Natalie Harp war lange eine jener Washingtoner Figuren, die man ständig sieht und trotzdem kaum kennt. Sehr blond, sehr diskret, Laptop unter dem Arm, mobiler Drucker in Reichweite, fast immer wenige Schritte hinter Donald Trump. Ihr Spitzname, „human printer“, weil sie dem 80-Jährigen gute Botschaften ad hoc ausdruckt, klang nach Büro-Folklore. Seit dieser Woche klingt er eher nach einer Machtfrage: Wer bestimmt, was der Präsident zu sehen bekommt – und wie wurde diese Person überprüft?

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Der brisanteste neue Befund: Harp soll nach Recherchen des Senders MS NOW ohne die übliche Sicherheitsüberprüfung länger als ein Jahr im Weißen Haus gearbeitet haben. Demnach verzögerte sie die nötigen Formulare, obwohl sie fast ungehinderten Zugang zu Trump hatte und jede Menge Informationen für ihn filterte. Erst nachdem Sicherheitsbeamte Alarm geschlagen hatten, soll Trump eingegriffen haben. Harp erhielt dem Sender zufolge erst in den vergangenen Monaten eine Sicherheitsfreigabe. Das Weiße Haus bestätigt, sie besitze heute eine.

Wie nah Harp Trump ist

Damit geht es nicht mehr nur um eine 35-Jährige, die ihrem Chef schwärmerische Briefe („Du bist alles, was für mich zählt!“) schrieb. Harp sitzt in Besprechungen, hilft bei Trumps Truth-Social-Nachrichten und entscheidet mit, welche Artikel und Posts aus sozialen Medien bei ihm landen. Wer dieses Menü täglich zusammenstellt, übt unweigerlich Macht aus.

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Wie nah Harp Trump ist, zeigte sich im Juli. Als der Secret Service den Präsidenten nach einer möglichen iranischen Bedrohung heimlich aus Ankara ausfliegen ließ, wurde Trump über einen Catering-Laster in eine kleinere Militärmaschine gebracht. Die Minister Marco Rubio und Scott Bessent blieben im anderen Flugzeug zurück. Harp durfte mit Trump fliegen. Damit gehörte sie selbst in einer akuten Sicherheitslage zum innersten Kreis.

Dann kam Jon Ossoff. Der demokratische Senator aus Georgia sagte vor wenigen Tagen, während Matrosen auf der „USS Abraham Lincoln“ Trumps Krieg führten, schlafe der Präsident in Sitzungen und spiele Golf. „Er will den Job nicht machen“, sagte Ossoff. „Er will seinen Ballsaal bauen und mit Natalie reisen.“ Später erklärte er, Harp werde als Trumps „Sicherheitsdecke“ bezeichnet: Menschen wie sie sagten ihm nicht, was er hören müsse, sondern was er hören wolle.

Harps Bruder spricht von „ungesunder Obsession“

Das Weiße Haus hätte die Bemerkung ignorieren können. Stattdessen machte es Harp erst recht berühmt. Kommunikationsdirektor Steven Cheung beschimpfte Ossoff vulgär. Als CNN-Reporterin Kristen Holmes Trump nach Harp fragte, nannte er sie „Fake News“ und „respektlos“. Ein offizieller White-House-Account schrieb, Holmes’ Kinder würden eines Tages „angewidert und beschämt“ von ihrer Mutter sein. Die Frage nach einer Assistentin löste eine Reaktion aus, als sei ein Staatsgeheimnis berührt.

Dann meldete sich auch noch Harps entfremdeter Bruder Preston zu Wort. Seine Aussagen sind die Perspektive eines zerstrittenen Familienmitglieds, keine unabhängige Diagnose. Interessant sind sie trotzdem: Harps Faszination für Präsidenten habe lange vor Trump begonnen, sagte er dem Sender CNN. Schon mit etwa 16 habe sie Briefe an George W. Bush geschrieben. „Ihr Traum ist endlich wahr geworden“, sagte Preston Harp. Die heutige Bindung an Trump nennt er eine „ungesunde Obsession“.

Dazu passt eine neu bekannt gewordene Episode aus dem Jahr 2023. Als Harp Trump zu einem Gerichtstermin in Manhattan begleiten wollte, aber kein Platz mehr in der Wagenkolonne war, soll sie sich nach einem Streit im Trump Tower in den Kofferraum eines SUV gesetzt haben. CNN berichtet, ein Foto davon gesehen zu haben. Einspruch: Eric Trump, einer der Söhne des Präsidenten, verteidigte sie als „eine der härtesten Arbeiterinnen im Weißen Haus“ und nannte den Auftritt ihres Bruders „absoluten Müll“.

Eine ideale Geschichte für Donald Trump

Harp überlebte Knochenkrebs und machte Trump 2019 öffentlich zu ihrem Retter. Sein „Right to Try“-Gesetz habe ihr eine besondere Behandlung ermöglicht, sagte sie später beim republikanischen Parteitag. Medizinexperten bezweifelten das: Das von Harp beschriebene Medikament war bereits von der Arzneikontrollbehörde FDA zugelassen; Off-Label-Anwendungen gab es lange vor Trumps Gesetz.

Für Trump war die Geschichte ideal: Eine junge Frau erzählte vor Millionen Menschen, er habe ihr das Leben gerettet.

News aus den USA

Nach seiner Wahlniederlage blieb sie. Bei dem Rechtsaußen-Sender One America News verteidigte sie seine Wahlbetrugsbehauptungen, 2022 rückte sie in seinen persönlichen Apparat. Sie druckte positive Artikel aus, tippte Diktate und half bei nächtlichen Posting-Schüben. Maggie Haberman und Jonathan Swan berichten in ihrem Bestseller „Regime Change“, Harp habe Trump Botschaften in privaten Räumen hinterlassen, darunter: „Du bist alles, was für mich zählt.“ Trump soll über andere Mitarbeiter gesagt haben, sie würden irgendwann gehen. Natalie dagegen „wird mich nie verlassen“.

Für ein Verhältnis zwischen beiden gibt es keinen belastbaren Beleg. Harp verkörpert das Personalprinzip von Trumps zweiter Präsidentschaft: Nähe entsteht weniger durch Amt oder Expertise als durch Loyalität. Swan beschreibt im Umfeld des Präsidenten einen „fast mystischen Glauben“ an Trumps Urteil und Instinkt. Der „menschliche Drucker“ ist damit kein kurioses Accessoire mehr. Natalie Harp ist zur Schnittstelle zwischen dem Präsidenten und der Wirklichkeit geworden. Und wenn diese Person nach Berichten mehr als ein Jahr lang näher an Trump war als fast jeder andere, bevor eine normale Sicherheitsüberprüfung abgeschlossen war, ist die wichtigste Frage nicht, was auf ihren kleinen Zetteln stand. Sondern warum offenbar niemand ihr den Zugang verwehren konnte.