Finnland galt lange als europäisches Vorbild im Kampf gegen Wohnungslosigkeit. Seit 2008 verfolgt das Land konsequent das Prinzip „Housing First“ – auf Deutsch so viel wie „zuerst Wohnraum“. Zwischen 2012 und 2023 sank die Zahl der Wohnungslosen dort um mehr als die Hälfte – von rund 8000 auf etwa 3400 Menschen. Damit bewegte sich Finnland gegen den europäischen Trend, denn in den meisten anderen Ländern nahm Wohnungslosigkeit im selben Zeitraum zu.

Finnland: Housing First setzt auf festen Wohnraum als Startpunkt für Hilfe

Das Konzept dahinter ist einfach, aber radikal anders: Wohnen gilt als Grundrecht, nicht als etwas, das man sich erst verdienen muss. Zuerst bekommen Betroffene eine feste Wohnung – erst danach folgen Behandlung, medizinische Versorgung oder die Suche nach Arbeit. Befürworter argumentieren, dass sich dieser Ansatz langfristig auch finanziell lohnt, weil andere staatliche Systeme wie Gesundheitsversorgung oder Notfallhilfe entlastet werden. Notunterkünfte dagegen sind kein Ziel, sondern etwas, das vermieden werden soll.

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Doch der anfängliche Erfolg bröckelt. Vor wenigen Jahren schien das Ziel der früheren sozialdemokratischen Regierungschefin Sanna Marin, Obdachlosigkeit bis 2027 vollständig zu beenden, noch realistisch. Seitdem hat die aktuelle rechte Regierung jedoch massiv bei Sozialleistungen und im Gesundheitswesen gekürzt. Die Folge: Laut der jüngsten nationalen Erhebung vom November ist die Zahl der Obdachlosen zum zweiten Mal in Folge gestiegen, auf inzwischen 4579 Personen – ein Plus von 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Als Ursachen nennt die Regierung selbst steigende Wohn- und Lebenshaltungskosten, Leistungskürzungen sowie eine Zunahme von Drogenproblemen und psychischen Erkrankungen. Besonders betroffen sind Frauen, junge Erwachsene unter 25 Jahren und Menschen mit Migrationshintergrund.

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Wohnungslosigkeit in Deutschland steigt 2024 erneut deutlich an

Im internationalen Vergleich bleibt Finnland trotzdem in einer deutlich besseren Position. In Spanien etwa stieg die Zahl der Wohnungslosen zwischen 2012 und 2022 um etwa ein Viertel. In England vermeldete die Hilfsorganisation Shelter laut „Guardian“ im vergangenen Dezember einen Anstieg um 8 Prozent auf 382.618 Betroffene binnen eines Jahres, mit einem Rekordwert an Menschen in Notunterkünften. Die Zahl der Menschen ohne jede Unterkunft nahm dort sogar um 20 Prozent zu.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Kein Wunder also, dass Politiker weltweit weiterhin auf das finnische Modell blicken – darunter auch der neue britische Premierminister Andy Burnham. Er versprach in seiner Antrittsrede, Obdachlosigkeit in Großbritannien zu beenden, und startete eine 442-Millionen-Pfund-Kampagne mit dem Ziel, „jeden zu Weihnachten nach Hause zu bringen“.

Auch in Deutschland verschärft sich die Lage. Nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) waren 2024 rund 1.029.000 Menschen wohnungslos, nach 928.000 im Jahr zuvor. Etwa 56.000 von ihnen lebten ganz ohne Unterkunft auf der Straße. Zum Stichtag 30. Juni 2024 waren 760.000 Menschen betroffen, verglichen mit 681.000 im Vorjahr. Von 2023 auf 2024 bedeutet das einen Anstieg von 11 Prozent. Noch drastischer war der Sprung von 2022 auf 2023 mit 53 Prozent.

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Das BAG W fordert daher ein „entschiedenes sozial- und wohnungspolitisches Gegensteuern“ von der Bundesregierung, die sich eigentlich einer nationalen Strategie verschrieben hatte, um Wohnungslosigkeit auch in der Bundesrepublik bis 2030 obsolet zu machen. Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum sei allerdings der größte Faktor bei dieser Entwicklung, so die Arbeitsgemeinschaft. Es brauche nun unter anderem einen deutlichen Ausbau von Sozialwohnungen, effektive Maßnahmen gegen Mietenwucher, verstärkten Mieterschutz und weniger Kürzungen im sozialen Sicherungssystem.