Bundeskanzler Friedrich Merz ist zurück aus der Sommerpause, in Berlin stehen ihm sofort schwere Tage bevor. Am Montag bei der ersten Sitzung der CDU-Spitzengremien nach den Ferien wird der CDU-Vorsitzende zu hören bekommen, wie groß die Nervosität in seiner Partei ist – nach der verstolperten Regierungsumbildung, mitten im neuen Rentenstreit und vor absehbaren Niederlagen bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin oder Mecklenburg-Vorpommern. Am Dienstag bei der Klausurtagung des Kabinetts im brandenburgischen Schloss Neuhardenberg wird es nicht besser, der Klimaschutz ist nur eines von mehreren Konfliktthemen, alle Beteiligten wissen: Die Koalition ist im Stimmungstief, die Umfragen sind desaströs.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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85 Prozent der Bundesbürger sind nicht zufrieden mit der Arbeit des Bundeskanzlers – selbst unter den Anhängern von CDU und CSU sind mehr als die Hälfte unzufrieden. Alarmierend: In einer neuen Yougov-Umfrage im Auftrag der dpa gehen 54 Prozent der Befragten davon aus, dass Merz nicht die volle Wahlperiode Kanzler bleiben wird – fast jeder Fünfte rechnet mit einem Aus noch dieses Jahr. Wäre jetzt Bundestagswahl, käme die Union laut einer Forsa-Umfrage auf 21 und die SPD auf zwölf Prozent der Stimmen – nur ein Drittel der Wähler steht hinter der Koalition. Lässt sich die negative Stimmung überhaupt noch drehen? Kann der Kanzler die Wende schaffen oder ist er gescheitert? Wir haben vier renommierte Meinungsforscher und Kommunikationsexperten befragt: Schwer, so der Tenor, wird es für Merz auf jeden Fall.
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Merz verliert Vertrauen: Mehrheit der Deutschen unzufrieden mit Kanzlerarbeit
„Unmöglich ist die Wende nicht, aber Merz hat nicht mehr viel Zeit, um politische Handlungsfähigkeit zu beweisen“, sagt Janina Mütze, Mitgründerin und Geschäftsführerin des Instituts Civey. Die Daten zeigten ein gespaltenes Bild: „Zwar halten es 42 Prozent der Menschen in Deutschland für wahrscheinlich, dass Friedrich Merz nach den Landtagswahlen im Herbst Kanzler bleibt, 78 Prozent empfinden seine bisherige Arbeit allerdings als Enttäuschung.“ Die Vertrauensbasis sei brüchig. Ankündigungspolitik reiche nicht mehr aus, der politische Kredit scheine weitgehend aufgebraucht.
„Die Menschen erwarten konkrete Ergebnisse, vor allem bei der Reform des Sozialstaats und beim Bürokratieabbau“, sagt Mütze. „Gleichzeitig hängt die politische Stimmung eng am wirtschaftlichen Ausblick: Wenn der Aufschwung bei den Menschen ankommt und sich ihre persönlichen Erwartungen verbessern, kann sich auch die Stimmung gegenüber der Regierung drehen.“ Die entscheidende Frage sei, ob die Menschen in den kommenden Monaten tatsächlich eine Veränderung in ihrem Alltag wahrnehmen.
Unbeliebte Kandidaten
Auch der Kommunikationsexperte Raphael Brinkert sieht noch eine Chance: „Die Regierung ist für vier Jahre gewählt, sie hat mit vielen unverschuldeten Krisen und mit Reformstau zu kämpfen. Im Basketball-Spiel wären wir jedoch erst in der ersten Viertelpause, jetzt muss die Mannschaft zeigen, dass sie Comeback kann“. Brinkert, der 2019 einen erfolgreichen Europawahlkampf für Angela Merkel und die CDU verantwortete und auch der Kopf hinter den zwei unterschiedlich erfolgreichen Kanzler-Wahlkampagnen für Olaf Scholz (SPD) war, analysiert: „Die aktuelle Unzufriedenheit mit dem Kanzler ist auch deshalb so groß, weil das Wirtschafts-Comeback noch ausbleibt und zentrale Wahlkampfversprechen wie die Schuldenbremse bereits vor dem ersten Amtstag einkassiert wurden.“
Die Regierung kann das Blatt noch wenden. Sie sollte nahbarer und mutiger sein, die Menschen mitnehmen und Lust auf ein Deutschland der Zukunft machen.
Ralph Brinkert, Kommunikationsexperte
Generell sei es bei der Bundestagswahl 2025 sehr auffällig gewesen, dass alle demokratischen Parteien mit Kandidaten ins Rennen gegangen seien, die zu dem Zeitpunkt weder überparteilich beliebt noch gewollt gewesen seien. So seien die Ränder erstarkt. „Merz wurde als Mann des Kurswechsels gewählt“, sagt Brinkert. „Jetzt muss er beweisen, dass Kompromiss nicht Kursverlust, sondern Führung sein kann. Es muss klar werden: Wofür kämpft diese Regierung, wo will sie das Land hinführen? Was der Regierung noch fehlt, ist eine Fortschrittserzählung, dabei kann sie zu einem Antreiber und Wegbereiter für ein Deutschland-Comeback werden. Das fehlt noch, und dieses Vakuum füllt sich derzeit mit Wut, Protest und die Flucht zu Alternativen. Aber die Regierung kann das Blatt noch wenden. Sie sollte nahbarer und mutiger sein, die Menschen mitnehmen und Lust auf ein Deutschland der Zukunft machen.“

Friedrich Merz: „Ankündigungen und erlebte Realität klaffen weit auseinander“
Manfred Güllner, Gründer und bis vor Kurzem Geschäftsführer des Forsa-Instituts, ist skeptischer: „Ich fürchte, dass sich die große Unzufriedenheit mit Kanzler Merz bei den Bundesbürgern verfestigt hat.“ Nach dem Ende der zuletzt wenig beliebten Ampel-Koalition seien viele froh über einen Neuanfang gewesen. „Nun aber sind viele enttäuscht und der Eindruck, Merz könne nicht regieren, verstärkt sich von Woche zu Woche.“

„Es ist schwer vorstellbar, dass Merz dieses Urteil in absehbarer Zeit ändern kann.“ Merz habe es nicht geschafft, den Aufstieg der AfD zu stoppen, ihm fehle die Bindekraft, um die unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen einzubinden und Interessen auszugleichen. „Dazu klaffen die Ankündigungen und die erlebte Realität weit auseinander“, erklärt Güllner. „Natürlich wissen die Menschen, dass die Wirtschaft nicht mit einem kurzen Knopfdruck wieder anspringt. Doch so wie Merz regiert und auftritt, wird das Urteil über ihn immer negativer.“
Umfragen-Experte: Merz gelingt keine „empathische Ansprache“
Stephan Grünewald, Gründer des Rheingold-Instituts für Marktforschung, meint: „Jeder andere Kanzler hätte in dieser Situation ähnliche Probleme. Bei Friedrich Merz kommt dazu, dass die Menschen das Gefühl haben, er kenne ihren Alltag und ihre Probleme nicht. Ihm gelingt es nicht, eine empathische Ansprache zu entwickeln, es wirkt häufig schulmeisterlich und von oben herab.“ Die Menschen hätten das Gefühl, angesichts der ganzen Krisen in einer Ohnmachtssituation zu sein. Es gebe eine gespaltene Wirklichkeit, in der man im Privaten noch Geborgenheit und Zuversicht erlebe, während man sich von der gesellschaftlichen Ebene zurückziehe, sagt der Diplom-Psychologe Grünewald. „Die Menschen haben sich in einer Art Nachspielzeit eingerichtet. Es ist klar, dass die vertrauten Zustände nicht mehr lang anhalten werden.“
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Es gebe aber mehr Verklärung der Vergangenheit als produktive Aufbruchsstimmung. „Das führt zu Missmut, zu Wut, zu einer latenten Zerstörungslust. Die Wähler spüren, dass es so nicht weitergehen kann.“ Die Stimmung zu drehen, sei „wahnsinnig schwer“, meint Grünewald. „Es hilft, wenn die Menschen, das Gefühl haben, zusammen für eine Sache zu arbeiten wie etwa in der Energiekrise 2022.“ Grünewalds Rat: Erst eine schonungslose Diagnose, danach eine Vision und im dritten Schritt die Gewissheit, dass es gerecht zugehe und dass alle mitziehen und aufeinander bauen können. Mit den nötigen Reformen als Etappenziele würden zwar die Beliebtheitswerte kurzfristig erstmal noch weiter sinken, aber wenn sich Erfolge zeigten, gingen sie eben auch wieder hoch.
„Eine Art Deutschlandpakt“

Auch Brinkert setzt auf mehr Gemeinsinn, gibt aber zu bedenken: „Wir haben einen von sozialen Medien extrem aufgeheizten Vertrauensverlust in zentralen Bereichen unseres Lebens und damit auch in die Politik. Aber klar muss sein: Vertrauen gewinnt man nicht durch Ankündigungen zurück, sondern durch Taten und in Raten, Schritt für Schritt.“
Um aus der Negativspirale herauszukommen, brauche es auch einen Konsens von Politik, Wirtschaft, Medien und Gesellschaft. Brinkert schwebt „eine Art Deutschlandpakt“ vor: „Deutschland ist ein herausragendes Land, aber eine gerechte und gute Zukunft gelingt in der Zeitenwende nur gemeinsam, nicht mit dem Fingerzeig oder dem Verlassen auf andere.“











