmung vor den Präsidentschaftswahlen im April 2027. Für Marine Le Pen sind die Vorgänge ein gefundenes Fressen, ohne dass sie viel sagen muss. Der Linkskandidat Jean-Luc Mélenchon und seine Linkspartei Unbeugsames Frankreich (LFI) haben die ersten Schulproteste vor zwei Wochen zudem bewusst geschürt, behauptet der französische Geheimdienst in einem Bericht. Mélenchon geißelt nicht zu Unrecht die „Rohheit der Polizei“. In Tours verlor ein Schüler ein Auge, vermutlich durch einen polizeilichen Flashball. LFI-Politiker bezeichnen die CRS-Bereitschaftspolizisten seit den Gelbwestenprotesten von 2019 als „éborgneurs“, frei übersetzt: „Augenausschießer“.
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Macrons Schweigen verschärft Führungskrise
Dass sich die Hypergewalt auf den Straßen Frankreichs ungezügelt entladen kann, hat aber zweifellos auch mit einer Absenz zu tun. Staatspräsident Emmanuel Macron hält sich aus den schweren Ausschreitungen heraus. Bisher beließ er es bei einem müden „Aufruf an alle, Ruhe zu bewahren“. Der fromme Wunsch verklang ungehört. Nur: Wenn in Frankreich der Präsident ausfällt, fehlt der Nation die zentrale Autoritätsperson. Das öffnet dem Chaos Tür und Tor. Früher hätten – und hatten – sich Ex-Präsidenten wie Jacques Chirac oder François Mitterrand in einem feierlichen TV-Auftritt an die National gewandt, um die Lage mit konkreten Konzessionen zu entschärfen.
Jetzt herrscht an der Staatsspitze große Leere. Macron lässt die Polizei und Innenminister Laurent Nuñez allein und führungslos. Bildungsminister Edouard Geffray ist offensichtlich überfordert, und für Konzessionen hat er schlicht keine Mittel. Der soeben aufgelegte Haushaltsentwurf für 2027 sieht keine Neuausgaben im Bildungssektor vor, sondern Einsparungen.
Doch Macron interessiert sich in seinem letzten Halbjahr im Elysée nur noch für Geopolitik. Der Politologe Dominique Reynié sagte, das Machtvakuum im Elysée-Palast nütze zuerst den Extremisten: Mélenchon finde ein neues Stimmenreservoir bei den stimmberechtigten Gymnasiasten, Le Pen bei der schweigenden Mehrheit im Land. Das ist besonders bitter für Macron: Im Wahlkampf 2017 und bei der Wiederwahl 2022 war er angetreten, um Le Pen einzugrenzen. Jetzt ist sie so stark wie nie zuvor.
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Schulproteste führen zu Unterrichtsausfall an hunderten Oberschulen
Wie die Schülerproteste ausgehen könnten, weiß derzeit niemand. Am Dienstag wollen Gymnasiasten, Gewerkschaften und Elternverbände auf die Straße gehen, um ihren Forderungen nach mehr Mitteln für die Mittelschule Nachdruck zu verleihen. Und sie betonen: auf gewaltlose Weise.
Nach den Ausschreitungen fällt am Montag der Unterricht an hunderten Oberschulen weiterhin ganz oder teilweise aus. In 400 bis 500 Schulen seien die nötigen Sicherheitsbedingungen nicht gegeben, sagte Bildungsminister Édouard Geffray am Sonntag im Rundfunk. Bereits am Freitag hätten 400 bis 500 Schulen den Unterricht ausgesetzt. Am Montag werde der Unterricht in Teilen und „schrittweise“ wieder aufgenommen.
mit afp











