Riesige Waldbrände, kaum Wasser in den Flüssen, trockene Felder und gefährliche Hitze: Deutschland und weite Teile Europas erleben in diesem Jahr einen Sommer, der die Folgen des Klimawandels in aller Deutlichkeit ausmalt. Was Klimaforscherinnen und -forscher seit Langem vorhergesagt haben, tritt jetzt ein – und trifft auf ein Land, das seltsam unvorbereitet scheint.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Wenig kühle Orte in den Städten, zu wenig Hitzeschutz in sozialen Einrichtungen, Notfallmaßnahmen im Verkehr, die ausgleichen sollen, dass über den Rhein und andere Wasserstraßen nur noch wenig transportiert wird: Warum ist Deutschland so schlecht angepasst an die Folgen des Klimawandels? Und wie lässt sich das ändern?

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Maike Voß vom Zentrum Klimaanpassung berät gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen die, die auf Klimaveränderungen reagieren wollen. Und das sei die große Mehrheit, sagt sie. „Viele Kommunen haben sich beim Thema Klimaanpassung auf den Weg gemacht.“ 83 Prozent würden laut einer Befragung des Umweltbundesamtes schon Anpassungsmaßnahmen umsetzen. Doch die Bereitschaft zu handeln, trifft in der Praxis oft auf Hürden. „Fehlende personelle und finanzielle Ressourcen sind oft ein Problem“, sagt Voß, „manchmal auch fehlender politischer Wille.“

Niedrigwasser: Ein Rhein-Pegel bei 5 Zentimetern? „War einfach nicht vorgesehen“

Auch die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Fachämtern und Behörden könne dazu führen, dass Prozesse in der Praxis lange dauern. „Wenn ein Straßenbaum gepflanzt werden soll, ist nicht nur das Grünflächenamt beteiligt, sondern, je nachdem, wo der Baum stehen soll, auch das Straßenbauamt oder noch weitere Stellen.“ Je nach Zahl und Auslastung der beteiligten Stellen koste diese Abstimmung Zeit.

Doch gerade die fehlt. Nach Ansicht von Expertinnen und Experten beschleunigt sich die Erderwärmung. Auswirkungen, die lang als Zukunftsszenarien galten, treten jetzt ein. Ein Beispiel dafür sei der Rhein, sagt Lukas Sander, Experte für Klimaanpassung beim Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos. „Einen Rhein-Pegel von 5 oder 6 Zentimeter bei Kaub ist in den hydrologischen Modellen einfach nicht vorgesehen, auch nicht in einem Szenario mit 3 Grad Erwärmung.“

Waldbrände auch in Deutschland

„Ereignisdemenz“: Politik vergisst Lehren aus früheren Dürresommern

Dementsprechend sei man sich darauf auch nicht vorbereitet. Doch Sander sieht noch einen weiteren Mechanismus am Werk: eine „gewisse Ereignisdemenz“, wie er sagt. 2018 etwa führte der Rhein ebenfalls dramatisch wenig Wasser. Transportketten rissen, es kam zu Lieferengpässen für Benzin und Diesel, Unternehmen wie BASF mussten zeitweilig ihre Produktion einschränken.

Die Politik war alarmiert – und legte 2019 den Aktionsplan Niedrigwasser vor. „Ein paar Dinge wurden umgesetzt, vieles andere aber auch nicht“, sagt Sander. Und dann sei der Hitze- und Dürresommer irgendwann vorbei gewesen, und die Debatte habe sich wieder anderen Themen zugewandt. „Es reicht aber nicht, sich immer nur punktuell für Klimaschutz und Klimaanpassung zu interessieren“, sagt Sander.

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Klimaschäden kosten Deutschland schon jetzt Milliarden

2023 hatte das Prognos-Institut in einer Szenario-Analyse untersucht, welche volkswirtschaftlichen Folgekosten Klimaschäden in Deutschland künftig verursachen könnten. Je nach Szenario kamen die Autorinnen und Autoren damals bis 2050 auf Gesamtkosten von 280 Milliarden Euro bis 900 Milliarden Euro. Sander weist darauf hin, dass in diesem Jahr schätzungsweise bereits eine Milliarde Schaden durch das Niedrigwasser entstanden sein dürfte, weitere sechs Milliarden durch die Hitze, dazu die erwarteten Schäden in der Landwirtschaft. „Das zeigt, wie schnell diese Summen Realität werden können.“

Dem sich mit Anpassungsmaßnahmen entgegenzustemmen, ist in Deutschland Aufgabe der Länder und vor allem der Kommunen. Wo etwa eine Schule Verschattung an den Fassaden bekommt, wo Rückhalteräume für Wasser entstehen sollen oder ein Krankenhaus klimatisiert werden soll, wird vor Ort entschieden. Doch dort fehlt oft das Geld, viele Kommunen sind chronisch unterfinanziert. Unterstützen kann der Bund bisher nur punktuell, etwa über Förderprogramme. Doch auch dafür gab es in der Vergangenheit schon Rüffel vom Bundesrechnungshof, weil der Bund seine Kompetenzen überschreite.

Die SPD will für Klimaanpassung das Grundgesetz ändern

Die SPD dringt deshalb auf die Einführung einer neuen „Gemeinschaftsaufgabe Klimaanpassung und Naturschutz“ im Grundgesetz, nach dem Vorbild der schon existierenden Gemeinschaftsaufgaben für die regionale Wirtschaftsstruktur sowie für die Agrarstruktur und den Küstenschutz. So soll es für den Bund möglich werden, sich dauerhaft an der Finanzierung von Klimaanpassung vor Ort zu beteiligen. Die Union signalisiert bisher allerdings Ablehnung gegenüber diesem Plan.

Der Naturschutzverband NABU hält eine Gemeinschaftsaufgabe für Klimaanpassung für sinnvoll, warnt aber auch, dass das nicht reichen wird. Wenn es etwa um Anpassung an Dürre und Starkregen gehe, würden technische Lösungen nicht ausreichen, sagt Kim Detloff, Fachbereichsleiter Politik beim NABU. „In der Vergangenheit ging es vor allem darum, Wasser möglichst schnell aus der Landschaft herauszuführen. Jetzt müssen wir es in der Landschaft halten“, sagt er. Konkret heiße das, Alt-Arme von Flüssen wieder an den Strom anzuschließen, Auen und Moore wieder zu vernässen und Entwässerung zu stoppen – auch dann, wenn damit landwirtschaftliche Flächen künftig anders bewirtschaftet werden müssten als bisher. Klimaanpassung in diesem Bereich, sagt Detloff, erfordere deshalb nicht nur mehr Geld, sondern einen echten „Kulturwandel“.