• Soldatennachschub für Russland könnte bald aus Nordkorea kommen
  • Kim Jong-un und Wladimir Putin arbeiten schon länger zusammen
  • Ob die Zahl von 30.000 Soldaten realistisch ist, ist umstritten

Wolodymyr Selenskyjs Aussage auf der Nachrichtenplattform X las sich wie eine neue Eskalationsstufe im Krieg: „Seit Juni laufen in der russischen Region Woronesch Vorbereitungen für ihre Aufnahme“, schrieb der ukrainische Präsident. Und mit „ihrer Aufnahme“ meinte er nicht etwa eine neue Rekrutierung von Soldaten aus Russland, sondern aus einem Land, das von der Ukraine gut 7000 Kilometer östlich liegt: Personeller Nachschub für die Front komme bald aus Nordkorea.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Konkret gehe es um 30.000 Soldaten. Falls Selenskyj gut informiert ist, und davon ist auszugehen, bekommt das nordkoreanische Engagement eine neue Dimension. Bisher haben Schätzungen zufolge zwischen 15.000 und 20.000 Militärs aus Nordkorea an der Seite Russlands gegen die Ukraine gekämpft. Die behauptete neue Aufstockung wäre also in etwa eine Verdopplung des personellen Aufwands eines Landes, das am anderen Ende der Welt liegt.

Zudem warnte Selenskyj auch vor einer Eskalation in Asien: „Nordkorea bereitet zudem die Verlegung weiterer Startvorrichtungen für ballistische Raketen nach Russland vor.“ Dies stelle nicht nur die Ukraine vor Aufgaben. „Russland unterstützt Nordkorea dabei, Kriegsführung zu erlernen, seine Waffen zu verbessern und praktische Kampferfahrung in deren Einsatz zu sammeln. All dies ist eine Bedrohung für alle in Asien, die sich in Reichweite nordkoreanischer Raketen befinden.

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Selenskyjs Aussagen, die auf Erkenntnissen des ukrainischen Geheimdienstes beruhen sollen, lassen sich bisher nicht überprüfen. Im mit Nordkorea verfeindeten Südkorea hieß es, man beobachte die Entwicklungen genau. Konkrete Hinweise auf Truppenentsendungen habe man bisher aber nicht.

Seit Russland im Februar 2022 den aktuellen Angriffskrieg auf die Ukraine begonnen hat, lobt die Führung in Pjöngjang den russischen Präsidenten Putin für seinen Angriff. Im Frühjahr ließ Nordkoreas Diktator Kim Jong-un sogar ein Denkmal für Kriegsgefallene einweihen – für jene Menschen aus seinem Land, die für Russland in den Krieg gezogen sind und getötet wurden.

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Nordkorea hat sich früh nicht nur rhetorisch, sondern auch tatkräftig auf die Seite Russlands geschlagen. 2024 vereinbarten Russland und Nordkorea einen Militärpakt, der auch gegenseitige Unterstützung zusicherte. Ab Ende 2024 schickte Nordkorea neben Militärgerät auch Soldaten an die Front – allerdings auf russisches Staatsgebiet, um dort gegen ukrainische Soldaten zu kämpfen. Der südkoreanische Geheimdienst ging zuletzt davon aus, dass schon um die 6000 von ihnen umgekommen sind.

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In Nordkorea aber scheint man das Engagement im Krieg Russlands weniger als Gefahr für das Leben von Landsmännern zu sehen denn als strategische Chance. Einerseits wäre da die Erfahrung in Kriegseinsätzen, die dem nordkoreanischen Militär nützt. Hinzu kommt geopolitisches Kalkül. Zuvor war Nordkorea – wegen seines Atomprogramms von harten UN-Sanktionen getroffen – international eher isoliert. Als auch Russland sanktioniert wurde, suchte Moskau nach neuen Freunden – und fand einen in Pjöngjang.

Durch die Zusammenarbeit im Ukraine-Krieg profitiert Nordkorea. Das Land hatte schon im Kalten Krieg Militärgerät produziert und exportiert, das sich an Standards des russischen Vorgängerstaats Sowjetunion orientierte. Im Gegenzug könnte es Technologietransfers und Nahrungsmittelunterstützung aus Russland geben. Frederic Spohr, Leiter des Seoul-Büros der Friedrich-Naumann-Stiftung, meint: „Kim dürfte nicht abgeneigt sein, den russischen Angriffskrieg weiter zu unterstützen.“

Kim Jong-un und Wladimir Putin posieren gemeinsam für Fotos
Verstehen sich: Russlands Präsident Wladimir Putin (l.) und der nordkoreanische Staatschef Kim Jong-un posieren 2024 für ein Foto während einer Unterzeichnungszeremonie der neuen Partnerschaft. © dpa | Kristina Kormilitsyna

Auf weitere Verluste habe Kim Jong-un – der den Ukraine-Krieg schon „heilig“ genannt hat – sein Volk ohnehin eingestellt, so Spohr. „Da sich Russlands Position im Angriffskrieg offenbar weiter verschlechtert, stärkt dies Kims Verhandlungsposition gegenüber Moskau zusätzlich.“ Im April reiste Russlands Verteidigungsminister Belousow nach Pjöngjang, Anfang Juli folgte ein Besuch von Nordkoreas Außenministerin in Moskau. Ein neues Militärabkommen soll bald unterzeichnet werden.

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Allerdings ist umstritten, ob die Zahl von 30.000 Soldaten plausibel ist. Vladimir Tikhonov, Koreanistik-Professor an der Universität Oslo, gebürtiger Sowjetbürger und heute südkoreanischer Staatsbürger, ist skeptisch. „Die Zahlenangabe scheint nicht auf vertrauenswürdigen Informationen zu beruhen“, schätzt Tikhonov. Zudem betont er: „Nordkorea ist sich voll bewusst, dass das Territorium, das Russland in der Ukraine erobert, nach internationalem Recht nicht als russisch anerkannt wird.“

Ein angeblicher nordkoreanischer Soldat sitzt in einem Zelt
Das Foto, herausgegeben von der ukrainischen Regierung, zeigt einen nordkoreanischen Soldaten, den ukrainische Soldaten gefangen nahmen und in ein Lazarett brachten. © Anadolu/Getty Images | Getty Images

Jene Gebiete, die nicht einmal vom Russland indirekt unterstützenden China anerkannt werden, würden nordkoreanische Soldaten deshalb kaum betreten wollen, da sich ansonsten auch eine mögliche Normalisierung der Beziehungen gegenüber westlichen Staaten umso schwieriger gestalten werde. Hieran sei Nordkorea aber grundsätzlich interessiert.

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Weniger interessiert scheint Nordkorea dagegen an einer Entspannung der Beziehungen mit Südkorea, mit dem es sich seit dem Koreakrieg (1950 bis 1953) formal im Kriegszustand befindet. Während sich Südkorea unter dem seit einem guten Jahr regierenden Präsidenten Lee Jae-myung immer wieder um Austausch bemüht, hat Nordkorea bisher alle Avancen ignoriert.

Eine weitere Eskalation des Krieges in der Ukraine ist auch in diese Richtung ein deutliches Zeichen: Pjöngjang, das Südkorea offiziell als „verfeindeten Staat“ bezeichnet, will sich lieber militärisch stärken, als Entspannung zu üben.