Vor gut einer Woche eröffnete das „Volksbad“ vor der Volksbühne. Seitdem sorgt das kostenlose Freibad-Projekt des neuen Intendanten Matthias Lilienthal für Gesprächsstoff. Erst führten defekte Duschen zu einer tagelangen Schließung. Dann ging das Video der CDU-Politikerin Aileen Weibeler aus Berlin viral. Sie kritisierte, aufgrund eines Events für die Schwarze Community am Freitag nicht schwimmen gehen zu können. Sie fühle sich diskriminiert.

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Das Video zog online weitreichende Kritik nach sich. Ebenso wie Zuspruch und Applaus aus rechten Kreisen. Sogar AfD-Parteichefin Alice Weidel äußerte sich.
Der Verein Each One Teach One (EOTO), der das Event gemeinsam mit der Volksbühne ausrichten wollte, zog jetzt Konsequenzen – und sagte das Event ab. Grund seien Sicherheitsbedenken.
Auch interessant
Volksbad Berlin: Verein erfährt Rassismus und bekommt Droh-Mails
Am späten Donnerstagnachmittag veröffentlichte der Verein ein Statement auf seiner Website. EOTO ist im Bereich der Rassismusprävention tätig und setzt sich für das Empowerment Schwarzer Menschen ein. Der Verein ist einer der Träger des Black Communities Center in Berlin-Wedding, das dieses Jahr eröffnet wurde.
Ziel der Veranstaltung am Freitag sei gewesen, einen „schönen Sommerferien-Nachmittag für die teilnehmenden Kinder und Jugendlichen und ihre Angehörigen zu organisieren“. Das sei nun nicht mehr möglich. Man könne „nicht mehr darauf vertrauen, dass es eine positive Erfahrung für die jungen Menschen wird und dass die physische und psychische Sicherheit der Kinder und Jugendlichen am morgigen Freitag im Volksbad (...) gewährleistet werden kann – auch nicht durch Sicherheitskräfte und Polizei.“
Der Verein habe durch die Veranstaltung gemeinsam mit der Volksbühne einen sicheren Raum schaffen wollen für Menschen, die strukturell in der Gesellschaft benachteiligt werden. Doch aufgrund von Droh-Mails, Rassismus und diskriminierenden Kommentaren in sozialen Netzwerken sei dieser Raum gefährdet.
Auch interessant
Auch Der Intendant der Berliner Volksbühne, Matthias Lilienthal, nahm Stellung und erklärte: „Wir werden selbstverständlich weiterhin positive Maßnahmen für strukturell benachteiligte Menschen anbieten. Hier geht es um die Verantwortung, die öffentliche Institutionen haben. Wir solidarisieren uns – heute und an jedem Tag – mit allen, die Rassismus und rechten Feindbildmarkierungen ausgesetzt sind.“
Volksbühnen-Intendant verteidigt Schwimm-Slots für benachteiligte Gruppen
Lilienthal hatte die zeitweise Reservierung des „Volksbads“ für Vereine benachteiligter Gruppen bereits zuvor verteidigt. „Wir versuchen damit, dem Berliner Landesantidiskriminierungsgesetz zu folgen, das vorsieht, Gruppen, die diskriminierende Erfahrungen machen, einen Rahmen zu bieten, in dem sie sich diskriminierungsfrei bewegen können“, sagte Lilienthal dem „Spiegel“.
Der Verein EOTO etwa sollte das Bad am Freitag zwischen 12 und 18 Uhr exklusiv nutzen. Anschließend wäre das Becken für den regulären Badebetrieb geöffnet worden. Neben Eoto ist das Bad an anderen Tagen zum Beispiel für den Verein Gangway-Crew, der Straßensozialarbeit mit jugendlichen und erwachsenen Menschen macht, oder den Verein Flussbad Berlin, der die Aufhebung des pauschalen Badeverbots in der Spree fordert, reserviert.
„Hier geht es also um positive Maßnahmen für strukturell benachteiligte Menschen und um Verantwortung, die öffentliche Institutionen haben. Wir bitten um Respekt, dass wir bei der Veranstaltung nur den Besuch der betroffenen Gruppe erbeten“, so der Volksbühnen-Chef. Im Übrigen seien auch die Berliner Bäder immer wieder für Vereinsveranstaltungen reserviert.

„Volksbad“-Debatte: AfD und CDU-Kommunalpolitikerin gegen exklusive Nutzung von Schwarzen Communitys
Die Exklusivnutzung war auf Kritik gestoßen. AfD-Chefin Alice Weidel sprach von „Apartheid“, bezog sich also auf das frühere politische System in Südafrika. Obwohl die überwiegende Mehrheit der Menschen Schwarze waren, hatten nur die Weißen das politische Sagen. Auch die junge Berliner CDU-Kommunalpolitikerin Aileen Weibeler äußerte Unverständnis und sagte, sie dürfe nicht ins Freibad, weil sie weiß sei. Dies sei ein diskriminierendes Gefühl.
Die Berliner Morgenpost hat kurz vor Bekanntgabe der Absage mit Weibeler telefoniert. „Die Reichweite war für mich überraschend“, sagt sie mit Blick auf ihr Video. In den über 4000 Kommentaren unter dem Beitrag ist viel Kritik. „Ich kann mit inhaltlicher Kritik leben, wir sind eine freie Gesellschaft“, sagt Weibeler. „Aber den Hass, die Beleidigungen, die ich jetzt bekomme, habe ich so noch nicht erlebt.“
Auch interessant
Debatte um Freibad-Event: CDU-Politikerin lehnt Zutritt nach Hautfarbe ab
Die Bezirksverordnete aus Berlin-Pankow äußert grundsätzliche Kritik am geplanten Event. „Ich habe noch kein gutes Argument gehört, weshalb sechs Stunden Schwimmen für eine bestimmte Hautfarbe die Rassismusprobleme dieser Welt oder in Berlin auch nur ansatzweise lösen können“, sagt Weibeler.
Das scheint aber auch nie das Ziel der Veranstaltung gewesen zu sein. Laut Angaben des Vereins EOTO habe man gemeinsam mit der Volksbühne einen Raum für Schwarze Menschen schaffen wollen, in dem diese sich sicher fühlen. „Die Volksbühne setzt sich grundsätzlich und insbesondere mit diesem Programm für die Förderung strukturell benachteiligter Gruppen ein“, sagte Lilienthal gegenüber dem „Spiegel“.
Handelt es sich um Diskriminierung, wenn andere Personen das Bad an diesem Freitag für einige Stunden nicht nutzen dürfen? „Nein“, hält Lilienthal dagegen.
Kritik, dass Weibeler als weiße Frau auch in jedes andere Schwimmbad gehen könne, wohingegen die Schwarze Community mit dem Event einen Safe Space gehabt hätte, weist das CDU-Mitglied zurück. Die Hautfarbe dürfe kein Kriterium dafür sein, wer ins Freibad gehen darf und wer nicht. Dennoch erkennt sie an, dass es ein Problem sei, wenn sich Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, Sexualität oder ihrer Religion an öffentlichen Orten nicht wohlfühlen.
Volksbühne weiterhin geschlossen, Öffnung am Freitag ungewiss
Das temporäre Schwimmbecken steht seit dem 7. August 2026 vor der Volksbühne und soll dort bis Anfang Oktober bleiben. Wegen technischer Probleme ist es aktuell geschlossen. Eine Anfrage dieser Redaktion, ob das Volksbad am Freitag wieder für den regulären Betrieb öffne, ließ die Volksbühne bis Redaktionsschluss unbeantwortet.
dpa/viv







